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Duell im Sprechzimmer - Oleanna (1994)

von Sven Safarow, am 4.3.10




Der Universitätsdozent John (William H. Macy) möchte eigentlich Feierabend machen, schließlich muss er sich noch um den Kauf des neuen Hauses kümmern, das er sich und seiner Familie zur bevorstehenden Festanstellung gönnen will. Doch daraus wird nichts, denn seine Studentin Carol (Debra Eisenstadt), die dabei ist durchzufallen, verwickelt ihn in ein längeres Streitgespräch, das sich erst mit ihrer Leistung auseinandersetzt und letztendlich in eine Grundsatzdiskussion verwandelt. Kurz darauf wird John der sexuellen Belästigung bezichtigt und sein Leben fällt auseinander. Seine Versuche, die Sache außergerichtlich zu lösen, scheitern auf grandiose Weise.


David Mamet begann als gefeierter Bühnenautor, avancierte im Laufe seiner jahrelangen Karriere auch zu einem gefragten Drehbuchautor und einem hochinteressanten Regisseur. Oleanna, seine vierte Regiearbeit ist sein einziger Film, der auf einem seiner Dramen basiert.
Die Theaterwurzeln des Stoffes sind auch mehr als evident. Oleanna präsentiert uns ganz spartanisch zwei Protagonisten, einen engen Raum, einen Dialog.

Das Dilemma von John und Carol liegt zunächst in der (nicht zustande kommenden) Kommunikation.
John, ein Enthusiast auf dem Gebiet der Didaktik, sieht in Carol ein Opfer des ritualisierten, routinierten Collegeunterrichts, der den Studenten zum Lernautomaten stempelt und dem jedes Reflexionsvermögen abtrainiert wird. So entwickelt sich das Gespräch mehr und mehr zum Monolog, bei dem John seinen Überzeugungen freien Lauf lässt. Dabei fallen mal mehr, mal weniger zweideutige Bemerkungen, die sich Carol pedantisch notiert, um diesen dann in der Anklageschrift einen anzüglichen Charakter zu verleihen.

So ist John selbstverständlich geschockt, als er mit der Klage konfrontiert wird. Er sieht den Vorwurf nicht ein, und versucht weiterhin auf seine Art mit Carol zu kommunizieren. Dabei bemerkt er in seiner Arroganz nicht (oder zu spät), dass seine guten Absichten nichts nützen, denn Carol wird allein schon von seiner Sprache abgestoßen. Carol, die eine gewisse „Gruppe“ vertritt, hört aus seinen Worten lediglich Sexismus, elitäres Denken, Machtdemonstration, und Spott heraus. Sie fühlt sich in jeder Hinsicht unterdrückt und benachteiligt, was sie zu ihrem Vorteil ausnutzt: ihre eigenen Schwächen und Minderwertigkeitskomplexe transferiert sie in ein von ihr ausgesuchtes Feindbild, in diesem Fall John (aber es hätte jeden (männlichen) Lehrer treffen können). Dieser wird zum Unterdrücker und Aggressor stilisiert, was sich sehr gut mit dem Vorwurf wegen sexueller Belästigung deckt.

Doch John ist kein reines Opfer. Mehrmals besteht die Chance die Notbremse zu ziehen, aber er realisiert die Gefahr gar nicht erst. Für ihn ist Carol ein willkommenes Ventil, all seine Gedanken, Theorien, Wünsche und Probleme projiziert er in sie hinein. „Wir ähneln uns“, sagt er ihr am Anfang, er glaubt, sie zu verstehen, setzt ihre Probleme mit den seinen gleich. Dabei liefert sein ständiges Entgegenkommen, seine übertriebene Toleranz nur den Nährboden für ihre unterdrückten Aggressionen. Als sie voller Wut eine Teetasse fallen lässt, die zerbricht, entschuldigt ausgerechnet er sich dafür und räumt beschämt die Scherben auf. Diese Szene verdeutlicht, wie oberflächliche Toleranz und Empathie einen Konflikt zur Eskalation treiben können.

Am Ende, wenn alles verloren scheint, Haus, Job, Frau, da bietet Carol John ein überraschendes Angebot an. Sie würde die Klage fallenlassen, wenn er gewisse Gegenleistungen erbringen würde. Da holt sie einen Zettel hervor mit Literatur, die sie und ihre Gruppe verbieten möchte, unter anderem Johns Buch. Da realisiert John die Tragweite der Situation endgültig. Was er für ein schreckliches Missverständnis gehalten hat, ist reine Kalkulation. Erst wird er in eine kompromittierende Lage versetzt, dann wird er erpresst. Und von ihm wird nichts anderes verlangt, als Zensur auszuüben.

Und so wird schließlich auch die politische Dimension von Oleanna deutlich. Wofür auch immer Carols Gruppe genau kämpft, sie setzt ganz auf Faschismus und psychologischen Terror.
Letztlich muss sich John eingestehen, dass er auf eine Provokateurin hereingefallen ist, schlimmer noch: eine Provokateurin mit einer Ideologie. So ist sein letztes Aufbäumen, seine Wut, die physische Gewalt, die er ihr antut, nichts als eine Kapitulation, ein Verzweiflungsschrei, der Carols Anschuldigungen und Vorwürfe im Nachhinein eine realistische Grundlage verleiht.

Oleanna ist in der ersten Hälfte ein Diskurs des Missverständnisses, eine Analyse sprachlicher Gewalt, entwickelt sich dann zu einer Studie der Macht der „Political correctness“, welche von diffusen Interessengruppen ausgenutzt wird, um ihre Ansichten durchzusetzen.
Aber Oleanna ist auch die Geschichte eines politisch motivierten Betrugs.

Betrug und Täuschung sind ein roter Faden im filmischen Schaffen Mamets. Ob in House of Games, Things change, Homicide oder in The Spanish Prisoner- den Protagonisten werden „con men“, Trickbetrüger, entgegengesetzt, an deren „Spielen“ sie schließlich scheitern. Genau das widerfährt auch John. Er hat sich die ganze Zeit so verhalten, wie Carol es von ihm wollte. Der Lehrer wurde von der Schülerin benutzt. Ausgetrickst.

Gleichzeitig hat Mamet auch den Zuschauer ausgetrickst. Oleanna (vor allem das Stück) ist Gegenstand vieler Kontroversen gewesen, für die Einen war es feministisch, für die Anderen misogyn. Die Einen sympathisierten mit John, die Anderen mit Carol. Noch heute könnte Oleanna eine Gender-Diskussion enorm erhitzen.
Der Geschlechterkampf mag besonders hervorstechen, in Wirklichkeit ist das Thema jedoch nur Dekoration, die der „con man“ Mamet einsetzt, um die wahren Themen ganz unauffällig, ganz unaufdringlich unterzubringen, sie wie eine Zeitbombe unter den Tisch zu platzieren. Eine Bombe, die nicht bei jedem platzt.




Oleanna
R: David Mamet
D: William H. Macy, Debra Eisenstadt
USA 1994, 89 Min.
MGM Home Entertainment


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