Shane Ackers Debütfilm, der auf seinem gleichnamigen, für den Oscar nominierten Kurzfilm aus dem Jahr 2005 basiert, hebt sich zunächst durch zwei Eigenschaften von anderen Filmen ab. Erstens handelt es sich um einen Animationsfilm, der nicht aus dem Hause Pixar stammt und auch sonst wenig mit albernen Kinderfilmen dieser Art gemein hat. Somit gehört er eher in eine Kategorie mit
Coraline oder
Tim Burtons Corpse Bride, letzterer ist übrigens auch einer der Produzenten.
Das zweite Merkmal ist der Titel. Einen Film mit einer Zahl zu betiteln ist gewagt, einerseits stiftet es Verwirrung in Kinoprogrammen, auf der anderen Seite ist eine einfache Nummer sehr rational, sehr kurz, alltäglich, aber für eine Geschichte so ungewöhnlich, weil vermeintlich wenig erzählerische Kraft in einer Zahl steckt. So hat sich zum Beispiel auch
Rob Marshall für seine Musicalversion von
8 ½ gegen die naheliegende 9, sondern für ihre ausgeschriebene Variante entschieden. Vielleicht ja, weil er
Fellinis Film in eine leichtere, klarere Erzählung verwandelte.
Also warum eine Zahl und warum genau die? Die
9 ist in vielen Mythologien und Religionen die Zahl der Vollständigkeit, der Vollkommenheit. Sie enthält dreimal die in vielen Kulturen heilige Zahl 3. Auch gibt es ja in unserem Zahlensystem nur die Ziffern 1 bis 9 plus die 0, die aber einen besonderen Status inne hat, da sie ja das Nichts benennt. So bestehen in vielen Mythen und Geschichten Gruppen, die als vollzählig angesehen werden, aus neun Personen, zum Beispiel die neun Musen aus der griechischen Mythologie. Für unseren Zusammenhang mögen zwei Bemerkungen interessant sein. Einerseits gibt es seit dem 14. Jahrhundert schriftliche und bildliche Darstellungen der
neun guten Helden. Diese sind eine Zusammenkunft der idealen Ritter, drei aus der Antike, drei aus dem Alten Testament und nochmal drei aus dem Christentum. Natürlich lassen sich auch in Filmen vielfach diese Helden wiederfinden, Beispiele sind die neun Gefährten aus
Der Herr der Ringe und auch die
Inglourious Basterds haben neun Mitglieder. Zum anderen wird in der esoterisch beeinflußten Persönlichkeitstypisierung ein Symbol namens
Enneagramm in Form eines Neunsterns verwendet, das die Menschen in neun verschiedene Typen aufteilt, jeder mit bestimmten Charaktereigenschaften belegt. Die 9 steht also mythologisch für eine vollständige Gruppe mit unterschiedlichen Elementen.
In
Shane Ackers Film nun geht es um neun kleine Wesen, von einem Wissenschaftler mit Stoff und Innereien aus mechanischen Bauteilen erschaffen. Ihren Lebensfunken aber, der jeweils ihre Persönlichkeit bestimmt, das erfahren sie gegen Ende des Films, verdanken sie einem Übertragungsverfahren, mit dem der Wissenschaftler auf sie die neun Teile seiner Seele verteilte bevor er starb. Die Vorüberlegungen legen also die Interpretation nahe, daß die Seele des Wissenschaftlers in genau neun verschiedene Teile zerlegbar war und jeder Stoffroboter ist nun eine Facette dieser Seele. Dies zeigt sich auch daran, daß sich alle durch unterschiedliche Persönlichkeiten auszeichnen. Hauptcharakter ist die am Anfang des Films aufwachende Puppe mit der Nummer 9 auf dem Rücken. Man kann das Enneagramm als Vergleich heranziehen, auch wenn es nicht als absolut verläßliches und richtiges Typisierungsverfahren gelten sollte. Im Fall von 9 erweist es sich als recht zutreffend, so ist er der „Friedensstifter“, der die Geschichte ins Rollen bringt und sie am Ende löst. Die Vollständigkeit dieser Gruppe hat nämlich auch eine sehr traurige Komponente, denn dadurch, daß sie die Seele ihres Schöpfers tragen, sind das letzte Stück Menschlichkeit in der Welt.
