Mit einem auf den ersten Blick verwirrenden, aber gerade dadurch im Nachhinein umso passenderen Titel, lädt der mittlerweile international bekannte Regisseur
Corneliu Porumboiu (
A fost sau n-a fost, bekannt als
12:08 East of Bucharest) zu einem bedrückend qualitativen Kinoerlebnis ein: Zwischen
Robert Bresson,
Peter Lilienthal und Rumänien entsteht mit
Poliţist, adjectiv ein unvermuteter filmischer Raum von Minimalismus, Klarheit und Subtilität.
Realismus wird in Verbindung mit der
Neuen Rumänischen Welle immer in Bezug gebracht, und Realismus ist auch im Fall von
Poliţist, adjectiv ausschlaggebend. Doch, was den Film ausmacht, ist der dialektische Umgang damit. In dieser Hinsicht arbeitet
Porumboiu auf zwei dem Medium Film innewohnenden Makroebenen: Die der Kamera und die der Sprache.
Kamera steht für Beobachten, die Realität unvermittelt wahrnehmen, so wie es der Hauptcharakter, der Polizist Cristi macht. Kamera heißt aber eben durch diese Beobachtung einen Raum schaffen. Dieser Raum ist bedrückend durch die Auswahl der Kameraperspektive. Er ist eng, trotz der fast kompletten Abwesenheit von Nahaufnahmen. Und er ist himmellos, trotz der vielen Außenaufnahmen. Zugunsten ebendieser Demonstration der Manipulation von Realität durch ihr einfaches Filtern durch das Kameraauge verzichtet
Porumboiu auf jeden Rhythmus- oder Dramaturgie-stiftenden Schnitt. Die im Kino der letzten Jahre immer wichtiger werdende Form tritt in diesem Film in den Hintergrund, der Fokus liegt auf dem Inhalt. Doch was ist der Inhalt, wenn nicht verfilmte Wirklichkeit?
Ebenso geschieht es mit den Schauspielern: In Bressonscher Manier trägt jeder sein ewiges Gesicht über die ganze Filmlänge, um durch die Abwesenheit der Mimik nur auf die Partitur der subtileren Noten des Films hinzuweisen. Doch wo liegen diese? Eine banalere Geschichte gibt es kaum: ein Junge wird vom Polizisten Cristi acht Tage lang beschattet, weil er Haschisch konsumiert. Der Polizeichef und der Staatsanwalt drängen Cristi zu einer Verhaftung, doch dessen Gewissen erlaubt ihm nicht, den Jungen dafür sieben Jahre einsperren zu lassen.
Das zweite Studienobjekt des Films ist die Sprache. Die Sprache ist für Cristi ein Instrument der Wiedergabe von Wirklichkeit. Mit dem Stift auf Papier zeichnet er Tag für Tag seine Beobachtungen auf und gleich danach werden diese Schriften zu einer Mauer zwischen dem Zuschauer und der Wirklichkeit: sie werden in voller Länge von der Kamera abgefilmt.
Die Sprache ist aber auch ein Werkzeug zur Interpretation der Wirklichkeit, wie das einzige Lied im Soundtrack des Films mit verhältnismäßig störender Lautstärke ankündigt. Interpretation benötigt Symbole, und Symbole stehen ebenso wie eine Mauer zwischen Realität und Beobachter, einen absurden Raum für Interpretation anbietend, wie der Umgang von Cristis Ehefrau mit dem kitschigen Inhalt des Liedes von Mirabela Dauer exemplarisch zeigt.
Und zuletzt, und im Film am wichtigsten, ist Sprache ein Mittel zum Schaffen der Ordnung in den Unregelmäßigkeiten der Realität. Durch Sprache entstehen die Gesetze, und die Gesetze sind der Kern des dialektischen Konflikts in
Poliţist, adjektiv. Die Gesetze verfolgen die allgemeinen Interessen der Gesellschaft, ihre Begrenzung aber liegt darin, dass sie in ihrer Starrheit Individuen oder Situationen als Spezialfälle nicht berücksichtigen können. So wird in einer der schönsten und originellsten Plansequenzen des Kinos Cristi (
Dragos Bucur), als Exponent der Rhetorik der Ethik, mit dem Polizeichef (
Vlad Ivanov), als Exponent der Ethik der Rhetorik, konfrontiert. Die absolute Mauer zwischen Beobachter und Wirklichkeit entsteht in dieser Sequenz durch die einfache Tatsache, dass Cristi dem Zuschauer die kompletten Definitionen von Gewissen, Gesetz, Moral und Polizist (dem Adjektiv) vorliest.
Corneliu Porumboiu serviert seinen Film mit einem subtilen, immer sehr unerwarteten und durch seine Platzierung sehr befreienden Humor. Selten, aber sehr effizient lenkt dieser Humor von der bedrückenden, und für den dominierenden Minimalismus erstaunlich dichten Stimmung des Werkes ab.
Poliţist, adjectiv gewann den
FIPRESCI Preis in der Kategorie
un certain régard 2009 bei dem
Film Festival von Cannes und wurde auf
goEast in der Kategorie Signatur gezeigt.
Police, adjective - Pressespiegel bei
film-zeit.de
Police, Adjective / Polizei, Adjektiv / Poliţist, adjectiv
R: Corneliu Porumboiu
D: Dragos Bucur, Vlad Ivanov, Cosmin Seleşi, Irina Săulescu
Peripher Verleih
Rumänien, 2009, 113 Min.
