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hofbauer kongress kritik sexfilm

Maria Cecilia (Lia Rossi)

J.P. de Carvalho, Brasilien 1963

Ein faszinierend bösartiger, verstörend asozialer Film, der sich einer wahnwitzigen Überbietungsdramaturgie unterwirft, stakkatoartig auf eine Grausamkeit die nächste folgen lässt, diese durch die rigorose Grobschlächtigkeit der deutschen Synchro wiederum ins Unermessliche akzentuiert. Ein in seinen Ungeheuerlichkeiten freudig vibrierendes Meisterwerk, welches mit einer beängstigenden Selbstverständlichkeit Nötigung, Zwang, Verdrängung, seelische Schmerzen und Neurosen als in dieser Welt grundlegendste Formen sexueller Annährung durchexerziert, doch es irgendwie dennoch immer wieder schafft, die sich häufig anbahnende Entgleisung zur Groteske mit den Grundmustern des Soziodrams zu glätten, der Erzählung so eine schizophrene Ordnung zu verleihen.

Inspiriert wurde der Film von einem Stück des brasilianischen Dramaturgen Nelson Rodrigues. In diesem Sinne theaterhaft wirkt auch die lose, bruchstückhafte Aneinanderreihung der Schauplätze, bei welchen es sich oft um filmisch generische Set-Pieces mit bereits implizitem Bedrohungspotential handelt – einem schummrigen Waldrand, einem abgeschiedener Friedhof oder auch auf den ersten Blick hermetisch isoliert wirkenden Innenräumen – und setzt dann stets noch einen drauf, indem er ihre Topografie im wahrsten Sinne des Wortes nach Schlupflöchern für allerlei sarkastisch grausame Spielereien abtastet: Ein degenerierter Aussätziger bricht da urplötzlich aus dem Unterholz hervor, unterbindet dadurch ironischerweise eine versuchte Vergewaltigung. Für deren Täter wie Opfer, dem Protagonisten Edgar (Jece Valadão), einem Büroangestellten und seinem aus ähnlichen sozialen Verhältnissen stammendem Objekt der Begierde Rita (Odeta Lara), dient in einer anderen Szene dann tatsächlich ein leerstehendes Grab als Örtlichkeit für ein weiteres fast erzwungenes Stelldichein. An anderer Stelle artet eine private Orgie in einer Villa durch das Öffnen einer vor den Gästen zuvor sorgsam verborgen gehaltenen Hintertür zur psycho-okkultisch angehauchten Gewaltkaskade aus.

hofbauer kongress 2014

Ein leeres Grab als zwiespältige Zuflucht

Dann ist da noch die Physiognomie der Figuren, wie gerne scheint der Film die Großaufnahme als reines Offenbarungsinstrument zu benutzen, um ein gewisses destruktives Mehr in den männlichen Gesichtern zu finden: Mal bis zur Entstellung zerfurchte Hautpartien, dann plötzlich ein stolz gerekeltes, speckig angeschwelltes Doppelkinn, später ein wildes, lüsternes Zähnefletschen.

Sehr früh im Film endet der Tag für Edgar in einem Besäufnis. Sein schwerreicher Chef (begnadet sleazig: Fregolente) hat ihm ein unwiderstehliches Angebot gemacht: Seine Tochter Maria Cecilia (Lia Rossi) soll er heiraten, schließlich sei diese geschändet worden und somit bar ihrer Jungfräulichkeit nicht mehr leicht an den Mann zu bringen. Es winkt eine ansehnliche Entschädigung, sollte er zustimmen. Überfordert von der Situation, säuft er sich in ein Delirium, die Kamera fängt dabei minuziös seine immer deutlicher entgleisende Mimik ein.
Wenn man hier nicht von Natur aus mit einer Schmierfratze gesegnet ist, muss man sich diese eben antrinken oder auch anleiden.

Sein endgültiges Herz der Finsternis findet OTTO LARA REZENDE OU…BONITINHA, MAS ORDINARIA dann aber in einer Vergleichsformel, indem der allgegenwärtige (aber im Übrigen nie explizit dargestellte und hier deshalb umso eindringlichere) physische Zynismus einem in diesem Kontext weitaus perverserem – dem einer sozialen Moral – untergeordnet wird. Dafür wird alles auf einen Gewissenskonflikt zurückgeführt und heruntergebrochen, auf die diesem obliegende zugehörigkeitspsychologische wie ethische Entscheidungsfindung: Soll man den Check mit der siebenstelligen Summe zerreißen oder schweren Herzens einlösen, und für welche Frau, für welche soziale Kaste soll man sich denn nun entscheiden? Ehrwürdige Armut oder überdekadenter Reichtum? Der Klassenkampf oder der soziale Aufstieg? Das unermessliche Leid und die seelischen Abgründe der vielen Nebenfiguren werden einfach nivelliert, indem sie in der jenseits von Gut und Böse gelagerten Erzählökonomie des Films zu simplen Bausteinen eben dieses Dilemmas des irgendwo durchweg unsympathischen Edgar gerinnen.

hofbauer kongress

Hector Wernek (Fregolente)

Zumindest eine Scheinlösung, selbstredend nur aus dessen schon sarkastisch-kurios beschränkter Perspektive betrachtet, wird dann am Ende gewährt, oder besser ausgedrückt durch einige irrsinnige Plot-Twists zurechtgelegt. Und wenn er am Ende dem Reichtum entsagt, alles Anstößige aus der Narration einfach ausgeixt wurde und er und seine Angebetete, die ihm sich nun endlich mit bestem Gewissen hingeben kann, gen malerischem Sonnenaufgang in die Tiefen des Bildes entschwinden, schmilzt der verbliebene Rest an intakten Hirnwindungen vorbildlich vor sich hin. Und doch fühlt man sich seltsam beglückt nach dem gerade erlebten Konglomerat an Maßlosigkeit.

Hier die beiden großartigen Texte von Lukas Foerster und Oliver Nöding.

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