Ein guter Anfang in dieser Hinsicht scheint mir der Abspann des Films zu sein. Die Credits für die Schauspieler werden da mit Screenshots von ihnen versehen. Zuerst erscheint das Foto des jeweiligen Protagonisten, ihn also über die Wahrnehmung der Kamera (und somit mindestens seit Bazin möglichst realitätsnah) zeigend. Darauf wird das Bild durch ein Bildbearbeitungsprogramm als Skizze verfremdet. Die Skizze wiederum wird zurück zu einem Bild transformiert, diesmal aber Schwarz-Weiß oder Sepia (es wird zwischen den zwei Formen variiert). Und zuletzt werden darauf Flecken, Grunge-Effekte und Kratzer Ebene für Ebene der Reihe nach angebracht.
Man muss heutzutage nicht außerordentlich versiert sein, um zu wissen, dass seit Photoshop viele Bildbearbeitungsprogramme ein Bild auf mehreren Ebenen bearbeiten lassen. Gefällt uns eine Ebene nicht, so können wir sie im Nachhinein löschen, verfremden, ersetzen.
Der Abspann des Films entblößt dieses Verfremdungsverfahren, sowie die Mittel der Verfremdung, und erklärt gleichzeitig auf metaphorischer Ebene wie der Film funktioniert. Einmal gab es
Sherlock Holmes, so wie man ihm kennt. Daraus wurde eine Skizze, ein Comic, der ihn in der heutigen Zeit (was Wahrnehmung angeht) neusituiert. Auf dieser Skizze wurde ein Epochenfilm aufgebaut. Und dieser Film wurde mit
Guy Ritchies Stilelementen versehen.
Sherlock Holmes ist ein postmoderner Akt der Dekonstruktion der Kategorien, so wie die Moderne diese geschaffen hat. Und wer ist ein geeigneter Charakter der Moderne, wenn nicht der brillante, stets seiner Vernunft folgende
Sherlock Holmes? Aus ihm wurde ein Superheld, ein Produkt für die Massen, einer, der auf allen Ebenen imponiert.
Guy Ritchie, so wie ihn das große Publikum mit Bube, Dame, König, GrAs und Snatch – Schweine und Diamanten kennengelernt hat, ist ein Schöpfer von Chaoswelten im englischen Underground. Eine Welt, die nicht mehr sein kann als Plattform für Strukturen des Verbrechens und von Wettspielen aller Art, eine Welt, die in ihrer Form so sehr den Vernetzungen der politischen und wirtschaftlichen Macht ähnelt, eine Welt, die entblößt, welche Ergüsse sich in der Moderne einnisten konnten, so eine Welt kann nur normal funktionieren nachdem ihre Machtstrukturen vernichtet wurden. Und dies überlässt Guy Ritchie in seinen berühmtesten zwei Filmen dem Zufall, als die große Alternative, für die sich in jedem seiner Filme so schnell konturierenden trophischen Pyramiden der Macht.
Mit Revolver rückt der Blick des Betrachters ins Innere der Charaktere, ein potenzieller Täter wird entblößt: das Ego. Sobald das Ego überwunden ist, gerät diese Welt ins Schwanken.
In RocknRolla hingegen rückt der Blick ganz nach Außen, um ein anderes Rezept vorzuschlagen: den Zugang zur Macht durch Erleuchtung. Und diese Erleuchtung kommt aus der Kunst. Denn nur derjenige, der selber Künstler ist und Qualität in Kunst nicht nur durchlebt, sondern auch erkennt, und mit ihren Mechanismen trainiert, nur derjenige durchschaut und setzt die Machtpyramide der Untergrundwelt außer Kraft.
Mit Sherlock Holmes ändert sich alles. Auf einmal haben wir hier eine wohl bekannte und bewährte Instanz, die in ihrer Gedankenkraft brilliert. Aber reicht das? Der Film hat das typische Millieu von Guy Ritchie nie verlassen, also reicht es nicht. Ein Superhirn in einem Superbody ist nötig, denn nur ein blendender Superlativ kann das Chaos um sich herum verschwinden lassen.
Im Film wird das durch eine auf den Kopf gestellte Kamera wortwörtlich illustriert. Die Kamera zeigt eine Holzkiste, auf der „This side up“ steht. – Die Holzkiste selber steht aber auf dem Kopf.
So werden beispielhaft in Sherlock Holmes Motive aus dem Schaffen Ritchies aufgegriffen, um exponentiell demontiert zu werden. Wettspiele sind eine Sache, mit der man nur noch kokettiert. Die drohenden Schweine aus Snatch werden hier halbiert, diesmal gehört die Aufmerksamkeit nur dem Mechanismus dahinten. Selbst die Prügeleinen und deren Held, der von Brad Pitt gespielte Zigeuner, werden hier aufgenommen, um seziert und erklärt zu werden.
Guy Ritchie filmt mit Sicherheit für ein Massenpublikum und seine Methoden sind von einer entsprechenden Subtilität. Aber er trainiert sein Publikum mit jedem Film und mutet ihm immer mehr zu, so dass sein filmisches Universum mit jedem Film weiter ergänzt wird.
Sherlock Holmes
R: Guy Ritchie
D: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel MacAdams, Mark Strong
USA, Deutschland 2009, 128 Min.
Warner Bros.
