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Nippon Connection: Bare Essence of Life

von Ciprian David, am 17.4.10




Nicht zum ersten Mal lässt sich ein Film von Satoko Yokohama bei Nippon Connection sehen. Ihr Debütfilm Chiemi and Kokkunpatcho zog gerade durch das Frankfurter Festival die Aufmerksamkeit eines internationales Publikum auf sich. Mit Bare Essence of Life flimmert nun das lange erwartete Kinodebüt der Regisseurin im Nippon Cinema Wettbewerb.

Ein Wecker, und noch ein Wecker, und noch ein Wecker … erinnern den nach dem Aufwachen mit einem weißen Tuch bedeckten, und so wie ein freier Vogel, wie ein spielendes Kind durch die Straßen seines Dorfes herumflatternden jungen Bauer Yojin an das Vergehen der Zeit. Denn Yojins Zeit vergeht anders und Evolution ist auch nicht seine Stärke. Selbst die Landarbeit führt er den Anweisungen seines verstorbenen Großvaters über einen Kassettenrecorder folgend durch, ohne dass die Aufnahmen ihm wirklich helfen, denn immer wieder entfalten sich in seiner wundersamem Fantasie neue, ablenkende Gedanken, denen er sofort nachgeht. Und wenn er nicht mehr weiterweiss, kann er sich auf seine alte Oma verlassen, der er beim Gemüseverkauf aushilft. So ziehen sie mit ihrem Wagen jeden Tag um 14 Uhr los durch das Dorf, die Oma am Steuer, Yojin, gewappnet mit einem Megaphon, auf der Ladefläche und verdienen ihr Geld. Doch zur Belustigung der Zuschauer bezieht Yojin sein ganzes Universum in seine Aktivitäten immer mit ein, so dass ihr Gemüse mal besser ist als der Dorfarzt, oder mal zur Gelegenheit dienen soll, dass alle sich versammeln und Freunde werden. Etwas zu impulsiv ist der vom japanischen Teenager-Schwarm Ken’ichi Matsuyama mit beeindruckender Leichtigkeit und Präzision gespielte Yojin. Wie ein bemerkenswerter James Dean rebelliert er bei jeder Gelegenheit, meistens aber nicht gegen die Polizei, wie in Denn sie wissen nicht, was sie tun, sondern gegen den Pestizidhändler. Dieser mag ihm ohne Geld nichts für die Besserung seines Kohlbeetes geben, damit es „evolviert“ und gutes Gemüse liefert, wie die vom über das Dorf fliegenden Helikopter mit Chemikalien bespritzten, hellgrünen Felder, die den Titel des Films lebendig bebildern.

Bare Essence of Life ist ein großes Beispiel der stark an Bilder angelegten Erzählweise im japanischen Kino. Sehr gekonnt und doch mit ungeheurer Sanftheit mit Bildmetaphern arbeitend, schafft der Film eine romantische Poesie um Yojins Welt. Diese Welt wird bald Änderungen erfahren, wie die sich am Dorfanfang neben den Zugschienen erhebenden Schranken voraussagen. Denn diese Schranken begleiten die Ankunft einer Fremden. Eine junge Frau, die abwesend anhält, bis der Zug vorbei gefahren ist, obwohl die Schranken bereits hinter ihr stehen, um dann weiter bis zum Haus der Psychoanalytikerin zu laufen, ihr erster Aufenthaltsort in Yojins Dorf. Die junge Frau trauert, ihr Freund wurde bei einem Autounfall getötet. Noch schlimmer, er war mit einer anderen Frau zusammen dabei. Und dazu noch, als Auftakt in die surreale Welt, die sich dem Zuschauer entfalten wird, ging sein Kopf während des Unfalls verloren. Machicko, die Tokyo und ihre Trauer gegen das kleine Dorf zu tauschen versucht, ist die neue Kindergärtnerin. In der magischen Welt des Dorfes verhalten sich aber die Kinder wie Erwachsene: Mädchen reden wie alte Läster-Tanten, bis hin zum Verschwinden der Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen. Yojin liegt natürlich genau dazwischen. Und als Gemüseverkäufer kommt er in Kontakt mit der jungen von Komiko Asô gespielten Kindergärtnerin, wodurch sich ihm und ihr eine neue Welt aufmacht. Diese Welt betritt sie zunächst skeptisch, vor allem, weil der aufdringliche Yojin sich auf der Stelle für verliebt erklärt und seine Heiratspläne offenbart. Doch bleibt es zunächst bei dem gemeinsamen Weg nach Hause, wofür Yojin bereit ist, je nach seinem willkürlichen Lebensrhythmus, die als fünf Stunden definierte Ewigkeit bis zum Dienstschluss vor dem Kindergarten zu warten. Die zwischen den beiden aufkeimende Romantik wurde schon bei der ersten Begegnung meisterhaft inszeniert: Während Machiko Yojins Oma beim Rückwärtsfahren hilft, wiederholt dieser ihre Befehle durch sein Megaphon, wie eine Spiegelung, die auf die gegenseitige Hilfe, die sich die beiden auf emotionaler Ebene geben werden, verweist.