Mit einem auf den ersten Blick verwirrenden, aber gerade dadurch im Nachhinein umso passenderen Titel, lädt der mittlerweile international bekannte Regisseur
Corneliu Porumboiu (
A fost sau n-a fost, bekannt als
12:08 East of Bucharest) zu einem bedrückend qualitativen Kinoerlebnis ein: Zwischen
Robert Bresson,
Peter Lilienthal und Rumänien entsteht mit
Poliţist, adjectiv ein unvermuteter filmischer Raum von Minimalismus, Klarheit und Subtilität.
Realismus wird in Verbindung mit der
Neuen Rumänischen Welle immer in Bezug gebracht, und Realismus ist auch im Fall von
Poliţist, adjectiv ausschlaggebend. Doch, was den Film ausmacht, ist der dialektische Umgang damit. In dieser Hinsicht arbeitet
Porumboiu auf zwei dem Medium Film innewohnenden Makroebenen: Die der Kamera und die der Sprache.
Kamera steht für Beobachten, die Realität unvermittelt wahrnehmen, so wie es der Hauptcharakter, der Polizist Cristi macht. Kamera heißt aber eben durch diese Beobachtung einen Raum schaffen. Dieser Raum ist bedrückend durch die Auswahl der Kameraperspektive. Er ist eng, trotz der fast kompletten Abwesenheit von Nahaufnahmen. Und er ist himmellos, trotz der vielen Außenaufnahmen. Zugunsten ebendieser Demonstration der Manipulation von Realität durch ihr einfaches Filtern durch das Kameraauge verzichtet
Porumboiu auf jeden Rhythmus- oder Dramaturgie-stiftenden Schnitt. Die im Kino der letzten Jahre immer wichtiger werdende Form tritt in diesem Film in den Hintergrund, der Fokus liegt auf dem Inhalt. Doch was ist der Inhalt, wenn nicht verfilmte Wirklichkeit?
Ebenso geschieht es mit den Schauspielern: In Bressonscher Manier trägt jeder sein ewiges Gesicht über die ganze Filmlänge, um durch die Abwesenheit der Mimik nur auf die Partitur der subtileren Noten des Films hinzuweisen. Doch wo liegen diese? Eine banalere Geschichte gibt es kaum: ein Junge wird vom Polizisten Cristi acht Tage lang beschattet, weil er Haschisch konsumiert. Der Polizeichef und der Staatsanwalt drängen Cristi zu einer Verhaftung, doch dessen Gewissen erlaubt ihm nicht, den Jungen dafür sieben Jahre einsperren zu lassen.
Das zweite Studienobjekt des Films ist die Sprache. Die Sprache ist für Cristi ein Instrument der Wiedergabe von Wirklichkeit. Mit dem Stift auf Papier zeichnet er Tag für Tag seine Beobachtungen auf und gleich danach werden diese Schriften zu einer Mauer zwischen dem Zuschauer und der Wirklichkeit: sie werden in voller Länge von der Kamera abgefilmt.
Die Sprache ist aber auch ein Werkzeug zur Interpretation der Wirklichkeit, wie das einzige Lied im Soundtrack des Films mit verhältnismäßig störender Lautstärke ankündigt. Interpretation benötigt Symbole, und Symbole stehen ebenso wie eine Mauer zwischen Realität und Beobachter, einen absurden Raum für Interpretation anbietend, wie der Umgang von Cristis Ehefrau mit dem kitschigen Inhalt des Liedes von Mirabela Dauer exemplarisch zeigt.
Und zuletzt, und im Film am wichtigsten, ist Sprache ein Mittel zum Schaffen der Ordnung in den Unregelmäßigkeiten der Realität. Durch Sprache entstehen die Gesetze, und die Gesetze sind der Kern des dialektischen Konflikts in
Poliţist, adjektiv. Die Gesetze verfolgen die allgemeinen Interessen der Gesellschaft, ihre Begrenzung aber liegt darin, dass sie in ihrer Starrheit Individuen oder Situationen als Spezialfälle nicht berücksichtigen können. So wird in einer der schönsten und originellsten Plansequenzen des Kinos Cristi (
Dragos Bucur), als Exponent der Rhetorik der Ethik, mit dem Polizeichef (
Vlad Ivanov), als Exponent der Ethik der Rhetorik, konfrontiert. Die absolute Mauer zwischen Beobachter und Wirklichkeit entsteht in dieser Sequenz durch die einfache Tatsache, dass Cristi dem Zuschauer die kompletten Definitionen von Gewissen, Gesetz, Moral und Polizist (dem Adjektiv) vorliest.
Corneliu Porumboiu serviert seinen Film mit einem subtilen, immer sehr unerwarteten und durch seine Platzierung sehr befreienden Humor. Selten, aber sehr effizient lenkt dieser Humor von der bedrückenden, und für den dominierenden Minimalismus erstaunlich dichten Stimmung des Werkes ab.
Poliţist, adjectiv gewann den
FIPRESCI Preis in der Kategorie
un certain régard 2009 bei dem
Film Festival von Cannes und wurde auf
goEast in der Kategorie Signatur gezeigt.
Police, adjective - Pressespiegel bei
film-zeit.de
Police, Adjective / Polizei, Adjektiv / Poliţist, adjectiv
R: Corneliu Porumboiu
D: Dragos Bucur, Vlad Ivanov, Cosmin Seleşi, Irina Săulescu
Peripher Verleih
Rumänien, 2009, 113 Min.
Poliţist, adjectiv