Durch Dokumentarfilme wurde Regisseur
Levan Koguashvili bekannt. Mit
Street Days wechselt er nun zum Spielfilm, ohne aber die Marke des Dokumentarfilms abzulegen. So ist das auf das Geschehen des Films gerichtete Auge der Kamera ein präzises, neutrales, subtil und gleichzeitig schonungslos beobachtendes, ein Auge, das der gezeigten Welt so viel Freiraum gönnt, dass der Film, trotz seiner melodramatischen Töne, ein sehr genaues Gesellschaftsporträt ist.
Im Mittelpunkt dieser Gesellschaft steht eine Gruppe von heroinabhängigen Männern aus Tiblisi. Wie Chekie (
Guga Kotetishvili), der Hauptcharakter, sind alle diese Männer eine besondere Sorte Straßenkinder: trotz ihres Alters (sie sind alle über 40), und trotz der Familien, die sie alle schon längst gegründet haben, sind diese Männer Nomaden. Ständig in Bewegung, ständig auf der Suche nach dem nächsten Schuss, wandern sie durch die Straßen der Stadt, alle sich unter einander kennend. Die Sucht führt zu Freundschaften, zu Gruppen, zur gemeinsamen Suche nach Mitteln zur Beschaffung des Rausches, aber sie sorgt gleichzeitig dafür, dass alle diese Verbindungen sehr fragil, sehr sensibel, sehr situationsabhängig sind.
Vollkommen anders sieht die Welt der Frauen aus, denn sie müssen die Nutzlosigkeit ihrer Männer ausgleichen. Übermüdet durch Arbeit und Kindererziehung sind diese auch ständig in Bewegung. Der so gierig von den Männern verfolgte nächste Schuss spiegelt sich in der Frauenwelt in den täglich neuaufkommenden Schulden oder nicht bezahlten Gebühren. So erfüllen die Frauen in
Street Days längst mehr wie die Rolle der Urmutter, des Familienoberhaupts: in ihrer notwendigerweise streng geregelten Welt sind die Männer bloß Besucher eines Zuhauses, das mal das eigene war. Schon längst ist die Verbindung zwischen den Ehepaaren in dieser Welt gebrochen. Aufeinander sind sie nicht mehr angewiesen, die einzige stattfindende Kommunikation begrenzt sich auf die Frage, ob der Mann ausnahmsweise mal nüchtern ist.
Drogensucht ist in
Street Days nicht nur ein lebenslanger Begleiter, sondern auch ein Anti-Aging-Mittel. Nebeneinander gestellt werden in dieser Hinsicht die Generation der heroinsüchtigen Herren und die Generation der 17-jährigen Schüler. Die Letzteren verbildlichen die Anfänge der Älteren, aber vor allem auch die Tatsache, dass es zwischen diesen Vergleichspartnern keine weiteren Unterschiede gibt. Seit Jahren versammeln sich die Männer um Chekie immer noch vor der Schule, um die Erlangung ihres täglichen Schusses zu planen. Der Ort alleine ist aber nicht bestimmend, innerlich ist jeder noch ein Schüler, im gleichen Verhältnis mit der ehemaligen Lehrerin wie früher noch, wie wenn statt ihrer Söhne sie selber die Schulbänke drückten.
Ein Hybrid zwischen Dokumentarfilm, Milieustudie und Spielfilm ist
Street Days, was auch die Problematik seiner Rezeption bedingt. Zentriert um einen Hauptcharakter, lässt er Illusion und Hoffnung auf eine dramaturgisch bedingte Handlung entstehen, und bietet stattdessen ein Gesellschaftsportrait an. Die Unentschlossenheit des Films in dieser Hinsicht erfordert implizit vom Zuschauer einen Spagat, egal ob man den Film von der dokumentarischen oder von der dramaturgischen Seite kostet.
Street Days läuft im Wettbewerb.
Weitere Termine:
Frankfurt: Freitag, 23.04, 20:30, Cinestar Metropolis.
Wiesbaden: Samstag, 24.04, 22:00, Alpha Kino.
Auf der Straße / Street Days / Quchis dgeebi
R: Levan Koguashvili
D: Guga Kotetishvili, Irakli Ramishvili, George Kipshidze
Georgien, 2010, 86 Min.
