-->

.

Precious - Das Leben ist kostbar

von Elisabeth Maurer, am 19.4.10


Sie heißt Claireece Precious Jones, genannt Precious (Gabourey Sidibe). Doch nichts an ihr und ihrem Leben wirkt irgendwie kostbar. Sie ist eine extrem übergewichtige, schwarze 16-jährige im Harlem der 80er Jahre, die eine behinderte Tochter von ihrem eigenen Vater hat, sein zweites Kind erwartet, von ihrer Mutter körperlich und seelisch mißhandelt wird und weder schreiben noch lesen kann, zudem erfährt sie noch, daß ihr Vater sie mit Aids infiziert hat.

Diese Fakten aus dem Leben der Protagonistin wirken beinahe abschreckend. Filme über Menschen mit schwerem Schicksal gibt es natürlich häufig, doch dies hier scheint zu viel zu sein, was kann anderes dabei herauskommen, als eine extrem melodramatische Geschichte, bei der aus dem Schluchzen kaum noch heraus zu kommen ist? Kann von einer solchen Figur überhaupt erzählt werden, ohne daß es unerträglich wird, weil es entweder zur Leidensgeschichte einer Märtyrerin wird oder irgendeine unrealistische Wendung eingebaut wird, die sie doch noch rettet? Es gibt Beispiele aus der Filmgeschichte, die eine derart tragische Geschichte erzählt haben, ohne sie zu verkitschen, aber dennoch einen Hoffnungsschimmer in sich tragen. Da mag einem vor allem Die Farbe Lila von Steven Spielberg in den Sinn kommen, in der die junge Whoopi Goldberg eine junge Frau spielt, die ihr Leben lang in einer Hölle der Gewalt und der Unterdrückung leben muß und die schrecklichsten Dinge erfährt. An Körper und Seele verletzt, der schönen Momente ihres Lebens für immer beraubt, erlebt sie im Alter doch noch ein wenig Glück.


Noch deutlicher wie in diesem Film wird in Precious vor allem die psychologische Komponente von den Mißhandlungen, die die Hauptfigur ertragen muß, dem Zuschauer vor Augen geführt. Dazu verwendet der Film einen Voice-over, in dem Precious ihre Gedanken ausdrückt. Dies ist vor allem deshalb interessant, weil es nach außen hin oft den Eindruck erweckt, als sei Precious durch ihre Erfahrungen völlig abgestumpft gegenüber ihrer Umwelt. So schätzen sie auch zunächst viele Lehrer oder Sozialarbeiter ein. Doch ihre innere Stimme beweist, daß sie eine reiche Gefühlswelt hat und ihre Situation erstaunlich gut durchschauen und überdenken kann. Die lebenslangen Gewalttätigkeiten und die fehlende Zuneigung und Einfühlsamkeit ihrer Eltern hat nur dazu geführt, daß sie sich schwer äußern kann. Doch innerlich ist sie bemerkenswert gesund geblieben. Dies verdeutlicht der Film auch durch Sequenzen, die Precious Tagträume zeigen. Wenn diese teilweise als etwas platt angesehen werden können, wenn sich das Mädchen zum Beispiel vorstellt, ein Model zu sein, sind andere wunderschöne Verbildlichungen ihres inneren Zustands. Besonders eindrucksvoll die Bilder, die alte Fotos von Precious Mutter zeigen, auf denen sie sich dann bewegt und nett zu ihrer Tochter spricht. Die Mutter ist die Schlüsselfigur in Precious Leben. Die Komplexität ihrer Beziehung wird dem Zuschauer und auch Precious bei einer Szene beim Sozialamt deutlich, in der die Mutter versucht zu erklären, warum sie den Mißbrauch an ihrer Tochter zuließ (die extrem beeindruckende Schauspielleistung von Mo’Nique brachte ihr unter anderem einen Oscar ein). Das, was Precious zu einer bewundernswerten Figur macht, ist die Tatsache, daß sie, obschon für sie Liebe immer nur in Zusammenhang stehen konnte mit seelischer und körperlicher Folter, selbst trotzdem liebesfähig ist. Ihre Kostbarkeit ist die Liebe, die sie für ihre Kinder empfindet, verbunden mit dem Mut und der Kraft, sich völlig für sie einzusetzen. Wie in Die Farbe Lila ist es die Mutterliebe, die ihrem Leben einen Wert und etwas Glück gibt.

Ohne Tränen ist dieser Film wohl nicht zu überstehen, doch erzählt er nicht nur eine anrührende Geschichte, sondern eine, die psychologisch durchdacht und beeindruckend ist und noch dazu filmisch intelligent umgesetzt wurde.

Precious - Das Leben ist kostbar / Precious: Based on the Novel "Push" by Sapphire
R: Lee Daniels
D: Gabourey Sidibe, Mo'Nique, Paula Patton, Mariah Carey
USA 2009, 109 Min.
Copyright: Prokino


blog comments powered by Disqus
 

NEGATIV Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in