-->

.

Buch: Über Freiheit und Macht - Einige Gedanken zu Paul Austers Roman "Die Musik des Zufalls"

von Elisabeth Maurer, am 12.2.10


Zwei Kräfte herrschen in der Welt. Ausgeübt von den Mächtigen, Reichen, die diese Position durch Zufall (hier ein Lotterielos) erhalten haben. Einerseits ist da das Streben nach einer perfekten Welt, einer Utopie, das zu einer von einer totalitären, sich im Recht und als alles überblickend sehenden Macht beherrschten Welt führt. Auf der anderen Seite das Verlangen nach Werten, das Sammeln, Anhäufen, Etikettieren und Ausstellen von eigentlich belanglosen Dingen, die aber als wertvoll bestimmt werden und die dem Besitzer eigentlich nur die Möglichkeit bieten, sich über andere zu erheben. So stehen die beiden Kräfte in direktem Zusammenhang, der mächtige Mensch versucht die Welt und die Wertvorstellungen nach seinen Vorgaben zu formen um sich selbst wichtig zu machen. In Paul Austers Roman „Die Musik des Zufalls“ von 1990 wird dieses Prinzip dargestellt durch die beiden reichen, selbstgerechten, hinterhältigen Männer Stone und Flower, die zusammen eine riesige Villa bewohnen. Der eine baut ein Modell seiner utopischen Welt, der andere sammelt im Nachbarzimmer Reliquien wie eine von Churchills Zigarren und behandelt seine Fundstücke mit sakraler Ehrfurcht, weil sie seine Überlegenheit demonstrieren.

Auch der Hauptcharakter Jim Nashe kommt durch den Tod seines unbekannten Vaters zu einem stattlichen Vermögen. Doch sein Leben liegt schon in Trümmern, seine Frau hat ihn sitzen lassen, die kleine Tochter mußte er bei seiner Schwester lassen, weil er weiß, daß es ihr dort besser geht. Entledigt von allen materiellen Besitztümern bis auf ein neues Auto, macht sich Nashe auf, fährt ein Jahr lang ohne große Pausen kreuz und quer durch sein Land. Doch anders wie in den Filmen, die von einer Reise durch Amerika handeln, ist ihm die Umgebung völlig egal. Er denkt anhand der Landschaft und ihrer Geschichtsträchtigkeit nicht einmal an die alten amerikanischen Mythen wie der verheißungsvollen Frontier oder dem amerikanischen Traum des Aufstiegs von ganz unten. Seine absolute Freiheit ist von Anfang an zeitlich begrenzt (solange wie sein Geld reicht) und eine Weltflucht, eine rauschartige Abkehr von all den Mechanismen und den Zusammenhängen der Welt. Doch als sein Geld zu Neige geht, tut er sich mit dem jungen Pokerspieler Jack Pozzi zusammen, wie er völlig mittellos, haltlos und somit frei. Und so landen sie bei Flower und Stone, wollen Geld beim Pokerspielen verdienen und enden in völliger Unfreiheit. Hoch verschuldet willigen sie ein, für die beiden zu arbeiten. In Gefangenschaft, völliger Abgeschiedenheit und unter härterer Kontrolle wie sie zunächst vermuten, schuften sie monatelang an einer Mauer. Diese wiederrum Symbol für die beiden dominierenden Kräfte. Die Reichen kauften in Schottland ein altes Schloß, ließen die schweren Steine nach Amerika bringen und wollen nun eine riesige Mauer, ohne irgendeinen Zweck, errichten. Sie verformen die Welt, die Vergangenheit und machen sie zu einem Ding ohne wirklichen Wert, nur dienlich zur Demonstration ihrer Macht.

Die Freiheit der Menschen, die sowieso nur bestehen kann, wenn man sich loslöst von der Welt, wird bei Wiedereintritt in die Welt geknebelt und gefoltert von den miteinander verschlungenen Mächten. Alles Streben wird völlig belanglos, alle Pläne vernichtet, am Ende ist der Tod die einzig denkbare Erlösung.



blog comments powered by Disqus
 

NEGATIV Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in