Durch Dokumentarfilme wurde Regisseur
Levan Koguashvili bekannt. Mit
Street Days wechselt er nun zum Spielfilm, ohne aber die Marke des Dokumentarfilms abzulegen. So ist das auf das Geschehen des Films gerichtete Auge der Kamera ein präzises, neutrales, subtil und gleichzeitig schonungslos beobachtendes, ein Auge, das der gezeigten Welt so viel Freiraum gönnt, dass der Film, trotz seiner melodramatischen Töne, ein sehr genaues Gesellschaftsporträt ist.
Im Mittelpunkt dieser Gesellschaft steht eine Gruppe von heroinabhängigen Männern aus Tiblisi. Wie Chekie (
Guga Kotetishvili), der Hauptcharakter, sind alle diese Männer eine besondere Sorte Straßenkinder: trotz ihres Alters (sie sind alle über 40), und trotz der Familien, die sie alle schon längst gegründet haben, sind diese Männer Nomaden. Ständig in Bewegung, ständig auf der Suche nach dem nächsten Schuss, wandern sie durch die Straßen der Stadt, alle sich unter einander kennend. Die Sucht führt zu Freundschaften, zu Gruppen, zur gemeinsamen Suche nach Mitteln zur Beschaffung des Rausches, aber sie sorgt gleichzeitig dafür, dass alle diese Verbindungen sehr fragil, sehr sensibel, sehr situationsabhängig sind.
Vollkommen anders sieht die Welt der Frauen aus, denn sie müssen die Nutzlosigkeit ihrer Männer ausgleichen. Übermüdet durch Arbeit und Kindererziehung sind diese auch ständig in Bewegung. Der so gierig von den Männern verfolgte nächste Schuss spiegelt sich in der Frauenwelt in den täglich neuaufkommenden Schulden oder nicht bezahlten Gebühren. So erfüllen die Frauen in
Street Days längst mehr wie die Rolle der Urmutter, des Familienoberhaupts: in ihrer notwendigerweise streng geregelten Welt sind die Männer bloß Besucher eines Zuhauses, das mal das eigene war. Schon längst ist die Verbindung zwischen den Ehepaaren in dieser Welt gebrochen. Aufeinander sind sie nicht mehr angewiesen, die einzige stattfindende Kommunikation begrenzt sich auf die Frage, ob der Mann ausnahmsweise mal nüchtern ist.
Drogensucht ist in
Street Days nicht nur ein lebenslanger Begleiter, sondern auch ein Anti-Aging-Mittel. Nebeneinander gestellt werden in dieser Hinsicht die Generation der heroinsüchtigen Herren und die Generation der 17-jährigen Schüler. Die Letzteren verbildlichen die Anfänge der Älteren, aber vor allem auch die Tatsache, dass es zwischen diesen Vergleichspartnern keine weiteren Unterschiede gibt. Seit Jahren versammeln sich die Männer um Chekie immer noch vor der Schule, um die Erlangung ihres täglichen Schusses zu planen. Der Ort alleine ist aber nicht bestimmend, innerlich ist jeder noch ein Schüler, im gleichen Verhältnis mit der ehemaligen Lehrerin wie früher noch, wie wenn statt ihrer Söhne sie selber die Schulbänke drückten.
Ein Hybrid zwischen Dokumentarfilm, Milieustudie und Spielfilm ist
Street Days, was auch die Problematik seiner Rezeption bedingt. Zentriert um einen Hauptcharakter, lässt er Illusion und Hoffnung auf eine dramaturgisch bedingte Handlung entstehen, und bietet stattdessen ein Gesellschaftsportrait an. Die Unentschlossenheit des Films in dieser Hinsicht erfordert implizit vom Zuschauer einen Spagat, egal ob man den Film von der dokumentarischen oder von der dramaturgischen Seite kostet.
Street Days läuft im Wettbewerb.
Weitere Termine:
Frankfurt: Freitag, 23.04, 20:30, Cinestar Metropolis.
Wiesbaden: Samstag, 24.04, 22:00, Alpha Kino.
Auf der Straße / Street Days / Quchis dgeebi
R: Levan Koguashvili
D: Guga Kotetishvili, Irakli Ramishvili, George Kipshidze
Georgien, 2010, 86 Min.
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