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Wie beeinflusst das Schicksal unser Leben? Diese Frage scheint für Danny Boyles neuesten Film 127 Hours erneut existentiell. Um sie zu thematisieren, erzählt der Film die wahre Geschichte des Kletterers Aron Ralston, der fünf Tage in einer Felsspalte gefangen war und sich dennoch befreien konnte. Schon Slumdog Millionär – ebenfalls von Boyle – widmet sich der Macht des Schicksals. Zu sehen ist eine atemberaubende Geschichte eines, in einem Township lebenden Inders, dessen scheinbare Bestimmung ihn zum Millionär macht. In 127 Hours geht das Schicksal einen anderen, bitteren Weg.

In beeindruckenden Bildern erzählt Boyle die Geschichte des jungen Abenteurers Aron Ralston, der völlig alleine in den Weiten der US-amerikanischen Wüste klettert, bis hin zum tragischen Absturz, durch den sein Arm von einem Felsen eingequetscht wird, der ihn in einer engen Felsspalte gefangen hält. Da sich nun die Geschichte lediglich um eine Person dreht, eröffnet sich ab hier eine dramaturgisch schwierige Aufgabe. Anhand von Ralston, gespielt von James Franco, der die Rolle als einziger Protagonist hervorragend umsetzt, werden neben dem Schicksal auch die Themen Angst und Verzweiflung sowie Selbsterkenntnis, Wandel und Überlebenswille widergespiegelt. Eine Themenvielfalt, die den einfachen Handlungsvorgang geschickt ergänzt. Zu sehen sind schnelle Bilder, häufig durch Splitscreens dargestellte Handlungen, die von rasanter Musik begleitet werden. Diese enden sobald Ralston, in der Spalte stehend, seinen eingequetschten Arm ansieht und fassungslos, ohne jede Regung seine Lage zu verstehen versucht. Ein plötzlicher Umbruch, der das Geschehen sowie den Atem des Zuschauers zum Stocken bringt. Dadurch schafft es Boyle, diesen bloßen Aufenthalt so spannend zu gestalten, dass der Rezipient sich bald selbst eingeengt fühlt. Mittel wie Arons Gedankengänge und sein eigenes Videotagebuch werden genutzt, um noch weiter in seine innere Welt einzutauchen und seine Handlungen besser zu verstehen. Besonders auffällige und wichtige Elemente sind die Rückblenden, die Ralstons Leben vor der Katastrophe beleuchten. Sie bilden eine eigene Erzählung und zeigen so, in Verbindung mit der Katastrophe, Arons Weg vom Egomanen hin zum treusorgenden Familienvater. Beispielsweise wird gezeigt, wie Ralston sich von seiner Freundin trennt, die sich daraufhin mit den Worten: „Du wirst sehr einsam sein Aron.“ verabschiedet. Ein beinahe ironischer Ausblick auf Arons Leben, der seine Situation besonders absurd wirken lässt.

Gerade der Aspekt der wahren Geschichte hinter diesem Film sorgt dafür, dass sich beim Publikum selbst Angst und Verzweiflung ausbreiten. Eine völlige Hilflosigkeit umgibt den Protagonisten, wie auch den Betrachter, der genau weiß, dass das Geschehen bereits in der Realität passiert ist und ein Eingreifen gänzlich unmöglich ist. Genau dieses Wissen über den Ausgang der Geschichte beschäftigt den Zuschauer während der gesamten Handlung. Durch die spannende Erzählstruktur wird der Film sicherlich auch den unwissenden Zuschauer in den Bann ziehen und an seine Ängste apellieren.

Im Gegensatz zum Zuschauer, möchte Aron Ralston die Hilflosigkeit nicht siegen lassen. Der unglaubliche Überlebenswille ermutigt ihn, sich aus seiner Lage zu befreien. Natürlich gelingt ihm das erst, nachdem er viele Misserfolge erleiden muss, bis er keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich den Arm abzuschneiden, denn dieser war es, der ihn während der ganzen Zeit daran hinderte die Felsen zu verlassen. Daraus ergibt sich allerdings eine weiterführende Frage und zwar die, der Beziehung zwischen Schicksal und Eigenleistung. Inwiefern habe ich mein Leben selbst im Griff? Wenn das Schicksal plausibel scheint, dann ist das Leben Aron Ralstons paradox. Wie die Rückblenden im Film zeigen, hatte Ralston sein Leben immer selbst im Griff und nahm keinerlei Hilfe an. Doch in seiner ausweglosen Situation beginnt er zu phantasieren und kommt dadurch zu einer klaren Erkenntnis: „Dieser Felsen hat mein Leben lang auf mich gewartet.“ Er hat sich selbst in diese Situation hineingebracht, und befreit sich selbst aus dieser hinaus, ohne Unterstützung, wie schon sein ganzen Leben lang. Ist der Fels dann wirklich ein durch das Schicksal entstandenes Zeichen, das ihn dazu zwingt auch in Zukunft selbst weiter zu machen? Schließlich ändert sich sein Leben im Nachhinein.

