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Nippon Connection: Toad’s Oil

von Christian Moises, am 20.4.10


Mal eben so drei Millionen zu verlieren – wen juckt das schon? Offenbar nicht Takuro Yazawa (Koji Yakusho), der den Verlust mit einem sehr unnatürlich anmutenden Lachen quittiert und weiter das Börsengeschehen auf den Monitoren verfolgt, die wie eine Art Kommandozentrale um ihn herum gruppiert sind. Für ihn scheint das Ganze nur wie eine Art Spiel zu funktionieren, bei dem man mal gewinnt, mal verliert. Bei dem man mal ins Schwarze trifft, ein anderes Mal nicht. Genauso wie bei den Zielscheiben, die er zwischendurch mit Spielzeugwaffen anvisiert. Doch seine Lebensdoktrin, allem mit einem lauten, selbstbewussten Lachen zu begegnen, ob nun Sieg oder auch Niederlage, wird auf eine Bewährungsprobe gestellt, als sein Sohn Takuya (Eita), gerade unterwegs um seinen Freund Saburo (Kickboxer Junichi Sawayashiki) von der Jugendstrafanstalt abzuholen, von einem Auto erfasst wird, sich zunächst noch beim Fahrer für seine Unachtsamkeit entschuldigt, um wenig später bewusstlos auf der Straße zusammenzubrechen.

Als Tokuro einmal, ohne viel nachzudenken, einen Anruf auf dem Handy seines Sohnes annimmt, ohne sich sogleich zu erkennen zu geben und die junge Frau, die sich als Takuyas Freundin Hikari (Debütantin Fumi Nikaidô) entpuppt, damit glauben macht, dieser wäre gesund und munter, ist dies der Beginn eines Prozesses, der ihn verändern und schließlich beiden die Möglichkeit geben wird, den sie verbindenden Schicksalsschlag zu verarbeiten. Neben seiner Frau (Satomi Kobayashi) spielt darin auch Saburo eine wichtige Rolle, der sich die Schuld am Tode des Freundes gibt, als dieser schließlich nach einem kurzen Moment bei Bewusstsein (vielleicht nur ein Traum Saburos) im Krankenbett stirbt. Saburo ist es auch, der Tokuro mit einer beiläufigen Bemerkung dazu inspiriert, einen angemessen Ort für die Asche seines Sohnes zu finden. Mit einem Camper brechen sie zusammen auf, zu einer Reise ins Ungewisse.

Dem 1956 geborenen Koji Yakusho gelang 1997 der internationale Durchbruch als Schauspieler mit Shall We Dance? von Masayuki Suo. Allerdings war er schon vorher kein Unbekannter mehr im japanischen Film, hatte bereits 1989 seinen ersten Japanese Academy Award gewonnen und dürfte Genreliebhabern vor allem aus den Werken Kiyoshi Kurosawas vertraut sein, für den er mehrmals als Hauptdarsteller vor der Kamera stand, oder auch aus Shohei Imamuras Der Aal (Unagi, 1997). Für Toad’s Oil stand er nun zum ersten Mal nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera.


Dafür hat er sich eine anspruchsvolle Geschichte ausgesucht, die versucht, sich einem tragischen Ereignis gefühl- bis humorvoll anzunähern, Momente der Verzweiflung mit solchen voller leisen Humors bis hin zu überdrehtem Slapstick zu mildern – eine Gratwanderung zwischen Komik und Trauer , die nicht immer überzeugend gelingt. Etwa wenn Tokuro in einem Wald, der eher einem Grimmschen Märchenwald gleicht und in dem Erinnerung und Fantasie Realität zu werden scheinen, gegen einen CGI-Bären antritt und diesen in einem Kampf Mann-gegen-Raubtier (bzw. trauernder Vater gegen künstlichen Bären) mit einem Tritt in den Unterleib kurzzeitig schachmatt setzt. (Randnotiz: eine Festivalbekanntschaft, eine in Japan lebende Amerikanerin, meinte, der Bär sei in dieser Gegend des Landes ein Symbol für Maskulinität. Eine mögliche Interpretation sei dem Leser überlassen.) Eine an sich herrlich überdrehte Szene, die aber merkwürdig deplatziert erscheint.

Überhaupt weiß die Vermischung von Realität und Fantasie, Gegenwärtigem und Erinnerten dramaturgisch wie ästhetisch nicht durchgehend zu überzeugen. Auch ist der Film mit seinen 131 Minuten eindeutig zu lang geraten, wirkt dadurch in der Dramaturgie etwas fahrig, verliert sich zuweilen im Anekdotenhaften. Zudem lässt das von keinem (anderen) Regisseur gebremste, ungewohnt exaltierte Spiel Koji Yakushos seinen Mitspielern, darunter neben erfahrenen Kollegen auch Laien, kaum Raum zur Entfaltung.

Nichtsdestotrotz gelingen Yakusho feinsinnig inszenierte Szenen, etwa die, die Hikari zusammen mit ihrer Großmutter zeigen oder die Nächte, die Saburo am Krankenbett seines Freundes verbringt. Es bleibt aber die Hoffnung, Yakusho möge nicht gleich den Entschluss fassen, nur noch hinter der Kamera zu agieren. Das japanische Kino würde einen großartigen Mimen verlieren – aber (noch) keinen Meisterregisseur gewinnen.

Toad’s Oil / Gama no abura
R: Koji Yakusho
D: Koji Yakusho, Eita, Fumi Nikaido, Junichi Sawayashiki, Satomi Kobayashi
Japan 2009, 131 Min.


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