Ein guter Anfang in dieser Hinsicht scheint mir der Abspann des Films zu sein. Die Credits für die Schauspieler werden da mit Screenshots von ihnen versehen. Zuerst erscheint das Foto des jeweiligen Protagonisten, ihn also über die Wahrnehmung der Kamera (und somit mindestens seit Bazin möglichst realitätsnah) zeigend. Darauf wird das Bild durch ein Bildbearbeitungsprogramm als Skizze verfremdet. Die Skizze wiederum wird zurück zu einem Bild transformiert, diesmal aber Schwarz-Weiß oder Sepia (es wird zwischen den zwei Formen variiert). Und zuletzt werden darauf Flecken, Grunge-Effekte und Kratzer Ebene für Ebene der Reihe nach angebracht.
Man muss heutzutage nicht außerordentlich versiert sein, um zu wissen, dass seit Photoshop viele Bildbearbeitungsprogramme ein Bild auf mehreren Ebenen bearbeiten lassen. Gefällt uns eine Ebene nicht, so können wir sie im Nachhinein löschen, verfremden, ersetzen.
Der Abspann des Films entblößt dieses Verfremdungsverfahren, sowie die Mittel der Verfremdung, und erklärt gleichzeitig auf metaphorischer Ebene wie der Film funktioniert. Einmal gab es
Sherlock Holmes, so wie man ihm kennt. Daraus wurde eine Skizze, ein Comic, der ihn in der heutigen Zeit (was Wahrnehmung angeht) neusituiert. Auf dieser Skizze wurde ein Epochenfilm aufgebaut. Und dieser Film wurde mit
Guy Ritchies Stilelementen versehen.
Sherlock Holmes ist ein postmoderner Akt der Dekonstruktion der Kategorien, so wie die Moderne diese geschaffen hat. Und wer ist ein geeigneter Charakter der Moderne, wenn nicht der brillante, stets seiner Vernunft folgende
Sherlock Holmes? Aus ihm wurde ein Superheld, ein Produkt für die Massen, einer, der auf allen Ebenen imponiert.
Guy Ritchie, so wie ihn das große Publikum mit Bube, Dame, König, GrAs und Snatch – Schweine und Diamanten kennengelernt hat, ist ein Schöpfer von Chaoswelten im englischen Underground. Eine Welt, die nicht mehr sein kann als Plattform für Strukturen des Verbrechens und von Wettspielen aller Art, eine Welt, die in ihrer Form so sehr den Vernetzungen der politischen und wirtschaftlichen Macht ähnelt, eine Welt, die entblößt, welche Ergüsse sich in der Moderne einnisten konnten, so eine Welt kann nur normal funktionieren nachdem ihre Machtstrukturen vernichtet wurden. Und dies überlässt Guy Ritchie in seinen berühmtesten zwei Filmen dem Zufall, als die große Alternative, für die sich in jedem seiner Filme so schnell konturierenden trophischen Pyramiden der Macht.
Mit Revolver rückt der Blick des Betrachters ins Innere der Charaktere, ein potenzieller Täter wird entblößt: das Ego. Sobald das Ego überwunden ist, gerät diese Welt ins Schwanken.
In RocknRolla hingegen rückt der Blick ganz nach Außen, um ein anderes Rezept vorzuschlagen: den Zugang zur Macht durch Erleuchtung. Und diese Erleuchtung kommt aus der Kunst. Denn nur derjenige, der selber Künstler ist und Qualität in Kunst nicht nur durchlebt, sondern auch erkennt, und mit ihren Mechanismen trainiert, nur derjenige durchschaut und setzt die Machtpyramide der Untergrundwelt außer Kraft.
Mit Sherlock Holmes ändert sich alles. Auf einmal haben wir hier eine wohl bekannte und bewährte Instanz, die in ihrer Gedankenkraft brilliert. Aber reicht das? Der Film hat das typische Millieu von Guy Ritchie nie verlassen, also reicht es nicht. Ein Superhirn in einem Superbody ist nötig, denn nur ein blendender Superlativ kann das Chaos um sich herum verschwinden lassen.
Im Film wird das durch eine auf den Kopf gestellte Kamera wortwörtlich illustriert. Die Kamera zeigt eine Holzkiste, auf der „This side up“ steht. – Die Holzkiste selber steht aber auf dem Kopf.
So werden beispielhaft in Sherlock Holmes Motive aus dem Schaffen Ritchies aufgegriffen, um exponentiell demontiert zu werden. Wettspiele sind eine Sache, mit der man nur noch kokettiert. Die drohenden Schweine aus Snatch werden hier halbiert, diesmal gehört die Aufmerksamkeit nur dem Mechanismus dahinten. Selbst die Prügeleinen und deren Held, der von Brad Pitt gespielte Zigeuner, werden hier aufgenommen, um seziert und erklärt zu werden.
Guy Ritchie filmt mit Sicherheit für ein Massenpublikum und seine Methoden sind von einer entsprechenden Subtilität. Aber er trainiert sein Publikum mit jedem Film und mutet ihm immer mehr zu, so dass sein filmisches Universum mit jedem Film weiter ergänzt wird.
Sherlock Holmes
R: Guy Ritchie
D: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel MacAdams, Mark Strong
USA, Deutschland 2009, 128 Min.
Warner Bros.
Sherlock Holmes trifft auf die Welten von Guy Ritchie