Mit ihrem neuen Film, der einen deutschen Titel trägt, der an
Kaurismäki erinnert und den Zuschauer zu einer etwas falschen Voreinstellung dem Film gegenüber bringt, erweitern die zwei französischen Komikern und Regisseure
Gustave de Kervern und
Benoit Delépine ihre mit ihren bisherigen zwei Filmen (
Aaltra und
Avida) eingeschlagene lakonische Richtung und treiben sie bis in den Surrealismus.
Louise Hires a Contract Killer hat einen ganz einfachen Plot. Eine Fabrik wird geschlossen, also beschließen die gerade gefeuerten MitarbeiterInnen sich an dem Chef zu rächen indem sie ihn mit dem Abfindungsgeld von einem Auftragsmörder erledigen lassen. Damit und darüber hinaus sollte der Zuschauer aufhören, Kausalität oder Kohärenz in diesem Film zu suchen.
Ein Zentrum der filmischen Welt ist Louise (Yolande Moreau). Von ihr stammt auch die Idee zu der Verwendung der Abfindungsgelder. Louise heißt in Wirklichkeit Jean Pierre und ist ein Mann. Sie war im Knast. Lesen lernt sie gerade von einem Schuljungen aus der Nachbarschaft. Leider war sie aber nicht fleißig genug und konnte die Mahnung zur Evakuierung ihres Wohnhauses nicht entziffern. Ach ja, eine Frau wurde Jean-Pierre, weil er sonst keine Arbeit finden würde. Das andere Zentrum des Films ist der Auftragsmörder, Michel (Bouli Lanners). Michel ist eigentlich eine Frau. Er ist ein Spezialist des Sicherheitsdienstes, mittlerweile hat er aber alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt. Seinen Arbeitsplatz als Sicherheitsmann – ein Trailer Park.
Aus den niederen Schichten der Gesellschaft gehen also unsere Helden eine Reise nach oben in der kapitalistischen Hierarchie des Konzernchefs an, immer den Boss des gerade umgelegten Boss entdeckend, so dass der Auftrag sich in eine endlose Schleife zu verwandeln droht. Ihre Orientierungslosigkeit dabei spiegelt nicht nur das bereits erwähnte Bildungsniveau, den entsprechenden Humor (der sich in diesem Film auf diese Weise diegetisch wunderbar selbst vor der Kritik erlöst), sondern auch ihre Identitätsprobleme bezüglich der eigenen Sexualität. Was auch immer die Ursachen dafür sein sollen, keiner der beiden findet alleine zu einem vollkommenen Individuum, oder zum Erfolg, alles wird ihnen nur als Paar gegönnt.
Nach und nach schafft es Michel sich vor der Erledigung seines Auftrags zu drücken, indem er im Sterben liegende Bekannten aus seinem unsichtbaren Hut zaubert und ihnen einen glanzvollen Abgang gönnt, indem sie seine Aufgabe erfüllen. Aber diese Art Freunde werden immer seltener, so wie die Sprache der Bosse sich zurückbildet, je mehr man sich der Spitze dieser industriellen Hierarchie annähert (irgendwann endet diese in einem bloßen „Buy / Sell“, die Kargheit des logischen Denkens der Unterschicht ironisch reflektierend), und er wird von Louise aufgefordert, endlich mal ein Mann zu sein und es selber zu tun. Das Mannsein schafft er natürlich nicht, dafür findet er aber zur resoluten Frau und erledigt endlich einen Boss, was ihn eine neue, von Louise zu respektierende, Identität vermacht, die zur Erzeugung eines Kindes (im Knast, nach der Verhaftung) führt.
Der Auftrag ist aber nie erledigt, die Hierarchie der Bosse wird zu einem ironischen Kommentar der finanziellen Krise und geht immer weiter. Übrig bleibt nur die Frage, was für ein Geschlecht das Kind hat, und die bittere Antwort für den Genderdiskurs: die Chefs sollen es entscheiden.
Am Ende noch die Widmung an Louise Michel, der französischen Anarchistin aus der Pariser Kommune, deren Männerkleidung und Aufrufe zur Verwendung radikaler Mittel gegen die konservative Regierung im damaligen Frankreich zur Geschichte wurden. Und die entfallenen Szenen auf der DVD, leider ohne deutsche Untertitel.
Louise Hires a Contract Killer / Louise Michel
R: Gustave de Kervern und Benoit Delépine
D: Yolande Moreau, Bouli Lanners, Benoit Poelvoorde
Frankreich, 2009 (2010 DVD), 91 Min.
