
Einsamkeit schien eine Weile aus dem Fokus der Gesellschaft geraten zu sein: Wir twittern, sammeln tausende Freunde bei Facebook und wenn wir alleine sind können wir eine ganze digitale Welt aufschließen und uns in ihr verlieren. Aber auch wenn wir all das tun können, bleibt die Einsamkeit weiterhin für uns bestehen.
Auch in
Adrián Biniez' erstem Film geht es primär um die Einsamkeit. Der Protagonist Jara (
Horacio Camandule) ist Wachmann in einem Supermarkt und sitzt dort die Nachtschichten ab. Dort sitzt er stundenlang vor flimmerndne Monitoren, lässt den ein oder anderen Ladendiebstahl, der von den Putzfrauen verübt wird, durchgehen und löst Kreuworträtsel. Auch zuhause spricht er mit beinahe niemanden, Gesprächen geht er aus dem Weg. Eines Tages verliebt er sich doch in die junge Putzfrau Julia (
Leonor Svarcas). Nachdem er Julia eine Zeitlang nur über die Überwachungskameras beobachtet hat, beginnt er ihr auch nach Dienstende zu folgen - ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Nachdem ihrer Entlassung muss Jara sich nun entscheiden, ob er sie anspricht oder nicht.
Gigante hat viele Momente, die durchaus auch für einen Horrorfilm taugen würden und nicht unbedingt für eine romantische Komödie. Dass Jara dennoch als verträumter Liebender beziehungsweise Beschützer und eben nicht als verquerer Stalker gesehen wird, liegt an der exzellenten Charakterzeichnung Biniez'. Bevor die eigentliche Geschichte losgeht, bringt Biniez den Zuschauer ganz nah an diesen "Giganten" und nimmt so die Bedrohung, die durchaus in der Rolle angelegt ist: Man sieht Jara beim Spielen mit seinem Neffen, schlafend vor dem Fernseher oder gelangweilt im Bus. Aus diesen ersten zehn Minuten speist sich der gesamte Rest des Films, das merkwürdige Verhalten Jaras wird hingenommen. Unter der harten Schale und dem Biohazard-Shirt verbirgt sich ein weicher Kern und diesem ist Biniez auf der Spur.
Hinter der Fassade einer romantischen Komödie finden sich aber auch gesellschaftskritische Anklänge, die allerdings nie zu sehr in den Vordergrund drängen und von dem Regisseur lakonisch festgehalten werden: Julia und Jara haben einfache Jobs an dem unteren Ende des Lohnniveaus, weshalb die Gewerkschaft des Supermarktes auch streiken möchte. Davon lässt sich Jara allerdings nicht beeindrucken. Stoisch bleibt er sitzen, völlig unpolitisiert. Dies ist auch ein Sinnbild für den Umgang Biniez' mit gesellschaftskritischen Themen: sie werden wahrgenommen und treffend präsentiert, aber nicht weiter thematisiert.
Stattdessen durchzieht Gigante eine ständige Sprachlosigkeit: Jara und Julia reden nie miteinander, obwohl es durchaus Situationen gäbe. Jaras einziger Zugang zur Wirklichkeit ist das Beobachten, ob als Wachmann oder zuhause vor dem Fernseher. Er hat noch nie das Wort ergriffen und sich in seiner Sprachlosigkeit eingerichtet. Julia geht es nicht anders: Sie verabredet sich für ein Blinddate über das Internet, geht alleine ins Kino und zum Karate. Hier schafft Biniez das, was einen guten Liebesfilm ausmacht, nämlich das Mitfiebern des Zuschauers. Der Zuschauer ist der einzige, der weiß, dass Julia und Jara wie für einander geschaffen sind, und hofft natürlich auf ein Happy End.
Nicht umsonst hat Gigante auf der letztjährigen Berlinale den silbernen Bären gewonnen. Der karg anmutende Film aus Uruguay ist eines der Highlights des letzten Jahres und zeigt deutlich, welches Potential in der romantischen Komödie steckt; ganz abseits von Massenware wie
Er steht einfach nicht auf dich oder
Valentinstag. Gigante ist herzerwärmendes Kino mit wohl dosierten gesellschaftskritischen Untertönen, die den lakonisch erzählten Plot aber nie überstrahlen.
Gigante
R: Adrián Biniez
D: Horacio Camandule, Leonor Svarcas, Néstor Guzzini
Uruguay 2009, 84 Min.
