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DVD: Izo - The World Can Never Be Changed (2004)

von Christian Moises, am 1.4.10



„Der erste philosophische Splatterfilm“ – nun ja, das vielzitierte, auf dem DVD-Cover abgedruckte Diktum der London Times scheint insofern nicht (gänzlich) falsch, als Takashi Miikes erster „Samuraifilm“ – ähnlich wie der Splatterfilm, der sich vom Genre des Horrorfilms emanzipiert hat, indem er diejenigen Szenen, die dort noch wie einzelne, stark akzentuierte Töne (im sforzato) in einer Partitur, punktuell verstörende Wirkung entfalten sollten, ohne (allzugroße) Rücksicht auf logische Stringenz zu einer Kette von visuellen (und viszeralen) Reizen, wie in einer Nummernrevue zusammenfügte – alle narrative Dramaturgie über Bord wirft, seine schier endlose Folge von Kampfszenen in keine Geschichte mehr einbindet, sondern diese lediglich in eine Art loser essayistischer Struktur einbettet und zur Illustration von Reflexionen über das Allgemeinmenschliche wie über die durchaus fragwürdigen Wertekodizes der Samurai(filme) in den Dienst nimmt.

Ausgangspunkt  für Takashi Miikes Film aus dem Jahre 2004 ist zum einen (historisch gesehen) die wahre Geschichte des Samurais Okada Izo, der 1865 als Gefolgsmann des rebellischen Fürsten Hanpeita Takechi hingerichtet wurde, und zum anderen (filmhistorisch betrachtet) das Ende von Hideo Goshas Film Hitokiri von 1969, wo besagter Samurai als Strafe für seine grausamen Taten einen qualvollen Tod am Kreuz stirbt. Von dieser (nicht ersten aber sicher gelungensten) Verfilmung der Biographie Izos (im Grunde die Geschichte eines einfachen Soldaten, eines Emporkömmlings, der durch seine Grausamkeit in der Gesellschaft aufsteigt und, von Ansehen und Macht korrumpiert, nicht erkennt, dass er doch nur mordende Marionette in den Händen seines Fürsten ist) übernimmt Miike aber wenig mehr als diese eine Szene und die zentralen Figuren in diesem Spiel der Macht, den Herrscher und dessen Lakai.

Das (vermeintliche) Ende dieser Geschichte, dieses Films wird bei Miike – eingerahmt von dokumentarischen Bildern, die einerseits den Zeugungsakt schematisch ins Bild setzen und andererseits eine zeitliche Klammer zwischen dem Zusammenbruch des Tokugawa-Schogunats in der zweiten Hälfte 19. Jahrhunderts und der Gegenwart des 21. Jahrhunderts schaffen, indem sie in Zeitraffer das dazwischenliegende 20. Jahrhundert mit all seinen Untiefen und Verheerungen, in all seiner Grausamkeit im Zeitraffer ausloten – blutiger Auftakt zu einem nicht weniger blutigen Schauspiel einer nicht enden wollenden Abfolge von Mord und Totschlag, in der Gegenwart und Vergangenheit, fernöstliches Karmadenken und christliche Ikonografie, Naturmystik und Tiefenpsychologie wild (und wirr) durcheinander geraten. 

Ausgehend von diesem in die japanische Ebene versetzten Golgatha-Szenario schleudert uns Miike zusammen mit seinem Helden, dem im Schmutz und Abfall einer dunklen Gasse reinkarnierten Samurai Izo (Kazuya Nakayama) – der jeglichen Halt in Raum und Zeit verloren zu haben scheint und auf Rache an seinem ehemaligen Herrscher und, wie es scheint, der gesamten (!) Menschheit sinnt – von einem Ort zum nächsten, von einer Zeit in die andere, überall Tod, Zerstörung und Hektoliter von Blut zurücklassend. Diese nichts und niemand (auch nicht Frauen und Kinder) schonende (Körper-)Zerstörungsorgie, dieses Sammelsurium von Anachronismen und Aphorismen, das einzig und allein einer Art kinetischer Dramaturgie verpflichtet scheint, entledigt sich allem, was dem Geschehen einen Wert, eine Würde, moralische Sanktion geben könnte. Denn dieser Izo, dessen unstillbarer Drang nach Vergeltung ihn keine Ruhe finden lässt, ist – wie er es selbst formuliert – der personifizierte, nie vergehende Hass auf alles was existiert, der keine familiale, weltliche oder geistliche mehr Autorität anerkennt. Der seine Mutter in zwei Hälften teilt und der, in einer ödipal anmutenden Szenenfolge dem selbsternannten Stellvertreter Gottvaters und Buddhas den Gar ausmacht um danach die in den darmartig verschlungenen Höhlenwindungen unter dessen Palast hausende Urmutter zu besteigen.