Yojin sieht sich als ein Teil der Natur. Seine Arbeit im Gemüsebeet ist ein Kampf mit gleichgestellten Gegnern, ob diese Raupen oder Kohlköpfe sind. So lässt er sich einmal als Spiel zwischen den Kohlköpfen im Gemüsebeet begraben. Er ist ein Beobachter der Welt um sich herum, aber nicht nur das: wie wir alle, interpretiert er sie. Und seine Gedanken lassen ihn auf die Idee kommen, das Machiko ihn mehr mag, wenn er sich mit Pestiziden duscht, um, wie sie sagt, sich wie alles andere zu entwickeln. Weil es für den ursprünglichen Zweck ist, nimmt er dann hierfür einen Teil des Geldes, das seine Oma für seine Hochzeit spart, und kauft sich die nötigen Zutaten. Mit den Pestizid-Duschen wird Yojin immer apathisch, seine Impulsivität strahlt er immer seltener aus, er wirkt immer ernster, sein Lebensrhythmus verlangsamt sich, bis hin zum transzendentalen Moment des Treffens auf Machikos verstorbenen Exfreund, der wortwörtlich kopflos durch die Landschaft umherirrt, und ihm verspricht, ihn dabei zu helfen, Machickos Herz zu erobern. Yojin bekommt auf Anfrage sogar die Schuhe des Verstorbenen, in denen er läuft bis sein Leben komplett verschwindet und sein Herz zu schlagen aufhört.

Doch kurz danach geschieht das Wunder: Yojin ist auferstanden, er ist putzmunter und hat Machikos Herz erobert. Bloß auf Essen empfindet er keinen Appetit mehr. So vergehen mehrere glückliche Tage zwischen den beiden, dem Menschen, dessen Herz nicht mehr schlägt und der doch am Leben ist, und der Frau, die ihre Trauer in Liebe verwandelt hat, bis eines Tages, während eines euphorischen Ausbruchs Yojins bei einem Spaziergang im Wald, er für einen Bär gehalten und von einem Jäger erschossen wird. Seine Todesfeier wird durch die anwesenden Kinder zur sprudelnden Darstellung des Lebens, sein Gehirn vermacht er Machiko, die ihn der Natur wiedergibt.

Eine poesiegeladene Tragikomödie ist Yokohamas Film. Durch die natürliche Abwechslung von Komik und Romantik, aber vor allem durch die metaphorischen Motiven, die überall in den Bildern zu erkennen sind, und nicht zuletzt durch ein exzellentes Schauspiel Ken’ichi Matsuyamas wird Bare Essence of Life ein hervorragendes Exponent für die Aussagekraft von bewegten Bildern. Der Mensch wurde selten so explizit und zugleich unterhaltsam als Teil der Natur im Film inszeniert.

Bare Essence of Life / Urutora mirakuru rabu sutôrî
R: Satoko Yokohama
D: Ken'ichi Matsuyama, Kumiko Asô
Japan, 2009, 120 Min.


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