Good!Movies
Tonformat: Dolby Digital 2.0 & 5.1
Bildformat: 1,85:1 in 16:9
Sprachen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Extras: Interviews mit dem Regisseur Adrián Biniez (07:50 min) und der Hauptdarstellerin Leonor Svarcas (07:35 min), Kino-Trailer, Good!Movies-Trailershow

Einsamkeit schien eine Weile aus dem Fokus der Gesellschaft geraten zu sein: Wir twittern, sammeln tausende Freunde bei Facebook und wenn wir alleine sind können wir eine ganze digitale Welt aufschließen und uns in ihr verlieren. Aber auch wenn wir all das tun können, bleibt die Einsamkeit weiterhin für uns bestehen.
Auch in
Adrián Biniez' erstem Film geht es primär um die Einsamkeit. Der Protagonist Jara (
Horacio Camandule) ist Wachmann in einem Supermarkt und sitzt dort die Nachtschichten ab. Dort sitzt er stundenlang vor flimmerndne Monitoren, lässt den ein oder anderen Ladendiebstahl, der von den Putzfrauen verübt wird, durchgehen und löst Kreuworträtsel. Auch zuhause spricht er mit beinahe niemanden, Gesprächen geht er aus dem Weg. Eines Tages verliebt er sich doch in die junge Putzfrau Julia (
Leonor Svarcas). Nachdem er Julia eine Zeitlang nur über die Überwachungskameras beobachtet hat, beginnt er ihr auch nach Dienstende zu folgen - ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Nachdem ihrer Entlassung muss Jara sich nun entscheiden, ob er sie anspricht oder nicht.
Gigante hat viele Momente, die durchaus auch für einen Horrorfilm taugen würden und nicht unbedingt für eine romantische Komödie. Dass Jara dennoch als verträumter Liebender beziehungsweise Beschützer und eben nicht als verquerer Stalker gesehen wird, liegt an der exzellenten Charakterzeichnung Biniez'. Bevor die eigentliche Geschichte losgeht, bringt Biniez den Zuschauer ganz nah an diesen "Giganten" und nimmt so die Bedrohung, die durchaus in der Rolle angelegt ist: Man sieht Jara beim Spielen mit seinem Neffen, schlafend vor dem Fernseher oder gelangweilt im Bus. Aus diesen ersten zehn Minuten speist sich der gesamte Rest des Films, das merkwürdige Verhalten Jaras wird hingenommen. Unter der harten Schale und dem Biohazard-Shirt verbirgt sich ein weicher Kern und diesem ist Biniez auf der Spur.
Hinter der Fassade einer romantischen Komödie finden sich aber auch gesellschaftskritische Anklänge, die allerdings nie zu sehr in den Vordergrund drängen und von dem Regisseur lakonisch festgehalten werden: Julia und Jara haben einfache Jobs an dem unteren Ende des Lohnniveaus, weshalb die Gewerkschaft des Supermarktes auch streiken möchte. Davon lässt sich Jara allerdings nicht beeindrucken. Stoisch bleibt er sitzen, völlig unpolitisiert. Dies ist auch ein Sinnbild für den Umgang Biniez' mit gesellschaftskritischen Themen: sie werden wahrgenommen und treffend präsentiert, aber nicht weiter thematisiert.
Stattdessen durchzieht Gigante eine ständige Sprachlosigkeit: Jara und Julia reden nie miteinander, obwohl es durchaus Situationen gäbe. Jaras einziger Zugang zur Wirklichkeit ist das Beobachten, ob als Wachmann oder zuhause vor dem Fernseher. Er hat noch nie das Wort ergriffen und sich in seiner Sprachlosigkeit eingerichtet. Julia geht es nicht anders: Sie verabredet sich für ein Blinddate über das Internet, geht alleine ins Kino und zum Karate. Hier schafft Biniez das, was einen guten Liebesfilm ausmacht, nämlich das Mitfiebern des Zuschauers. Der Zuschauer ist der einzige, der weiß, dass Julia und Jara wie für einander geschaffen sind, und hofft natürlich auf ein Happy End.
Nicht umsonst hat Gigante auf der letztjährigen Berlinale den silbernen Bären gewonnen. Der karg anmutende Film aus Uruguay ist eines der Highlights des letzten Jahres und zeigt deutlich, welches Potential in der romantischen Komödie steckt; ganz abseits von Massenware wie
Er steht einfach nicht auf dich oder
Valentinstag. Gigante ist herzerwärmendes Kino mit wohl dosierten gesellschaftskritischen Untertönen, die den lakonisch erzählten Plot aber nie überstrahlen.
Gigante
R: Adrián Biniez
D: Horacio Camandule, Leonor Svarcas, Néstor Guzzini
Uruguay 2009, 84 Min.
Good!Movies
Tonformat: Dolby Digital 2.0 & 5.1
Bildformat: 1,85:1 in 16:9
Sprachen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Extras: Interviews mit dem Regisseur Adrián Biniez (07:50 min) und der Hauptdarstellerin Leonor Svarcas (07:35 min), Kino-Trailer, Good!Movies-Trailershow
DVD: Gigante