Ob man es nun will oder nicht, Porno ist längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Aus der Schmuddelecke emanzipiert, fand die Pornographie den Einzug in die Ästhetik vieler Medien, am weitesten wahrscheinlich im Musikvideo. Mit über 10.000 allein in Los Angeles produzierten Filmen, bedient die Pornoindustrie einen Massenmarkt von geschätzten 50 Millionen - nur in den USA. Der deutsche Dokumentarfilmer
Jens Hoffmann versucht in
9to5 - Days in Porn die Hintergründe dieser Industrie zu beleuchten. Und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern in nüchtern, sachlicher Kameraarbeit.
Das San Fernando Valley ist das Zentrum der weltweiten Pornoindustrie. Das liegt nicht nur daran, dass hier pro Woche 200 Filme gedreht werden, sondern vor allen Dingen daran, dass im Valley alle Produktionsfirmen, Agenten und Darsteller leben. 6000 Menschen also, die mit gefilmten Sex ihr tägliches Brot verdienen. Und um genau diese geht es in "9to5". Der in 18 Monaten gedrehte Film präsentiert erstaunliche Einblicke in das Seelenleben aller, die mit dem Pornogeschäft zu tun haben. Dort finden sich zum Beispiel das Ehepaar
Audrey Hollander und
Otto Bauer, beide Pornodarsteller, die versuchen, den beruflichen Sex nicht mit der Ehe kollidieren zu lassen. Oder
Roxy Deville, die sich als eine der wenigen Pornodarstellerinnen weigert Analsex zu praktizieren. Die Geschichten der einzelnen Portraitierten werden immer wieder fragmentarisch aufgegriffen, ihr Lebensweg dem Publikum präsentiert. Nicht das offensichtlich Besondere ihres Alltags steht im Vordergrund, sondern die Routine, wie es sie auch in einem Bürojob geben würde - 9 to 5 eben. Hierbei geht es Regisseur Hoffmann nicht um Bloßstellung, sondern um größtmögliche Objektivität. Beispielweise wird der körperliche und psychische Verfall Audrey Hollanders nur angedeutet, ihr aufgedunsenes Gesicht in Verbindung mit dem apathischen Blick spricht Bände.
"Hallo, ich bin der, der dich heute in den Arsch ficken wird."
Um den Film nicht zur Charakterstudie werden zu lassen, unterfüttert Hoffmann diesen mit Interviews, die er mit
Dr. Sharon Mitchell führte. Mitchell, früher selbst Pornodarstellerin, hat in den 90ern ein einheitliches System zur Aidsvorsorge entwickelt: Jeder Darsteller muss sich ein Mal monatlich auf die Immunschwächekrankheit testen lassen, sonst darf er nicht drehen. So wird die Gefahr von Infektionen zwar vermindert, ausgeschlossen sind diese allerdings nie. Darüber hinaus prangert Mitchell immer wieder lautstark die grassierende Ausbeutung der Mädchen an. Diese werden von den Managern unter Druck gesetzt, möglichst wenige Tabus zu besitzen, und fürchten, dass sie nicht bezahlt werden, wenn sie nicht in Analsexszenen mitspielen. Gerade diese wichtigen Interviews bilden den theoretischen Unterbau, der einige Szenen in anderem Licht erscheinen lässt. Hoffmann geht es aber nicht um eine Kritik, wie sie Alice Schwarzer mit ihrer Kampagne "Por-No" formulieren würde. Für ihn sind die Hintergründe wesentlich wichtiger. So ist Porno zwar ein weit verbreitetes Massenphänomen, ist aber gesellschaftlich wenig toleriert. Hier zeigt der Film, wie die Darstellerinnen mit der Stigmatisierung zu kämpfen haben. So ergeben sich meistens nur Freundschaften mit Menschen, die auch im Pornobusiness arbeiten. Es gibt also für viele kein Leben nach Drehschluss. Dennoch schaffen es manche, ein funktionierendes Privatleben aufzubauen, allerdings nur unter großen Anstrengungen.

