Ein Datum, dass sich Cineasten besonders dick in den Kalender schreiben sollten, ist der 7. September 2010. Dann zeigt ARTE um 23.55 Uhr eine weitere Folge des legendären Durch die Nacht mit... Starring: Harmony Korine und Gaspar Noé! Ist das nicht allein schon Grund genug, seine Wochenplanung auf dieses Ereignis hin auszurichten, begleitete das Ganze auch noch Bruce LaBruce hinter der Kamera!
Wem diese Namen jetzt überhaupt nichts sagen. Hier ein kleiner Überblick:
Bruce LaBruce
Sie nannten ihn Underground-Ikone.
Es wird gemunkelt, dass Kurt Cobain LaBruces No Skin off My Ass (1990) zu seinem Lieblingsfilm ausgerufen haben soll... Eine Gayromanze in verkrisseltem Schwarz/Weiß. Bruce LaBruce - wie er einem Skinhead Pickel ausdrückt und Zehen ableckt.
Sein Film Hustler White (1996) verarbeitet den labruce´schen Humor auf dem sonnigen Straßenstrich von L.A. In Co-Regie mit dem Fotografen Rick Castro realisierte LaBruce (selbst wieder vor der Kamera aktiv) einen eigenwillig-überdrehten Blick auf Pornoindustrie, Prostitution und Fetisch (der Auftritt von Performancekünstler Ron Athey ist phänomenal).
Otto, or Up with Dead People (2008) dreht sich um den melancholischen Emozombie Otto, der sich in eine politische Avantgarde-Pornoproduktion der untoten Art verläuft.
Der Kanadier ist wahrscheinlich einer der sympathischsten Regisseure dieses Planeten. Selbst schon in einer grandiosen Episode von Durch die Nacht mit... an der Seite von Jörg Buttgereit zu genießen, führte er jetzt Regie beim Aufeinandertreffen der zwei Kinoanarchisten Korine und Noé.
Harmony Korine
Er hat das Drehbuch zu Larry Clarks Kids geschrieben und spielte kleine Nebenrollen in Gus van Sants Good Will Hunting und Last Days.
Sein Debüt Gummo, an dem seine damalige Freundin Chlöe Sevigny mitgearbeitet hat (Kids - wir erinnern uns) ist ein ultra-fieser Bastard von Film. Eigentlich unbeschreibbar. Aufopferungsvolle Freakshow, Psychotrip ins madenzerfressene Herz Amerikas, Hasen-Skateboard-Western. Jonathan Caouttes Tarnation (2003) erinnert von seiner Energie ein wenig an Gummo.
Es folgten kürzere Arbeiten (u.a über David Blaine) und 1999 dann Julien Donkey Boy und man kann gar nicht anders als fasziniert zu sein, wie ein formelles Experiment derart harmonisch mit solch erschreckend gutem Schauspiel verschmelzen kann. Chlöe Sevigny, Ewen Bremner (Spud aus Trainspotting) und Werner Herzog als soziopathischer Familienkomplex. Ebenso verstörend, weniger durch Schock (wie in Gummo), eher durch die anrührende Geschichte, deren Hoffnungslosigkeit sich einbettet in Bilder, denen ein weiches Rauschen - wie Schneegestöber- zu eigen ist. In Julien Donkey Boy kommt der Zuschauer den Figuren wirklich nahe. Und das ängstigt.
Sein dritter abendfüllender Spielfilm heißt Mister Lonely. Diego Luna als Michael-Jackson-Imitator, der von Marilyn Monroe auf eine schottische Insel eingeladen wird, in ein Schloss voller Doubles, die eine Varieté auf die Beine stellen wollen (mit Leos Carax sowie Denis Lavant als Charlie Chaplin, der hier nicht nur im Äußeren Adolf Hitler ähnelt).
Erneut Werner Herzog - diesmal in der Nebenhandlung - als fliegender Regenwald-Missionar, dem eine Nonne aus dem Flugzeug fällt.
Ein Sammelsurium an Skurrilität, enorm unterhaltsam, voller Humor, voller Tragik.
2009 dann Trash Humpers, dessen Premiere in Nashville Noé und Korine zu Beginn von Durch die Nacht mit... beiwohnen.
Bezeichnend, dass eine der Nachwuchshoffnungen im wirklichen Independentbereich in Deutschland so gut wie völlig übersehen wird.
Gaspar Noé
Harmony Korine gegenüber gesellt sich niemand anderes als Gaspar Noé, einer der wichtigsten Filmemacher unserer Zeit. Als Skandalregisseur abgestempelt und mit ungerechten Vorurteilen des Publikums verbunden, prägt der aus Argentinien stammende Regisseur seine Filme durch eine Kompromisslosigkeit, die sie, selbst in einer fragmentierten Gesellschaft wie unserer, in unvermutet viele Schichten ankommen lässt.
Gaspar Noé ruft mit seinem Werk eine filmische Apokalypse und ein Neudenken des Filmemachens hervor. Von Carne (1991), über Menschenfeind (1998) und Irreversibel (2002) bis, seit diesem Sommer in deutschen Kinos, Enter the Void (2009), etabliert er ein eigenes, kritisches System der filmischen Erzählung. Im Vordergrund steht immer das bewegte Bild als schöpferische Instanz, unterstützt von sinngebenden Kamerabewegungen – möglichst ohne Schnitt. Denn Montage, so Noé - im Gegensatz zum klassischen Erzählkino - verfremdet die Bilder, verändert oder dekonstruiert ihren Sinn (wie Irreversibel gezeigt hat).
Noés Charaktere sind stets verlorene Seelen, zu einem Ende in Chaos und Vernichtung verdammt. Gesellschaftliche Rollen und Beziehungen sind bei Noé - wie bei S. Kubrick - Anlass für den Untergang seiner Helden, ob innerlich oder in äußerer Einsamkeit, auf ewig getrennt von ihren Nächsten.
Trotz des Eigensinns seiner nicht auf finanziellen Erfolg zielenden Werke, schafft es Noé immer, diese in den Medien auf große Resonanz treffen zu lassen. Ob das seinen Schauspielern zuzuschreiben ist (Philippe Nahon, Monica Belucci, Vincent Cassel, Paz de la Huerta spielten in seinen Filmen mit) – oder der Skandalträchtigkeit der Filme, eines steht fest: Gaspar Noés Konzept des Filmemachens vereint Genialität und Weltbühne.
(Noé-Text: Ciprian David)
Man darf also zu Recht gespannt sein. Wer die Ausstrahlung am 7.9. um 23.55 Uhr dann tatsächlich verpasst haben sollte, kann 7 Tage danach unter www.arte.tv seinen Fehler beseitigen.
Jeder, der einen witzigeren Anfang als den von Korines Mister Lonely kennt, möge ihn im Kommentar posten...oder für immer schweigen!





