KOOL Filmdistribution
Mit ihrem neuen Film, der einen deutschen Titel trägt, der an
Kaurismäki erinnert und den Zuschauer zu einer etwas falschen Voreinstellung dem Film gegenüber bringt, erweitern die zwei französischen Komikern und Regisseure
Gustave de Kervern und
Benoit Delépine ihre mit ihren bisherigen zwei Filmen (
Aaltra und
Avida) eingeschlagene lakonische Richtung und treiben sie bis in den Surrealismus.
Louise Hires a Contract Killer hat einen ganz einfachen Plot. Eine Fabrik wird geschlossen, also beschließen die gerade gefeuerten MitarbeiterInnen sich an dem Chef zu rächen indem sie ihn mit dem Abfindungsgeld von einem Auftragsmörder erledigen lassen. Damit und darüber hinaus sollte der Zuschauer aufhören, Kausalität oder Kohärenz in diesem Film zu suchen.
Ein Zentrum der filmischen Welt ist Louise (Yolande Moreau). Von ihr stammt auch die Idee zu der Verwendung der Abfindungsgelder. Louise heißt in Wirklichkeit Jean Pierre und ist ein Mann. Sie war im Knast. Lesen lernt sie gerade von einem Schuljungen aus der Nachbarschaft. Leider war sie aber nicht fleißig genug und konnte die Mahnung zur Evakuierung ihres Wohnhauses nicht entziffern. Ach ja, eine Frau wurde Jean-Pierre, weil er sonst keine Arbeit finden würde. Das andere Zentrum des Films ist der Auftragsmörder, Michel (Bouli Lanners). Michel ist eigentlich eine Frau. Er ist ein Spezialist des Sicherheitsdienstes, mittlerweile hat er aber alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt. Seinen Arbeitsplatz als Sicherheitsmann – ein Trailer Park.
Aus den niederen Schichten der Gesellschaft gehen also unsere Helden eine Reise nach oben in der kapitalistischen Hierarchie des Konzernchefs an, immer den Boss des gerade umgelegten Boss entdeckend, so dass der Auftrag sich in eine endlose Schleife zu verwandeln droht. Ihre Orientierungslosigkeit dabei spiegelt nicht nur das bereits erwähnte Bildungsniveau, den entsprechenden Humor (der sich in diesem Film auf diese Weise diegetisch wunderbar selbst vor der Kritik erlöst), sondern auch ihre Identitätsprobleme bezüglich der eigenen Sexualität. Was auch immer die Ursachen dafür sein sollen, keiner der beiden findet alleine zu einem vollkommenen Individuum, oder zum Erfolg, alles wird ihnen nur als Paar gegönnt.
Nach und nach schafft es Michel sich vor der Erledigung seines Auftrags zu drücken, indem er im Sterben liegende Bekannten aus seinem unsichtbaren Hut zaubert und ihnen einen glanzvollen Abgang gönnt, indem sie seine Aufgabe erfüllen. Aber diese Art Freunde werden immer seltener, so wie die Sprache der Bosse sich zurückbildet, je mehr man sich der Spitze dieser industriellen Hierarchie annähert (irgendwann endet diese in einem bloßen „Buy / Sell“, die Kargheit des logischen Denkens der Unterschicht ironisch reflektierend), und er wird von Louise aufgefordert, endlich mal ein Mann zu sein und es selber zu tun. Das Mannsein schafft er natürlich nicht, dafür findet er aber zur resoluten Frau und erledigt endlich einen Boss, was ihn eine neue, von Louise zu respektierende, Identität vermacht, die zur Erzeugung eines Kindes (im Knast, nach der Verhaftung) führt.
Der Auftrag ist aber nie erledigt, die Hierarchie der Bosse wird zu einem ironischen Kommentar der finanziellen Krise und geht immer weiter. Übrig bleibt nur die Frage, was für ein Geschlecht das Kind hat, und die bittere Antwort für den Genderdiskurs: die Chefs sollen es entscheiden.
Am Ende noch die Widmung an Louise Michel, der französischen Anarchistin aus der Pariser Kommune, deren Männerkleidung und Aufrufe zur Verwendung radikaler Mittel gegen die konservative Regierung im damaligen Frankreich zur Geschichte wurden. Und die entfallenen Szenen auf der DVD, leider ohne deutsche Untertitel.
Louise Hires a Contract Killer / Louise Michel
R: Gustave de Kervern und Benoit Delépine
D: Yolande Moreau, Bouli Lanners, Benoit Poelvoorde
Frankreich, 2009 (2010 DVD), 91 Min.
KOOL Filmdistribution
DVD: Louise hires a Contract Killer