Filmisch versucht Hoffmann auf allzu explizite Sexszenen zu verzichten, immer ist ein Kameramann im Bild, der die Geschlechtsteile verdeckt. Diese Lösung zeigt deutlich, wie artifiziell und unnatürlich dieser praktizierte Marathonsex ist. Die eloquente und erst 18-Jährige
Sasha Grey bezeichnet sich selbst als "Sex-Athletin". Es geht nicht darum, wirklichen Sex darzustellen, sondern vielmehr um das "höher, schneller, weiter" im Porno, denn sie sieht sich selbst als Teil einer Avantgardekultur, die den Porno als Kunstform entdeckt hat. Darüber hinaus ist sie eine von wenigen Darstellerinnen, die das industrielle des Pornofilms verstanden zu haben scheint:
"They squeeze you out like a piece of fruit, drain all the juice out of you and they're done" (Sasha Grey)
Hierauf gibt der Film keine Antworten und lässt den Zuschauer tief erschüttert zurück. Moralische Fragen, die sich zwangsläufig stellen, werden nicht aus dem Off beantwortet, sondern dem Zuschauer alle Mittel an die Hand gegeben, diese für sich selbst zu beantworten. "9to5 -Days in Porn" liefert eine erstaunlich gegenwärtige Analyse des Pornobusiness, die absolut sehenswert ist.
9to5 - Days in Porn
R: Jens Hoffmann
D: Sasha Grey, Otto Bauer, Audrey Hollander, Roxy Deville, Mia Rose, Mark Spiegler
D 2008, 95 Min.
Zorrofilm
FSK 18
Format: 1,78 : 1
Ton: Dolby Digital
Sprachen: Englisch DD 5.1, Englisch DD 2.0
Untertitel: Deutsch
Extras: Entfallene Szenen, Outtakes
Ob man es nun will oder nicht, Porno ist längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Aus der Schmuddelecke emanzipiert, fand die Pornographie den Einzug in die Ästhetik vieler Medien, am weitesten wahrscheinlich im Musikvideo. Mit über 10.000 allein in Los Angeles produzierten Filmen, bedient die Pornoindustrie einen Massenmarkt von geschätzten 50 Millionen - nur in den USA. Der deutsche Dokumentarfilmer
Jens Hoffmann versucht in
9to5 - Days in Porn die Hintergründe dieser Industrie zu beleuchten. Und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern in nüchtern, sachlicher Kameraarbeit.
Das San Fernando Valley ist das Zentrum der weltweiten Pornoindustrie. Das liegt nicht nur daran, dass hier pro Woche 200 Filme gedreht werden, sondern vor allen Dingen daran, dass im Valley alle Produktionsfirmen, Agenten und Darsteller leben. 6000 Menschen also, die mit gefilmten Sex ihr tägliches Brot verdienen. Und um genau diese geht es in "9to5". Der in 18 Monaten gedrehte Film präsentiert erstaunliche Einblicke in das Seelenleben aller, die mit dem Pornogeschäft zu tun haben. Dort finden sich zum Beispiel das Ehepaar
Audrey Hollander und
Otto Bauer, beide Pornodarsteller, die versuchen, den beruflichen Sex nicht mit der Ehe kollidieren zu lassen. Oder
Roxy Deville, die sich als eine der wenigen Pornodarstellerinnen weigert Analsex zu praktizieren. Die Geschichten der einzelnen Portraitierten werden immer wieder fragmentarisch aufgegriffen, ihr Lebensweg dem Publikum präsentiert. Nicht das offensichtlich Besondere ihres Alltags steht im Vordergrund, sondern die Routine, wie es sie auch in einem Bürojob geben würde - 9 to 5 eben. Hierbei geht es Regisseur Hoffmann nicht um Bloßstellung, sondern um größtmögliche Objektivität. Beispielweise wird der körperliche und psychische Verfall Audrey Hollanders nur angedeutet, ihr aufgedunsenes Gesicht in Verbindung mit dem apathischen Blick spricht Bände.
