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DVD: Das Massaker von Katyn

von Amos Borchert, am 11.4.10


Manchmal gibt es diese unvermittelten Momente in einem Film, die einen einfach überfahren, einen ohne jede Vorwarnung ein Brett vor´s Gesicht knallen.
Manchmal bekommt man von diesen Momenten Gänsehaut, manchmal klappt einem tatsächlich die Kinnlade runter.
Manchmal...
Eine solche Erfahrung hatte ich mit Dušan Makavejevs Sweet Movie (1974), nachdem während der heiteren Waschung des Matrosen, dieser plötzlich zuckt, erstarrt und in die Wanne fällt und ich ein Schwarzbild mit deutschem Text zu sehen bekam: Im Wald von Katyń. Es folgte dokumentarisches Material von der Aushebung eines Massengrabes: Menschen die die vertrockneten Körper anderer Menschen ans Licht der Erinnerung bringen. Deutsche Offiziere, polnische Priester und Mitarbeiter des internationalen Roten Kreuzes die versuchen, die Ermordeten zu identifizieren und zu katalogisieren.

Man mag diese offensive Art der Subversion in Sweet Movie als geschmacklos empfinden (ganz zu schweigen davon, dass später im Film das Bildmaterial eine noch anstößigere Verwendung erfährt), ohne sie würde ich aber wahrscheinlich noch heute nicht wissen, welche Rolle dieser Wald in der Nähe des polnischen Dorfes Katyń spielt. Die 1940 an polnischen Intellektuellen, Beamten und Offizieren verübte systematische Vernichtungsaktion des sowjetischen NKWD fand zwar auch noch in anderen Gebieten statt, das 1943 von der Wehrmacht entdeckte Massaker von Katyń gilt aber im (oft allzu vereinfachenden) Sprachgebrauch als Sammelbezeichnung für die gezielten Erschießungen tausender Polen durch die Sowjets.

Andrzej Wajda, einer der einflussreichsten Regisseure Polens, (Andrzej Żuławski etwa war für einige Filme Assistent bei Wajda und Roman Polanski wirkte für ihn als Schauspieler), nahm sich als erster explizit diesem Stoff an. Sein Film Katyń (2007), der auf der Romanvorlage "Post Mortem" von Andrzej Mularczyk basiert, arbeitet die Geschehnisse unter Verflechtung dokumentarischer Aufnahmen in einer intensiven, nahe an seinen - reichlich vorhandenen - Figuren orientierten Herangehensweise ab. Wir verfolgen das Schicksal der gefangenen Offiziere ebenso wie das ihrer Angehörigen und springen dabei in der Zeit vor und zurück. Ein Ensemblefilm, wunderschön fotografiert und enorm eindringlich. Wajda, dessen eigener Vater in Katyń ermordet worden ist, schafft es mit Katyń zu kritisieren, ohne zu vereinfachen; Gefühle zuzulassen, ohne dem Oberflächenpathos in die Hände zu fallen; eine Atmosphäre und Glaubwürdigkeit zu etablieren, ohne wie ein künstlicher Requisitenfilm zu wirken. Die Sprache, die er für seinen Film findet, ist meist einfach, subtil, teilweise allegorisch. So spart er etwa das – so oft in anderen Produktionen verwendete – Besteigen der Züge aus und zeigt stattdessen, wie russische Soldaten polnische Fahnen zerreißen, den roten Teil wieder anbringen und sich den weißen dienstbar machen, ihn sich einverleiben. Der Korpus Polens wird zerteilt. Etwas aus ihm herausgeschnitten, dass nicht wieder einzufügen ist. Später dann, wenn Tadeusz, der sich nicht der Kollektivlüge anschließen will, von Ewa gerettet wird und wir eine junge Hoffnung für das kommende Polen in uns zu spüren glauben, gibt uns Katyń endgültig zu verstehen, dass Krieg und Besatzung - das Klima der Lüge und Angst - nicht einfach durch einen Kuss aus der Welt zu schaffen sind.

Der Film offenbart die Widerwärtigkeit militärischer Propaganda (...die beiden Dokumentationen, in denen die eine Seite der jeweils anderen den Schuss in den Hinterkopf als liebste Tötungsmethode attestiert...) und verhandelt die Möglichkeiten der individuellen Positionierung in behutsamer, ehrlicher Weise. Nichts wird verklärt, nichts glorifiziert.

In Deutschland ist Wajdas Film nun unter dem Titel Das Massaker von Katyn bei pandastorm pictures auf DVD erschienen. Bild und Ton der Veröffentlichung sind einwandfrei, wobei wie immer gilt: im Original anschauen! Auch wenn die Untertitel vereinzelt Fehler aufweisen, Atmosphäre und Schauspiel der Originalversion sind der Synchronisation tausendfach überlegen. Dem Menü ist ein kurzer Kommentar des Regisseurs vorangestellt, ansonsten finden sich als Extras nur ein paar Trailer.

Dass Wajda kaum inszenatorische Zugeständnisse macht, spricht für ihn. Wer Katyń als langweilig empfindet, ist selbst Schuld. Wer sich zurücklehnen und belehrt werden möchte, ist hier falsch. Aufmerksamkeit und Offenheit sind gefordert.



Das Massaker von Katyn / Katyn
R: Andrzej Wajda
D: Andrzej Chyra, Maja Ostaszewska, Artur Żmijewski, Danuta Stenka,
Polen, 2007, 118 Min.
(c) Ascot Elite
Format: PAL
Bildformat: Widescreen (2.35:1 - anamorph)
Sprache: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Polnisch)
Untertitel: Deutsch
Veröffentlichung: 15.04.2010


Extras:
-Grußwort von Andrzej Wajda zur deutschen Kinopremiere
-Filmtrailer
-Trailershow
-Andrzej Wajda: Eine Nahaufnahme


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