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DVD: Tropa de Elite

von Ciprian David, am 11.4.10




Im Durchschnitt dauert es zwischen der Vorführung eines Films auf der Berlinale und seinem Kinostart hierzulande einige Monate. Außerdem untersteht das Kino einer Geographie der Welt, die anders ist, als man in der Schule lernt: So brauchen zum Beispiel europäische Filme durchschnittlich acht Monate länger als ihre US-amerikanischen Verwandten um in den deutschen Kinos anzukommen. Es liegt natürlich nicht am Ozean, der die letzteren zwingt, per Flugzeug zu reisen, während die ersteren sich für die sparsame Bummelbahn entscheiden dürfen. Wäre es aber so, dann kann man sich sicher sein, Tropa de Elite überquerte den Atlantik mit dem Schiff. Der Gewinner des Goldenen Bären von 2008 war erst im Sommer letzten Jahres in wenigen Programmkinos zu sehen, die DVD-Scheibe ließ bis zum April diesen Jahres auf sich warten.

Ein Dokumentarfilm über Gewalt in den Slums von Rio de Janeiro sollte der Film zuerst sein. Stattdessen wurde er ein Millieudrama in Actionkleidung. Auf den Wiederholungscharakter der Geschichte verweisend, verfolgt Tropa de Elite die letzten Dienstmonate des Kapitäns Nascimento (Wagner Moura), Leiter einer Spezialeinheit der Polizei, und den Aufstieg zweier potenzieller Kandidaten für die Nachfolge: Matias (André Ramiro) und Neto (Caio Junquiera). Zwischen Polizeirevier, Slums und Ausbildungslager zeichnet der Film ein Universum, in dem Gewalt, Verbrechen und Korruption die wichtigsten Operatoren einer sich nie in ihrer Gesamtheit ändernden Gleichung sind. Da die Erzählperspektive bei den Polizisten liegt, werden diese zu bipolaren Variablen, die zwei Pole hierbei: Korruption oder Gewalt.


José Padilha drehte vor Tropa de Elite Dokumentarfilme. Das sensible gesellschaftliche Thema, das er mit diesem Film anging, und die Polizei als Prisma des Gezeigten stellten sich aber schon in der Vorbereitungsphase des Films als eine unüberwindbare Schranke heraus, so musste er sich für eine fiktionale Kappe für das Projekt entscheiden. Das Recherchematerial musste ohne Aufnahmegeräte und ohne Angaben zu den Interviewten gesammelt werden, die betroffenen Institutionen verweigerten jegliche offiziellen Angaben. Woher aber diese Sensibilität? Der Film schildert einen Teufelskreis der brasilianischen Gesellschaft. Fern von Politik im konventionellen Sinne, richtet Tropa de Elite seinen Blick auf die Welt der über 700 Slums in Rio de Janeiro. Die meisten davon werden von Drogenhändlern kontrolliert. Die sehr armen Bewohner dieser Slums werden durch Gewalt und Ausweglosigkeit gezwungen, sich in der Welt der Drogenhändler zu integrieren und Plätze in ihren Organisationen zu beziehen. In dieser Welt ist Politik ein Luxus, denn die Verbrechensorganisationen kämpfen wie kleine Völkerstämme um die, durch die überbordende Anzahl ihrer Sorte unerreichbaren, Ansprüche auf Territorien.

Dagegen tritt die Polizei an, ein Apparat, der allein in Rio de Janeiro über 40.000 Menschen beschäftigt, Menschen, die schlecht verdienen, schlecht ausgerüstet und schlecht trainiert sind. Menschen, die in diesem Zustand in die Slums fahren, um auf viel besser gewappnete Gegner zu treffen. So ist es kein Wunder, dass sich die Maschinerie der Polizei unter den Umständen verwandelt, und zu einem Spiegelbild ihrer Gegner wird. Anstatt die Drogenhändler zu bekämpfen, treffen sie mit diesen Vereinbarungen, die ihre Solde ergänzen. Das Bekämpfen betreiben sie gegeneinander, um Reviere, in denen sie mittels Einsammeln von Schutzgeldern noch was dazu verdienen. Die Zutaten würden für einen Teufelskreis reichen, aber es geht weiter. Die mittleren und oberen Schichten der Bevölkerung finanzieren das Ganze über Drogenkonsum einerseits, während sie andererseits die Polizei als korrupt missachten.

