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goEast: Border

von Amos Borchert, am 28.4.10





Es gab beim im kalten Februar stattgefundenen 60. Geburtstag der Berlinale zwei Filme, die mich besonders tief getroffen haben: der brasilianische Os Famosos e os Duendes da Morte (The Famous and the Dead), der in einer äußerst einfühlsamen Weise die Themen Erwachsenwerden und Suizid behandelt und der rumänische Portretul luptatorului la tinerete (Portrait of the Fighter as a Young Man), dessen ungeheuerliche Schönheit mich den politischen Impetus (fast) völlig vergessen ließ.
Nun, auf dem 10. Geburtstag des goEast scheinen sich die Ereignisse zu wiederholen. Zwei Filme stechen unter den von mir Gesehenen heraus. A Hetedik Kör (The Seventh Circle) nimmt sich ebenfalls den Schwierigkeiten der Jugend und der Komplexität von Leben und (selbstgewähltem) Vergehen an.

Sahman (Border) nun hat ähnlich wie Popescus Portrait of the Fighter as a Young Man eine derart eigenständige Herangehensweise und überwältigende Ästhetik, dass ich auch hier versucht bin, die Ethik der Kunst unterzuordnen. Vollgemerkt versucht, denn eine endgültige Position kann und werde ich zu diesem Zeitpunkt nicht einnehmen. Was bei Portrait... über die geschichtliche Sensibilität des Widerstandes gegen die kommunistischen Machthaber und dessen streitbare Verarbeitung zu diskutieren wäre, ist hier (wie bei so unzähligen weiteren Beispielen) der Umgang mit Tieren...

Border von Harutyun Khachatryan lief bei goEast in der Sektion „Signatur / Prädikat: eigenwillig." Die Geschichte spielt in einer Grenzregion zwischen Armenien und Aserbaidschan. Ein Gebiet, das gezeichnet ist durch gewaltsame Konflikte und dessen harte Wirklichkeit den Menschen einiges abverlangt. Der sehr dokumentarisch gehaltene Stil erinnert an Werner Herzogs essayistische Versuche, eine Präsenz des Magischen innerhalb der alltäglichen Dinge exotischer Welten zu suchen. Eine genaue Klassifizierung in Spiel- oder Dokumentarfilm scheint überflüssig (zumal auch eine „reine“ Doku kaum ohne inszenatorische Mittel auskommt), wir bewegen uns in einer Schnittstelle.

Die teilweise recht langen Einstellungen von Totalen schwenken über den kargen Raum und eröffnen uns den Film zurückgenommen und kontemplativ. Langsam tauchen wir in dessen Energie ein, werden durch verwackelte Handkamera in die Details dieses Universums eingeführt. Khachatryans Werk kommt so gut wie ohne gesprochenes Wort aus (einige wenige, nicht untertitelte Fetzen erreichen uns) und bleibt trotzdem nicht stumm. Die Laute der Tiere, der Menschen, der Arbeit, lassen Ahnungen hochkommen, doch man wird sich gleichzeitig bewusst, dass der Filter des Kinos „nur“ eine Intensität leisten kann, deren Niveau eine Dimension berührt, die abstrahiert und künstlich ist. Besonders das Fehlen der Gerüche von Essen, Schweiß, Ziege, Hund und Kuh verzerren die Wesenheiten der Dinge. Die Phänomenwelt wird uns poetisch verlagert und gleichzeitig eindringlich geschildert. Der untypische, extradiegetische Sound und vereinzelte Episoden - etwa der Kampf der angebundenen Hunde – bringen eine ungewisse Spannung, ein Gefühl der Bedrohung, der Aggression hinein.