Die Blu-ray enthält das Extra: Die Rettung des wahren Aron Ralston, das sein Leben nach der Katastrophe zeigt. Zu sehen ist ein Mann, der von vielen Menschen als Held gefeiert wird. Einige, die von Ralston hörten, meldeten sich bei ihm und erklärten, dass ihnen seine Geschichte Kraft gab um selbst weiter zu machen. Und auch er macht weiter, und geht trotz allem ohne jegliches Zögern klettern. Mittlerweile ist er Vater eines kleinen Kindes, das sein Leben dahingehend verändert, dass er nicht nur für sich selbst Verantwortung zu tragen hat. Eine positive Veränderung, die ihn von nun an Hilfe in allen Lebenslagen annehmen lässt.
Dient das Schicksal also nur als Wegweiser um den richtigen Lebensweg einzuschlagen? Hätte sich Ralston seiner Bestimmung ergeben, wäre er nun tot, doch er selbst hat etwas getan um dieses zu ändern, bedingt durch einen Lebenswillen, der viele weitere Menschen inspiriert hat. Das Schicksal eines jungen Mannes, der durch eine schreckliche Erfahrung Selbsterkenntnis erfährt, Angst, Einsamkeit, Chancenlosigkeit versus Überlebenswille, sind die Gesichtspunkte, die das Publikum zum Nachdenken bringen. Verpackt sind diese in einem Film, der die Kontraste atemberaubender Naturaufnahmen und einer durchweg gelungenen Erzählform einer Katastrophe verbindet.
Die HD-Qualität präsentiert die ästhetisch inszenierten Naturbilder, Kamerafahrten und Splitscreens auf beeindruckende Weise, was den besonderen Charme der Blu-ray Version ausmacht.

127 Hours – Pressespiegel auf film-zeit.de


127 Hours
R: Danny Boyle
B: Danny Boyle, Simon Beaufoy
K: Michael B. Call
D: James Franco, Kate Mara, Amber Tamblyn, Clémence Poésy
USA, 2010, 94 Min.
20th Century Fox Home Entertainment
Veröffentlichung: 29.07.2011
Bildformat: 16:9, 1.85:1

Sprache: Englisch 5.1 DTS-HD-MA, Deutsch 5.1 DTS, Japanisch 5.1 DTS, Ungarisch 5.1 Dolby Digital, Polnisch VO 5.1 Dolby Digital, Thailändisch 5.1 Dolby Digital, Türkisch 5.1 Dolby Digital

Untertitel: Englisch, Deutsch, Japanisch, Bulgarisch, Chinesisch, Mandarin, Kroatisch, Arabsich, Ungarisch, Indonesisch, Hebräisch, Malaiisch, Polnisch, Serbisch, Koreanisch, Thai, Türkisch, Vietnamesisch, Slovenisch, Deutscher Audiokommentar von Danny Boyle, Christian Colson und Simon Beaufoy, Jananischer Audiokommentar von Danny Boyle, Christian Colson und Simon Beaufoy, Koreanischer Audiokommentar von Danny Boyle, Christian Colson und Simon Beaufoy

Extras: Audiokommentar von Danny Boyle, Christian Colson und Simon Beaufoy, Die Rettung des echten Aron Ralston, Hinter den Kulissen von „127 Hours“, Kurzfilm: „God of Love“ von Luke Matheny, Entfallene Szenen: Auf eigene Faust unterwegs, Schön, dass du es geschafft hast, Vier Optionen, Sag mir einfach was ich machen soll, Nachricht an die Angehörigen, Schließ die Augen, Mom, Alternatives Ende

FSK: 12

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