Doch das System bietet die Lösung an, Gewalt kann man mit noch mehr Gewalt übertrumpfen, oder, genauer gesagt, durch die BOPE. Die äußerst brutal und umfassend zu Bekämpfung des urbanen Verbrechens trainierte Einheit ist eine martialische Gruppe, die die Korruption der Polizei ablehnt, und sich dadurch für berechtigt hält, kurzen Prozess mit beiden Seiten zu machen, je nach Bedarf. Die BOPE organisiert sich nach faschistischem Modell durch Entindividualisierung ihrer Mitglieder, bedrückende Disziplin und elitäres Selbstbild.

Trotz der rasanten Kameraführung und ungeheuren Dynamik der Handlung, die den Film zu einem einzigen Schrei verwandeln, findet José Padilha in Tropa de Elite den angemessenen Blickwinkel, um möglichst alle Facetten der geschilderten Gesellschaft, aber vor allem die Ausweglosigkeit des tragischen, über viele Jahre entstandenen Systems als Ganzes auf der Leinwand leuchten zu lassen. Von der zu a priori gewordenen Selbstverständlichkeit der Korruption der Polizei, durch deren Netze sich Matias und Neto erfolgslos zu kämpfen versuchen, über die Ignoranz der wohlhabenden Studenten, die durch Drogenkonsum oder sogar aktiv den Kreislauf des Verbrechens unterstützen, nicht aber bereit sind ihre Vorurteile gegenüber der Welt hinter der Mauer der Familienvilla einzusehen, aber auch über die trostlosen Einwohner der Slums, bis hin zur Unfähigkeit der BOPE, ihre Vergehen gegen Menschenrechte zu reflektieren, durchleuchtet der kritische Blick des Regisseurs alle verschwiegenen Wahrheiten einer Gesellschaft.

Für immer bestehen allein die gesellschaftlichen Strukturen, jede für sich starr und unfähig sich auf Veränderungen oder Besserungen einzulassen. So werden die Frischlinge Matias und Neto durch die ganzen Mechanismen dieses Universums geschleudert, von allen zurückgewiesen, bis sie selber willig sind, Partei zu ergreifen und sich für die gewaltverherrlichende BOPE zu entscheiden. Dass dieser Entschluss zunächst wie eine Befreiung wirkt, um dann mit Hilfe des Charakters Nascimento von Grund auf hinterfragt zu werden, ist, wovon der bereits erwähnte Goldene Bär zeugt, einem hervorragenden Film zu verdanken.

Eine Provokation war Tropa de Elite in Brasilien. Gedreht vor Ort, in mehr oder weniger indirekter Kooperation sowohl mit den Drogendealern in den Slums als auch mit der Polizei, verneinte das Projekt durch die Entstehungsbedingungen die Aussagen des eigenen Inhalts. Nach Veröffentlichung, wie Regisseur Padilha im auf der DVD zu findenden Interview erklärt, von vielen Institutionen angefochten und in mehrere Gerichtssäle geschleudert, schaffte er es dennoch zu einem fiebernden brasilianischen Publikum. Allein eine in der Postproduktion entwendete Raubkopie fand elf Millionen Zuschauer im Inland noch vor dem offiziellen Kinostart. In den USA spielte der Film knapp über 8.000 Dollar ein. Die fast 60.000 Euro, die der Film in Deutschland einspielte, sind wahrscheinlich doch der kuriosen Geographie des Kinos zu verdanken.





Tropa de Elite
R: José Padilha
D: Wagner Moura, André Ramiro, Caio Junquiera
Brazil, Niederlande, USA, 2007, 111 Min.
(c) Senator Home Entertainment
Format: PAL
Bildformat: Widescreen (1.85:1 - anamorph)
Sprache: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Portugiesisch)
Untertitel: Deutsch
Veröffentlichung: 02.04.2010


Extras:
-Interview mit dem Regisseur
-Trailer
-Beitrag über den Film aus der Sendung ttt – titel thesen temperamente



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