Troubled Water


Nichts ist mehr wie zuvor in Jan Thomas Hansens (Pal Sverre Valheim Hagen) Leben. Als Teenager stiehlt er in einem Park einen Kinderwagen um an die darin befindlichen Wertsachen zu kommen. Das Kind läuft davon und stürzt tödlich – so zumindest Jan Thomas‘ Version, die ihm vor Gericht nicht geglaubt wird. Nach der Verurteilung wegen Kindesmord saß er acht Jahre im Gefängnis, nimmt unter anderem Namen eine Stelle als Kirchenorganist an und versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Zu dem erfüllenden Beruf kommt noch die aufkeimende Liebe zwischen ihm und der jungen Pastorin Anna (Ellen Dorrit Petersen) . Doch der Traum von der zweiten Chance scheint jäh zu zerplatzen als die Mutter (Trine Dyrholm) des getöteten Jungen ihn entdeckt.

„Ist es nicht naiv zu glauben, dass alles Schlechte zu etwas Gutem führen kann?“ Diese Frage stellt Jan Thomas Hansen in der Mitte des Films. Und stellt sie dabei gleichzeitig dem Zuschauer. Wie geht die Gesellschaft mit Kindesmördern um? Haben sie eine zweite Chance verdient? Der Film gibt die Antwort nicht vorweg, sondern präsentiert zwei Ansichten des moralischen Dilemmas: Der Plot ist zweigeteilt und wird aus der Sicht Thomas‘ und aus der Sicht der Mutter erzählt. So fällt es schwer sich für eine Seite zu entscheiden. Der schicksalshafte Tag der Kindesentführung wird geschickt durch subjektive Rückblenden erzählt, sodass der wirkliche Tathergang bis zum Ende nicht gelüftet wird.

Das Besondere an Troubled Water ist aber nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Das moralische Dilemma wird von Erik Poppe mit Symbolen versehen, die dauernd Hinweise über die eigentliche Handlung hinaus liefern. Mit einem weniger begabten Regisseur hätte das psychologische Drama leicht zum Kitsch abdriften können. Dieser Gefahr geht er gekonnt aus dem Weg. Ständig präsent ist das Leitmotiv des Films: das Wasser. Ob nun im Song „Bridge over troubled water“, welcher den Wendepunkt markiert oder im Weihwasser, das an einigen Stellen vorkommt Auch hier hält Poppe Maß und überfrachtet den Film nicht mit Metaphorik. Darüber hinaus trägt den Film seine atemberaubende Musik. Jan Thomas, der durch die Orgelmusik versucht Buße abzulegen, wird schlussendlich durch sein außergewöhnliches Spiel enttarnt. In solchen Szenen wird man vollends von der Intensität des Films mitgerissen und ganz ergriffen.

Die Intensität ist aber auch den Leistungen der beiden Hauptdarsteller Trine Dyrholm und Pal Sverre Valheim Hagen zu verdanken. Dyrholm spielt die Mutter zwischen Verzweiflung und Wahnsinn ungeheuer überzeugend. Valheim Hagen hingegen lässt den Zuschauer nie wirklich hinter seine Fassade schauen und bleibt dabei stets charmant und sympathisch.

Man sollte eigentlich skeptisch sein, wenn ein Film mit dem Zitat „Das ist der beste Film, den ich seit Jahren gesehen habe!“ (Michael Moore) beworben wird. Im Fall von „Troubled Water“ ist die Skepsis völlig unberechtigt. Der hochkarätige Film ist wirklich eine absolute Ausnahmeerscheinung: ergreifend, doch nie kitschig, reißt er den Zuschauer in einen Sog der Emotionen. Die Inszenierung und die fantastische Schauspielerleistung liefern hier eine absolute Kinoperle ab, die man gesehen haben sollte. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Der norwegische Film war zum Kinostart nur auf 25 der circa 4800 deutschen Kinoleinwände zu sehen. So müssen die meisten leider einen sehr weiten Weg aufnehmen um diesen Film zu sehen – welcher sich allerdings lohnt.

Wo der Film läuft, erfahren Sie hier: www.heutekino.de

Troubled Water / DeUnsylige
R: Erik Poppe
D: Pal Sverre Valheim Hagen, Trine Dyrholm, Ellen Dorit Petersen
Norwegen 2008, 121 Min.
Kool Filmdistribution