9 spielt nämlich in einer Zukunft, wie sie oft in Science Fiction Filmen zu sehen ist. Auch hier gab es wie so oft den Kampf der Menschen gegen die von ihnen erschaffenen Maschinen. Doch in dieser Geschichte haben die Maschinen endgültig gesiegt, es lebt kein einziger Mensch mehr. Auch ihre Gebäude, ihre Kulturgüter, die Zeichen ihrer Existenz und von Leben überhaupt, alles liegt in Trümmern und wird für immer vergessen sein. Dies scheint nun die Erklärung für die Frage nach dem Grund für den rationalen, zuerst keine Assoziation zu einer Geschichte bietenden Titel in Ziffernform zu geben.
Übrig von den Menschen blieben nur die Geschöpfe des Wissenschaftlers. Er, der dann auch die Helden baute, konstruierte zuerst eine perfekte Maschine. Allerdings übertrug er diesem Roboter nur seinen Verstand, weshalb dieser sich in ein unbarmherziges Monster verwandeln konnte. Diese Supermaschine ist sozusagen die 0, die pure Abwesenheit von Seele, wie der Kreis der 0 absolut und geschlossen, vollkommen in seiner Bösartigkeit. Ziel dieses Ungetüms ist es anscheinend auch den letzten Hauch menschlichen Lebens zu vernichten, also alle Seelenteile der Stoffpuppen zu absorbieren. Es ist das Besondere an der Geschichte, daß er diesem übermächtigen, riesigen, beinahe unzerstörbaren Maschinenungeheur diese winzigen Stoffpuppen gegenüber stellt. Die Textur der Stoffe, aus denen sie genäht wurden, wirkt fast durchlässig, die Nähte ihrer Körper sind immer sichtbar, ihre Körper sind rund und weich. Was für ein Gewicht, was für eine Macht können diese Püppchen in den Kampf gegen das Monster einbringen? Und dann kommt es auch noch zu Konflikten in der Gruppe aufgrund ihrer verschiedenen Persönlichkeiten. Doch eben das, ihre Charaktere, die auf einer unsterblichen Seele, und somit, entgegen dem reinen Trieb der Maschine, auf wahrhaftigem Leben basieren, lassen sie am Ende siegen, wenn auch nicht alle Seelenteile auf der Erde bleiben dürfen. Am Schluß ist somit ein Teil Menschlichkeit gerettet. Allerdings darf traurig die Frage gestellt werden, was vier kleine Stoffroboter in der großen, völlig zerstörten Welt tun sollen. Sie können kein neues Leben schaffen, denn sie haben ja keine biologischen Körper und ihre Seelenstücke sind wohl unteilbar. Wie bewahren sie also das Leben und wozu überhaupt? Die wehmütige Antwort muß wohl sein, daß es reichen muß, daß wenigstens ein kleinster Teil des Lebens überlebt hat.

Der Animation des Films gelingt es sehr gut, die Niedlichkeit und Verletzbarkeit der Stoffkörper gegenüber der harten, zerstörerischen Maschinen- und Ruinenwelt darzustellen. Auch verleiht die Färbung der Bilder und die gezeigten Reste des irdischen Lebens dem Film eine sehr nostalgische und sehnsüchtige Stimmung, die auch ihre Helden teilen. Die konkurrierenden Mächte werden zudem durch die Gebäuderuinen charakterisiert. Das Lager der Helden befindet sich zunächst in einer alten Kirche, später siedeln sie in eine Art Bibliothek oder Museum um. Wird die Kirche noch als ein Ort des Ausharrens und des tatenlosen Abwartens der Seelenträger charakterisiert, das der Anführer 1 fordert, so steht ihre zweite Heimat für die Ansammlung und das Erbe des Lebens, das sie in sich tragen. Durch das kriegszerstörte Ödland gelangen sie von dort zu der Fabrik, in der das Maschinenmonster haust. Diese wirkt von ihrer Bauart selbst beinahe wie eine Kathedrale, jedoch eine, die dem Bösen geweiht ist. Hiermit unterstreichen die Bilder den Kampf der unterschiedlichen Weltvorstellungen, den Widerstreit zwischen Leben und Untergang.
Obwohl der Film einer Handlung mit klassischer Dramaturgie und vielen Actionelementen folgt, zeigt sich doch, daß seine Geschichte auch tiefergehende Gedanken beinhaltet. Daher ist er ein interessanter Beitrag zum Science Fiction Genre und der Beschäftigung mit der Rolle von mechanischen Figuren. Außerdem hebt er sich durch seine ernsthafte Behandlung des Themas von der Masse der Animationsfilme ab und zeigt, was in diesem Bereich in der Zukunft noch alles zu erwarten sein wird.

#9 / 9
R: Shane Acker
S (OV): Elijah Wood, Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly
USA 2009, 79 Min.
