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goEast: Transmission

von Ciprian David, am 27.4.10




Mit Transmission lädt der ungarische Regisseur Roland Vranik zu einer Dystopie ein, zu einer moralisierenden Studie über die Primitivität der menschlichen Natur.

Die Ausgangssituation ist so absurd wie einfach, gleichzeitig aber genial pointiert: In der vorgestellten Filmwelt funktionieren die Bildschirme nicht mehr. Die Menschen haben keinen Zugang mehr zu Fernsehen und Computer, aber nach und nach wird klar, dass alle zivilisierten Organisationen, von Polizei bis Industrie, auch lahmgelegt sind.

Im Mittelpunkt des Films steht die Künstlichkeit des menschlichen Lebens. Wie von Apparaten zur Lebenserhaltung sind wir von einem Netz von Organisationen, Dienstleistungen und Geräten umgeben, die dafür sorgen, dass sich die Gesellschaft weiter in einem rasanten Rhythmus entwickelt und die meisten von uns ihren Platz in der Gesellschaft auch besetzen, aber auch dafür, dass sich die Natur des Menschen verändert, dass sie den Zugang zur Wirklichkeit nur noch über diese Maschinerie finden, dass das, was einmal Menschen ausmachte, durch eine ausgeklügelte, sterile Künstlichkeit ersetzt wurde.

Der Film hat drei Brüder im Mittelpunkt und lässt sie exemplarisch leiden, um seine Ideen klarzustellen. Der jüngste, Otto (Károly Hajduk), ist der Fürsorger der anderen beiden. Er zeugt von einem außergewöhnlichen Altruismus und von Integrität. Doch eine Reihe von unglücklichen Ereignissen im Zusammenhang mit dem Ausfall der Bildschirme verschafft ihm erst den Zugang zu einem anderen Menschen, zu Julia (Kata Wéber). Ihre Beziehung ist so natürlich, dass sie in den künstlichen Bedingungen der Welt der funktionierenden Bildschirme nicht zustande kommen konnte.

Der mittlere Bruder, Vilmos (Zoltán Rátóti), ist der einzige der eine Familie gegründet hat. Alles hat gut funktioniert, bis die Bildschirme ausgefallen sind. Dann war plötzlich eine Leere da, die Zeit, die früher mit Fernsehschauen gefüllt war, ließ sie nun auf einer Couch sitzen, dem schwarzen Bildschirm gegenüber, und langsam feststellen, dass sie nicht zueinander passen.

Der ältere Bruder, Henrik (Sándor Terhes), scheint von der Abwesenheit des Fernsehens am meistens getroffen zu sein. Das Gerät diente ihm früher als Schlaflied-Surrogat, nun kann er nicht mehr schlafen. Lethargisch und selten bei Sinnen verbringt er jetzt die ganzen Tage vor dem Fenster, abwesend und sehnsüchtig mit dem Blick nach dem vermissten Geflimmer suchend. So ist er nicht imstande, etwas dagegen zu tun, als Julia, zu dem Zeitpunkt noch eine Fremde für die drei Brüder, mitten auf der Straße von einer Bande Kinder angegriffen wird. Zu sehr ähnelt das der Gewalt in den Medien, die man vom Sessel aus im Fernsehen apathisch anschauen konnte. Ebenso ist es mit dem versehentlichen Mord Vilmos an seiner Frau, worauf Henrik mit der erwähnten, ihm eigenen Apathie gleich mit einem Plan aufkommt, die Tat zu vertuschen.

Doch die zwei Töchter von Vilmos bekommen es mit und fliehen daraufhin von Zuhause. So lernt der Zuschauer während Vilmos Suche einerseits die postzivilisierte Gesellschaft kennen, in der eine große Anzahl von Menschen flieht oder verschwindet. Viele davon ziehen sich auf das Land zurück, um Landwirtschaft zu betreiben. Die meisten Stadtbewohner haben aber keinen Bezug mehr dazu und leben vom im Meer geangelten Fisch, der am Strand verkauft wird. Zweitens bekommt man anhand der Polizei zu verstehen, dass fast keine Institution nach dem Ausfall noch funktionieren.

Allein in der Natur des Menschen liegt es, Institutionen durch Werte zu ersetzen, wie es der ehemalige Mitarbeiter von Vilmos Frau macht, indem er seine Integrität durch das Anziehen seiner alten Piloten-Uniform nach außen verlagert, sie wie ein Wappen trägt. Dieser wird auch derjenige sein, der Vilmos für seine Mordtat nach der Regel des Alten Testaments bestraft.

Und wenn Institutionen nicht durch Werte ersetzbar sind, wie Henriks Fernsehen als Schlafhilfe, dann ist eben Instinkt gefragt. So geht Henrik beispielhaft den geschichtlichen Weg der Entstehung des Fernsehens noch einmal nach: zuerst, durch Beobachtung der Realität, Fernbedienung in der Hand und Augen auf das Fenster gerichtet, stellt sein Unterbewusstsein fest, dass ein Fenster auch ein Fernsehen ist, bloß im falschen Format. So baut er zunächst eine Mauer um seinen Rasen herum und schafft sich so das erste metaphorische Haus nach der Medienapokalypse. Es folgen ein Tisch, Stühle, ein gemeißelter Hund, und doch scheint es nicht richtig zu sein. Bis die Musen ihn besuchen und er auf das Fenster im 16:9-Format kommt, das er gleich in die Mauer einschlägt. Nun hat er ein bewegtes Bild in einem richtig proportionierten Rahmen, nun kann er schlafen.

Doch was befindet sich auf der anderen Seite? Natürlich wir, die Zuschauer, wie die letzte Einstellung des Films moralisierend zeigt, und wir haben die mediale Apokalypse noch nicht hinter uns.

Transmission / Adás
R: Roland Vranik
D: Károly Hajduk, Kata Wéber, Zoltán Rátóti, Sándor Terhes
Ungarn, 2009, 90 Min.


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