DVD: Unmoralische Engel (1979)
Lange Zeit hat es gedauert bis die Werke von Walerian Borowczyk hierzulande ihren Weg auf digitale Trägermedien finden. Nach der äußerst gelungenen deutschen Erstveröffentlichung von La Bête folgt nun Unmoralische Engel, ein dreiteiliger Episodenfilm, der selbstbestimmte Frauen in den Fokus des Interesses rückt. Analog zu seinem früheren Film Unmoralische Geschichten versteht es Borowczyk auch im Rahmen von Unmoralische Engel Liebeserzählungen aus unterschiedlichen Epochen thematisch zu verknüpfen. Das Motiv der Rache nimmt eine zentrale Position ein, da sich die Frauen aus beengenden Situationen befreien müssen.
„Margherita“ ist der Titel der ersten Episode, die im Rom der Renaissance spielt. Eine junge Frau begeistert aufgrund ihrer Schönheit und sexuellen Freizügigkeit Maler und Kirchenmänner zugleich. Sie begibt sich jedoch nicht in Unterwerfung, sondern verfolgt konsequent ihre eigenen Ziele, die sie mithilfe vergifteter Süßigkeiten realisiert. Die zweite Episode lenkt die Aufmerksamkeit auf das junge Mädchen Marceline, das eine sehr innige Beziehung mit ihrem weißen Hasen führt. Sie liebt es ihren Körper zu entblößen und das weiche Fell des Tieres auf ihrer Haut zu spüren. Diese etwas abnorme Beziehung finden die Eltern Marcelines degoutant und entschließen sich ein fleischiges Festmahl vorzubereiten. Die dritte Episode zeigt die Entführung der Frau eines reichen Galeristen durch einen Erpresser und Sexualstraftäter. Der hilflose Ehemann sieht sich nicht in der Lage die Situation zum Besten zu wenden und so muss der Familienhund die Initiative zur Rettung ergreifen.
Borowczyk ist kein pervertierter Pornograph, wie ihn einige Sittenwächter etikettiert haben. Vielmehr offenbart sich sein Werk bei näherer Betrachtung als dichotome Konstruktion. Borowczyk begann seine Karriere als Maler und realisierte vorerst Animationsfilme, in denen er u. a. die Vernichtungslager der Nazis thematisierte. Erst Anfang der siebziger Jahre begann die Phase seines Werks, die einige Kritiker als Absturz in niedrige Gefilde betrachten; aus einem vormaligen Liebling des intellektuellen Kinogängers wurde ein enfant terrible sondergleichen. Fortan war „Boro“ ein grenzüberschreitender Provokateur, dessen Filme eine Apotheose der sexuellen Befreiung und Selbstbestimmtheit formten. Die zahlreichen Auszeichnungen, die er über die Jahre für seine künstlerische Tätigkeit gesammelt hatte, ebbten zu dieser Zeit völlig ab, da seine Reputation in Folge pejorativer Kritiken großen Schaden nahm. Vielleicht ist gerade diese starke Verbindung Borowczyks mit dem Ruf des Pornographen dafür verantwortlich, dass er seine Karriere mit wenig ruhmreichen Filmen wie Emmanuelle 5 ausklingen ließ.
Unmoralische Engel zählt aber zu den sehenswerten Filmen Borowczyks. Verschwommene, nebulöse und überbelichtete Bilder verleihen dem Gesamtkonstrukt ein traumartiges Flair. Die Perfektion jeder einzelnen Einstellung manifestiert sich durch die Detailverliebtheit des Regisseurs. Als Maler besitzt er ein Gespür für die Platzierung einzelner Objekte innerhalb des Kaders, sodass seine Filme in hohem Maße konzipiert wirken. Diese konzeptionelle Stringenz führt jedoch keineswegs zu erzählerischer Trägheit, da jede Episode durch einen Funken Ironie zusätzlich pointiert wird. Wer Filme von Borowczyk sieht, ohne an manchen Stellen herzhaft zu lachen, hat sie nicht verstanden. In diesem Zusammenhang lassen sich Parallelen zum Werk von Tinto Brass ziehen, der vielen seiner Erotikfilme ebenfalls eine humoristische Note verleiht. Diese Vorgehensweise ist jedoch nicht immer mit Erfolg behaftet, da manch komödiantische Einlage auch in die Lächerlichkeit abdriften kann. An dieser Stelle sei nur an die dritte Episode von Unmoralische Engel erinnert, als zwei Männer auf seltsame Art und Weise in der Seine landen (!).
Provokationen gehören zum festen Bestandteil des Films. Immer wieder rückt die Kamera für kurze Momente Geschlechtsteile ins Bild. Auch die permanente Andeutung der Zoophilie – ein rekurrentes Motiv im Oeuvre des Regisseurs – wird Zuschauern mit sensibler Disposition die Schamesröte ins Gesicht treiben. Die Negierung moralisch-bürgerlicher Institutionen zählt ebenso zum Themenkorpus der einzelnen Episoden: Sowohl die Kirche als auch die Bourgeois werden ridikulisiert. Folglich schlägt sich der Film auf die Seite der Unterdrückten, die in einem Akt der Rebellion die Fesseln der biederen Gesellschaft durchtrennen. Ein permanenter Kampf gegen die Repressalien der Obrigkeiten ist tief verankert in Borowczyks Werk. Die Affirmation der profanen Bedürfnisse findet seinen Ausdruck in der inhärenten Suprematie der sexuell Befreiten, die sich aus den flankierenden Barrikaden der alltäglichen Unterdrückung herauslösen müssen. Eine Subversion der bestehenden Ordnung und eine Desavouierung etablierter Normen sind die unterschwelligen Aspekte, die viele Filme von Borowczyk durchziehen.
Die DVD lässt sich durchaus als gelungen bezeichnen. Durch ein Wendecover lässt sich der abnormal große FSK Aufkleber gut kaschieren. Das restaurierte Bild lädt zu einer Neuentdeckung eines Klassikers des europäischen Erotikfilms ein, der nun endlich von seinem Nischendasein befreit wurde. Lediglich fehlende Extras und einige ärgerliche Fehler auf der Rückseite der DVD (bei den Untertiteln steht nur „Französisch“) geben Anlass zu monieren. Dennoch bleibt die Tendenz hoch erfreulich: Borowczyks Werk verdient Aufmerksamkeit.
Unmoralische Engel
R: Walerian Borowczyk
D: Marina Pierro, Gaelle Legrand, Pascale Christophe
Frankreich 1979, 109 Min.
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