Diese Welt, so bietet es uns der Film an, soll vor allem durch den Blick unseres nichtmenschlichen Protagonisten aufgenommen werden. Immer wieder sehen wir im Gegenschnitt dessen Augen: sie scheinen mal müde, mal forschend, sogar traurig (Kuleshov lässt grüßen) - bei den Tötungen seiner Artgenossen, beim Versuch dieser morbiden Realität zu entkommen. Der Körper und das Gesicht des Büffels sowie das Zeichen seiner Knechtschaft (die metallene Kette mit Glocke um seinen Hals) ergründet die Kamera aufs Genauestes. Wir hören sein Scharren, sein Schnauben. Selten war Sympathie und Identifikation so notwendig und doch so schwierig. Wir sind Wesen, die durch Sehen und Hören nachvollziehen wollen, wie es ist, jemand zu sein, dessen Wahrnehmung wir nicht kennen, dessen Stoffwechsel wir nicht leben, dessen Reich wir nicht angehören. Auch wenn es oft gegenteilig verlautet wird: Angst ist keine universell austauschbare Konstante. Leid ist nicht adäquat übertragbar. Das Sterben wird in Border ausgespart. Wir sehen die Folgen des Todes, wie sie sich auf der Ebene der Materie einschreiben. Wir sehen Misshandlungen, die Alltag sind. Unser Held wird mit einem Stock verprügelt, weil er sich angemaßt hat, seinem Wunsch nach Unversehrtheit Ausdruck zu verleihen. Die Frage, wie weit Kunst gehen darf, sollte nicht als erstes auf dem Feld der Prothesen, des Kunstblutes und der Effekte problematisiert werden, sondern im Umgang mit den realen Qualen und dem instrumentalisierten Sterben schmerzempfindlicher Wesen. Denn auch wenn wir die Identifikationsleistung nicht in ihrer ganzen Universalität führen können, sind diese Fragen für unser Menschsein bedeutsam. Und Vorsicht: eine richtige Antwort gibt es nicht.

Die Geschichte des Büffels, der seinen gewaltsamen Tod kommen sieht und ihm wieder und wieder zu entkommen trachtet, endet in einer stilisierten Todeslandschaft: nachdem ein Brand in den Ställen während einer Hochzeitsfeier Rauchschwaden über das morgendliche Land treibt, liegt eine tote Kuh (ich neige dazu zu behaupten, dass es nicht DER Büffel ist, was auf der Ebene der Narration und Illusion unerheblich erscheint, aber bei der Einordnung des Charakters der Inszenierung hinter „der Lüge der Leinwand“ bedeutsam wird) im Stacheldraht der Grenzanlagen, flankiert vom einem Kalb, das sich mit seinem Fuß ebenfalls darin verfangen hat. Dieses bildgewaltige, hochsymbolische Ende schmettert nieder. Unsere Geschichte schlägt den Weg des Pessimismus ein; Mensch und Tier blicken in das Antlitz der Auflösung. Ich sehe mich (wiedereinmal) mit der Frage konfrontiert, ob man ein Werk gänzlich ohne ethisches Urteil lesen kann (oder sollte) und wenn nicht, wie stark dann der Widerstand gegen ein seinem (momentanen) Wertesystem entgegenlaufenden Werk sein kann (oder sollte). 

Border provoziert viele Gedanken der unterschiedlichsten Richtungen und ist im Hinblick auf seinen Umgang mit Gewalt gegen Tiere bei weitem nicht der problematischste Vertreter (der Film ist keine Aneinanderreihung von Greueltaten!), es lohnt sich an ihm aber besonders die Reflexion über die scheinbare Authentizität von Film (besonders semi-dokumentarisch arbeitender) und die in der physischen Welt dafür vorgenommenen Handlungen.

Dass es für Tiere wahrscheinlich ziemlich unerheblich ist, ob sie nun für die Beschichtung des Fotomaterials oder für die darauf gebannte Erzählung ihr Leben lassen (bzw. ihr Tod "nüchtern" beobachtend aufgezeichnet wird), ist ein Punkt über den man sich ebenso Gedanken machen kann. Trotzdem halte ich es nicht für unerheblich, welche Intentionen und Herangehensweisen der Filmschaffende hat (die Frage, ob es vertretbarer ist, wenn ein Werk künstlerisch „wertvoll" erscheint, wäre auch zu stellen): Le Sang des bêtes von Georges Franju bewerte ich moralisch anders als Michael Hanekes Anliegen, mir etwas über die Unkonsumierbarkeit von Gewalt erzählen zu wollen und dabei fühlenden Wesen die Kehle aufschneiden oder den Kopf abschlagen zu lassen.

Border / Grenze / Sahman
R: Harutyun Khachatryan
Armenien / Niederlande, 2009, 82 Min.


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