Und im Grunde verbleibt auch der ganze Film – wenn dieser möglicherweise ebenso anachronistisch anmutende Rekurs auf Freud’sches Vokabular gestattet ist – trotz aller (pseudo)philosophischen Phrasendrescherei in diesem Unterbau, in der Welt des ‚Es‘, des reinen Triebs, einer Welt gespeist von Blut und Sperma, die, nachdem der erste Kontrahent zu Boden gestreckt ist, auf dem steinigen Boden ineinanderfließen. Homo homini lupus est – Krieg, Mordlust, Gewalt als Konstanten der Menschheitsgeschichte, als Essenzen der conditio humana, von Kain und Abel bis zum heutigen Tag. „Gegen den Krieg zu sein – bedeutet es nicht, gegen die Menschheit zu sein?“, heißt es an einer Stelle. Im Hintergrund wiederum die Fäden ziehend: die Klasse der Herrschenden, ins Bild gesetzt als eine in einer von untoten Soldaten (das Geisterbataillon aus Kurosawas Träume?) und einem schwarzen Hünen (Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Bob Sapp) bewachten Festung residierenden Runde alter Männer, Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Klerus und Militär (darunter Takeshi Kitano), die direkt aus Eisensteins Streik zu stammen und nicht mehr in der Lage scheinen, diese durch ihr Jahrtausende lang währendes Ränkespiel entfesselte Naturgewalt namens Izo zu bändigen. Aber auch seinem einstigen Befehlsgeber Hanpeita Takechi (Ryôsuke Miki) wird er gegenübertreten, um schließlich nach der Begegnung mit einer transzendenten Macht erneut wiedergeboren zu werden.

Im Zusammenspiel erscheint dies alles – in (philosophischer) Bedeutung und (politischer) Aussage – wahlweise prätentiös und leidlich originell oder zumindest merkwürdig diffus, so ambivalent wie die symbolische Bedeutung der immer wiederkehrenden Schlange: im buddhistischen Rad des Lebens Symbol des Zorns, Prinzip der Abstoßung, einer Legende nach aber auch Beschützerin des Erleuchteten. In den unterschiedlichsten Mythologien einerseits, als ein Tier das tötet, Symbol für Tod und Zerstörung, andererseits, als eines das periodisch seine Haut erneuert, Symbol für Leben und Auferstehung oder auch, als zweigeschlechtlich angesehen, ein Attribut aller aus sich selbst heraus schaffenden Götter, Symbol für die schöpferische Kraft der Erde, usw.


Es erscheint müßig, hier die unzähligen, seit Erscheinen des Films andauernden Diskussionen fortzuführen, ob dies nun große Kunst sei – oder ein relativ lieblos in wenigen Wochen gedrehtes, wie in einem Beat 'em up-Videospiel monoton Kampfszene an Kampfszene aneinanderreihendes und mit Sinnsprüchen überzuckertes, missratenes Experiment Miikes, der seitdem bereits über ein Dutzend weiterer Filme heruntergekurbelt hat, ohne den Anspruch, ausschließlich Meisterwerke in die (Film)Welt zu setzen. Festzuhalten bleibt: es gibt großartige Momente! Etwa die mit der Handkamera gefilmten, schlendernden Bewegungen des wiederauferstandenen Izo durch die Tokioer City, oben erwähnte Montagesequenzen in der Exposition, die mehrmals die Handlung unterbrechenden und/oder kommentierenden Auftritte der japanischen Underground-Folk-Ikone Kazuki Tomokawa, oder die herrlich unverblümte Demaskierung gesellschaftlicher und nationaler Wertvorstellungen und Ideale in der Klassenzimmersequenz – merkwürdigerweise fast allesamt Szenen, in denen der „Held“ gar nicht oder nur am Rande auftritt.

Auch dieser Film ist Teil der im März begonnenen Edition Asien von Rapid Eye Movies, die noch bis Ende des Jahres fortgesetzt wird, darunter etwa im September ein weiterer Miike-Film, The Happiness of the Katakuris aus dem Jahr 2002, eine wild-surreale Horror-Farce und wiederum Beweis dafür, wie wenig sich das Werk Miikes in gängige Kategorien zwängen, auf einzelne, klar geschiedene Genres festlegen lässt. Neben dem Hauptfilm finden sich lediglich ein Making-of und der Kinotrailer auf der DVD. Miike-Fans werden den Film sowieso schon lange in der einen oder anderen Special Edition besitzen, und als Einstieg in dessen Oeuvre stellt dieses Werk (wie nicht wenige andere) eine nicht gerade geringe Herausforderung dar. Letzteren und allen anderen Wagemutigen bietet sich (angesichts des günstigen Preises) dennoch spätestens jetzt die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil über Izo zu bilden.

P.S.: Hingewiesen sei noch auf einen Post von Ben Sachs, der gerade eben auf der famosen The Auteurs-Seite eine Artikelserie über das Werk von Miike seit der Jahrtausendwende eröffnet hat, die sicherliche einige interessante Ein- und Rückblicke in/auf das Werk dieses japanischen Enfant terrible bieten wird, und auf die Monografie von (wieder mal) Tom Mes: Agitator - The Cinema of Takashi Miike, erschienen bei Fab Press.  



IZO - The World Can Never Be Changed / Izô
R: Takashi MIIKE
D: Kazuya Nakayama, Kaori Momoi, Ryuhei Matsuda
Japan, 2004 (2010), 128 Min.
Rapid Eye Movies


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