"Hallo, ich bin der, der dich heute in den Arsch ficken wird."
Um den Film nicht zur Charakterstudie werden zu lassen, unterfüttert Hoffmann diesen mit Interviews, die er mit
Dr. Sharon Mitchell führte. Mitchell, früher selbst Pornodarstellerin, hat in den 90ern ein einheitliches System zur Aidsvorsorge entwickelt: Jeder Darsteller muss sich ein Mal monatlich auf die Immunschwächekrankheit testen lassen, sonst darf er nicht drehen. So wird die Gefahr von Infektionen zwar vermindert, ausgeschlossen sind diese allerdings nie. Darüber hinaus prangert Mitchell immer wieder lautstark die grassierende Ausbeutung der Mädchen an. Diese werden von den Managern unter Druck gesetzt, möglichst wenige Tabus zu besitzen, und fürchten, dass sie nicht bezahlt werden, wenn sie nicht in Analsexszenen mitspielen. Gerade diese wichtigen Interviews bilden den theoretischen Unterbau, der einige Szenen in anderem Licht erscheinen lässt. Hoffmann geht es aber nicht um eine Kritik, wie sie Alice Schwarzer mit ihrer Kampagne "Por-No" formulieren würde. Für ihn sind die Hintergründe wesentlich wichtiger. So ist Porno zwar ein weit verbreitetes Massenphänomen, ist aber gesellschaftlich wenig toleriert. Hier zeigt der Film, wie die Darstellerinnen mit der Stigmatisierung zu kämpfen haben. So ergeben sich meistens nur Freundschaften mit Menschen, die auch im Pornobusiness arbeiten. Es gibt also für viele kein Leben nach Drehschluss. Dennoch schaffen es manche, ein funktionierendes Privatleben aufzubauen, allerdings nur unter großen Anstrengungen.

Filmisch versucht Hoffmann auf allzu explizite Sexszenen zu verzichten, immer ist ein Kameramann im Bild, der die Geschlechtsteile verdeckt. Diese Lösung zeigt deutlich, wie artifiziell und unnatürlich dieser praktizierte Marathonsex ist. Die eloquente und erst 18-Jährige
Sasha Grey bezeichnet sich selbst als "Sex-Athletin". Es geht nicht darum, wirklichen Sex darzustellen, sondern vielmehr um das "höher, schneller, weiter" im Porno, denn sie sieht sich selbst als Teil einer Avantgardekultur, die den Porno als Kunstform entdeckt hat. Darüber hinaus ist sie eine von wenigen Darstellerinnen, die das industrielle des Pornofilms verstanden zu haben scheint:
"They squeeze you out like a piece of fruit, drain all the juice out of you and they're done" (Sasha Grey)
Hierauf gibt der Film keine Antworten und lässt den Zuschauer tief erschüttert zurück. Moralische Fragen, die sich zwangsläufig stellen, werden nicht aus dem Off beantwortet, sondern dem Zuschauer alle Mittel an die Hand gegeben, diese für sich selbst zu beantworten. "9to5 -Days in Porn" liefert eine erstaunlich gegenwärtige Analyse des Pornobusiness, die absolut sehenswert ist.
9to5 - Days in Porn
R: Jens Hoffmann
D: Sasha Grey, Otto Bauer, Audrey Hollander, Roxy Deville, Mia Rose, Mark Spiegler
D 2008, 95 Min.
Zorrofilm
FSK 18
Format: 1,78 : 1
Ton: Dolby Digital
Sprachen: Englisch DD 5.1, Englisch DD 2.0
Untertitel: Deutsch
Extras: Entfallene Szenen, Outtakes
DVD: 9to5 - Days in Porn