Universal
Shane Ackers Debütfilm, der auf seinem gleichnamigen, für den Oscar nominierten Kurzfilm aus dem Jahr 2005 basiert, hebt sich zunächst durch zwei Eigenschaften von anderen Filmen ab. Erstens handelt es sich um einen Animationsfilm, der nicht aus dem Hause Pixar stammt und auch sonst wenig mit albernen Kinderfilmen dieser Art gemein hat. Somit gehört er eher in eine Kategorie mit
Coraline oder
Tim Burtons Corpse Bride, letzterer ist übrigens auch einer der Produzenten.
Das zweite Merkmal ist der Titel. Einen Film mit einer Zahl zu betiteln ist gewagt, einerseits stiftet es Verwirrung in Kinoprogrammen, auf der anderen Seite ist eine einfache Nummer sehr rational, sehr kurz, alltäglich, aber für eine Geschichte so ungewöhnlich, weil vermeintlich wenig erzählerische Kraft in einer Zahl steckt. So hat sich zum Beispiel auch
Rob Marshall für seine Musicalversion von
8 ½ gegen die naheliegende 9, sondern für ihre ausgeschriebene Variante entschieden. Vielleicht ja, weil er
Fellinis Film in eine leichtere, klarere Erzählung verwandelte.
Also warum eine Zahl und warum genau die? Die
9 ist in vielen Mythologien und Religionen die Zahl der Vollständigkeit, der Vollkommenheit. Sie enthält dreimal die in vielen Kulturen heilige Zahl 3. Auch gibt es ja in unserem Zahlensystem nur die Ziffern 1 bis 9 plus die 0, die aber einen besonderen Status inne hat, da sie ja das Nichts benennt. So bestehen in vielen Mythen und Geschichten Gruppen, die als vollzählig angesehen werden, aus neun Personen, zum Beispiel die neun Musen aus der griechischen Mythologie. Für unseren Zusammenhang mögen zwei Bemerkungen interessant sein. Einerseits gibt es seit dem 14. Jahrhundert schriftliche und bildliche Darstellungen der
neun guten Helden. Diese sind eine Zusammenkunft der idealen Ritter, drei aus der Antike, drei aus dem Alten Testament und nochmal drei aus dem Christentum. Natürlich lassen sich auch in Filmen vielfach diese Helden wiederfinden, Beispiele sind die neun Gefährten aus
Der Herr der Ringe und auch die
Inglourious Basterds haben neun Mitglieder. Zum anderen wird in der esoterisch beeinflußten Persönlichkeitstypisierung ein Symbol namens
Enneagramm in Form eines Neunsterns verwendet, das die Menschen in neun verschiedene Typen aufteilt, jeder mit bestimmten Charaktereigenschaften belegt. Die 9 steht also mythologisch für eine vollständige Gruppe mit unterschiedlichen Elementen.
In
Shane Ackers Film nun geht es um neun kleine Wesen, von einem Wissenschaftler mit Stoff und Innereien aus mechanischen Bauteilen erschaffen. Ihren Lebensfunken aber, der jeweils ihre Persönlichkeit bestimmt, das erfahren sie gegen Ende des Films, verdanken sie einem Übertragungsverfahren, mit dem der Wissenschaftler auf sie die neun Teile seiner Seele verteilte bevor er starb. Die Vorüberlegungen legen also die Interpretation nahe, daß die Seele des Wissenschaftlers in genau neun verschiedene Teile zerlegbar war und jeder Stoffroboter ist nun eine Facette dieser Seele. Dies zeigt sich auch daran, daß sich alle durch unterschiedliche Persönlichkeiten auszeichnen. Hauptcharakter ist die am Anfang des Films aufwachende Puppe mit der Nummer 9 auf dem Rücken. Man kann das Enneagramm als Vergleich heranziehen, auch wenn es nicht als absolut verläßliches und richtiges Typisierungsverfahren gelten sollte. Im Fall von 9 erweist es sich als recht zutreffend, so ist er der „Friedensstifter“, der die Geschichte ins Rollen bringt und sie am Ende löst. Die Vollständigkeit dieser Gruppe hat nämlich auch eine sehr traurige Komponente, denn dadurch, daß sie die Seele ihres Schöpfers tragen, sind das letzte Stück Menschlichkeit in der Welt.
