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DVD: Nord

von Christian Alt, am 13.5.10

Schon die erste Szene von Nord verrät alles über das Innenleben des Protagonisten Jomar (Anders Baasmo Christiansen). Mit einem herausgezogenen Stecker in der Hand steht er über dem stillen Skilift und blickt apathisch nach unten. Auch aus Jomars Leben wurde der Stecker gezogen; früher noch ein erfolgreicher Skiläufer, sitzt er heute nur noch teilnahmslos vor dem Fernseher, raucht und trinkt dabei starken Schnaps. Erst als ein alter Freund, der ihm vor Jahren die Freundin ausgespannt hat, ihn besucht und ihm erzählt, dass er einen Sohn hat, macht sich Jomar auf den Weg nach Norden - zu seinem Sohn und aus der Lethargie heraus.

Alles an Nord ist irgendwie skurril: Ob nun Jomar, der Angst vor Bussen hat und sich deshalb mit dem Schneemobil seinen Weg durch die Schneelandschaft bahnt, oder der junge Ulrik (Mads Sjøgård Pettersen), ein panischer Homophob, der andauernd versucht seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Diese Eigenbrödler, die fernab von jeglicher Zivilisation leben, markieren die Stationen, die Jomar passiert um seinen Sohn zu finden. Das Suchen des Sohnes ist aber nur ein Mittel, um die Handlung in Gang zu bringen. In Nord geht es vielmehr um die unbewusste Psychotherapie, die Jomar bei seinem Trip und in Interaktion mit den skurrilen Charakteren durchlebt. Doch mit der Skurrilität geht auch ein großes dramaturgisches Problem einher. Abseits von ihren Spleens, haben die Charaktere, auf die Jomar trifft, nichts zu bieten. Sie sind völlig einseitig und auf den Effekt hin angelegt. Sie dienen letztendlich lediglich dem Zweck, Jomars Psyhotherapie voranzutreiben. So bleibt zwar der Fokus auf dem Protagonisten, doch man verliert schnell das Interesse an den Nebenfiguren.
Das ist schade, denn gerade an diesen Stellen funktioniert Nord sehr gut. Immer wenn der sonst schweigsame Jomar aus seinem Schneckenhaus herauskommt und mit anderen Menschen spricht, zeigt sich die Klasse des Drehbuchs und des Casts. Wenn die pubertierende Lotte (Marte Aunemo) Jomar bittet in ihr Freundesbuch zu schreiben, in dem bisher nur eine Eintragung ist, dann verbindet Regisseur Rune Denstad Langlo an solchen Stellen Skurrilität mit tiefer Traurigkeit. Überhaupt ist Nord ein Film der kleinen Gesten, die besonders oft bei Hauptdarsteller Anders Baasmo Christiansen gefunden werden können und einen Großteil zur lakonischen Komik des Films beitragen.

Neben den raren Dialogen, bestechen vor allen Dingen die rauen Naturbilder Norwegens mit herber Schönheit. Kameramann Philip Øgaard hat es geschafft, in gewaltigen Panoramaaufnahmen, die widrige Natur perfekt einzufangen. Diese Naturaufnahmen wurden von Regisseur Denstad Langio mit einem Country- und Westernsoundtrack unterlegt, der sich wunderbar in die eisige Landschaft einfindet. So schafft Denstad Langlo es, direkt die zugrunde liegenden Vorbilder allein durch die Wahl des Soundtracks in den Sinn zu rufen.

Und hier liegt auch das eigentliche Problem des Films: Die Vorbilder, die es in diesem Genre nun mal gibt, sind leider übermächtig. Auch wenn Nord ein guter und sehenswerter Film sein mag, an seine Vorbilder reicht er leider nicht heran. Zu wenig werden manche Nebenfiguren ausgeschmückt, zu aufgesetzt wirkt manche Begegnung. So wird man nach Nord leider nicht „Go North“, sondern wohl immer noch „Go West“ sagen.



Nord / North
R: Rune Denstad Langlo
D: Anders Baasmo Christiansen, Mads Sjøgård Pettersen, Marte Aunemo
Norwegen 2009, 78 Min.
Al!ve AG

Veröffentlichungsdatum: 16.04.2010
Bildformat: 2,35:1
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Norwegisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer, Deleted Scenes, Behind the Scenes


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