9 spielt nämlich in einer Zukunft, wie sie oft in Science Fiction Filmen zu sehen ist. Auch hier gab es wie so oft den Kampf der Menschen gegen die von ihnen erschaffenen Maschinen. Doch in dieser Geschichte haben die Maschinen endgültig gesiegt, es lebt kein einziger Mensch mehr. Auch ihre Gebäude, ihre Kulturgüter, die Zeichen ihrer Existenz und von Leben überhaupt, alles liegt in Trümmern und wird für immer vergessen sein. Dies scheint nun die Erklärung für die Frage nach dem Grund für den rationalen, zuerst keine Assoziation zu einer Geschichte bietenden Titel in Ziffernform zu geben.
Übrig von den Menschen blieben nur die Geschöpfe des Wissenschaftlers. Er, der dann auch die Helden baute, konstruierte zuerst eine perfekte Maschine. Allerdings übertrug er diesem Roboter nur seinen Verstand, weshalb dieser sich in ein unbarmherziges Monster verwandeln konnte. Diese Supermaschine ist sozusagen die 0, die pure Abwesenheit von Seele, wie der Kreis der 0 absolut und geschlossen, vollkommen in seiner Bösartigkeit. Ziel dieses Ungetüms ist es anscheinend auch den letzten Hauch menschlichen Lebens zu vernichten, also alle Seelenteile der Stoffpuppen zu absorbieren. Es ist das Besondere an der Geschichte, daß er diesem übermächtigen, riesigen, beinahe unzerstörbaren Maschinenungeheur diese winzigen Stoffpuppen gegenüber stellt. Die Textur der Stoffe, aus denen sie genäht wurden, wirkt fast durchlässig, die Nähte ihrer Körper sind immer sichtbar, ihre Körper sind rund und weich. Was für ein Gewicht, was für eine Macht können diese Püppchen in den Kampf gegen das Monster einbringen? Und dann kommt es auch noch zu Konflikten in der Gruppe aufgrund ihrer verschiedenen Persönlichkeiten. Doch eben das, ihre Charaktere, die auf einer unsterblichen Seele, und somit, entgegen dem reinen Trieb der Maschine, auf wahrhaftigem Leben basieren, lassen sie am Ende siegen, wenn auch nicht alle Seelenteile auf der Erde bleiben dürfen. Am Schluß ist somit ein Teil Menschlichkeit gerettet. Allerdings darf traurig die Frage gestellt werden, was vier kleine Stoffroboter in der großen, völlig zerstörten Welt tun sollen. Sie können kein neues Leben schaffen, denn sie haben ja keine biologischen Körper und ihre Seelenstücke sind wohl unteilbar. Wie bewahren sie also das Leben und wozu überhaupt? Die wehmütige Antwort muß wohl sein, daß es reichen muß, daß wenigstens ein kleinster Teil des Lebens überlebt hat.

Der Animation des Films gelingt es sehr gut, die Niedlichkeit und Verletzbarkeit der Stoffkörper gegenüber der harten, zerstörerischen Maschinen- und Ruinenwelt darzustellen. Auch verleiht die Färbung der Bilder und die gezeigten Reste des irdischen Lebens dem Film eine sehr nostalgische und sehnsüchtige Stimmung, die auch ihre Helden teilen. Die konkurrierenden Mächte werden zudem durch die Gebäuderuinen charakterisiert. Das Lager der Helden befindet sich zunächst in einer alten Kirche, später siedeln sie in eine Art Bibliothek oder Museum um. Wird die Kirche noch als ein Ort des Ausharrens und des tatenlosen Abwartens der Seelenträger charakterisiert, das der Anführer 1 fordert, so steht ihre zweite Heimat für die Ansammlung und das Erbe des Lebens, das sie in sich tragen. Durch das kriegszerstörte Ödland gelangen sie von dort zu der Fabrik, in der das Maschinenmonster haust. Diese wirkt von ihrer Bauart selbst beinahe wie eine Kathedrale, jedoch eine, die dem Bösen geweiht ist. Hiermit unterstreichen die Bilder den Kampf der unterschiedlichen Weltvorstellungen, den Widerstreit zwischen Leben und Untergang.
Obwohl der Film einer Handlung mit klassischer Dramaturgie und vielen Actionelementen folgt, zeigt sich doch, daß seine Geschichte auch tiefergehende Gedanken beinhaltet. Daher ist er ein interessanter Beitrag zum Science Fiction Genre und der Beschäftigung mit der Rolle von mechanischen Figuren. Außerdem hebt er sich durch seine ernsthafte Behandlung des Themas von der Masse der Animationsfilme ab und zeigt, was in diesem Bereich in der Zukunft noch alles zu erwarten sein wird.

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R: Shane Acker
S (OV): Elijah Wood, Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly
USA 2009, 79 Min.
Universal
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