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DVD: Schön, nackt und liebestoll

von Simon Frauendorfer, am 7.5.10

Die Damen der hohen Gesellschaft stehen vor einem Problem. Ein Unbekannter mit langem Trenchcoat, schwarzen Handschuhen und Hut bestraft ihre Seitensprünge mit fiesen Stichattacken und hinterlässt am Tatort kompromittierende Beweisfotos. Inspektor Capuana (Farley Granger) steht vor der verzwickten Aufgabe den Täter zu entlarven und stößt dabei an die Grenze seines eigenen Moralempfindens.

Der deutsche Titel „Schön, nackt und liebestoll“ - der den peinlichen Versuch widerspiegelt Roberto Bianchi Monteros Giallo auch einer reinen Sex-Klientel schmackhaft machen zu wollen - akzentuiert zumindest einige Aspekte des Films. Wir haben es nämlich an dieser Stelle mit einem äußerst erotisierten Genrevertreter zu tun, der sich nicht scheut Skopophilie und Nuditäten bedingungslos zu avouieren. Dadurch entsteht eine interessante Korrelation - fast schon Verbundenheit - zwischen dem Täter und dem Zuschauer, die beide beim Anblick der nackten Frauenkörper ertappt werden. Die Nähe zwischen Eros und Thanatos verwundert im Kontext dieses Giallos nicht sonderlich, zieht sich das Motiv doch durch das gesamte Genre. Bianchis Film potenziert diese bereits vorhandene Disposition, indem er die toten Körper der Oberschichten-Miezen sexuell auflädt, was nicht jedem goutieren wird.

 Die amoralische Upper Class (hier die schöne Femi Benussi)

Generell punktet der Film dank einer äußerst zwielichtigen Moralvorstellung, die durchaus mit Elementen des amerikanischen Slasher Genres vergleichbar ist. Während in Amerika oftmals die hemmungslose Sexualität hormongesteuerter Teenager von einem maskierten Schlitzer quittiert wird, bestraft der Täter in Bianchis Film untreue Ehefrauen. Damit wird der konservative Duktus des Werks explizit entlarvt. Die Befleckung der heiligen Institution der Ehe, die anscheinend nur von Frauen ausgeht und somit ein fast biblisches Motiv des Weibs als Ursprung der Sünde evoziert, kann unter keinen Umständen toleriert werden. Diese Konstellation bedingt vermutlich die äußerst schwachen Frauenfiguren (mit einer Ausnahme), die oftmals ausschließlich als potenzielle Mordopfer auftreten. Aber auch unser männlicher Protagonist lässt sich nicht als klassischer Held beschreiben, da er den Morden oftmals mit einer gewissen Ohnmacht gegenübersteht und gegen Ende seine dunklen Facetten auch nicht mehr verbergen kann.

In „Schön, nackt und liebestoll“ steht wieder einmal die dekadente Bourgeoisie im Fokus des Interesses. Die Upper Class wird als hedonistischer Haufen präsentiert; sie findet ihre Erfüllung in Schönheitssalons, auf wilden Partys und natürlich in amourösen Verstrickungen. Der jazzige Score von Giorgio Gaslini fungiert in diesem Zusammenhang als Bestätigung des sündigen Lebensstils. Auch die Lichtspielereien - ein wahrhaft rekurrentes  Stilmittel im Giallo - zeugen von der ästhetizistischen Fassade der höheren Klassen, die hinter ihrem Schleier amoralische Züge offenbaren. Durch die Situierung der Handlung in der perversen Welt der Reichen verfügen die Macher selbstverständlich über mehr Inszenierungsfreiräume, doch das Interesse an diesem Milieu charakterisiert gleichzeitig  das damalige Zielpublikum, das natürlich nicht aus gut betuchten Bürgern bestand. Roberto Bianchi Montero verstand sich immer als solider Handwerker, der keinen Hehl um die rein divertierende Dimension seines Oeuvres machte und es für ein „einfaches“ Publikum konzipierte. Heutzutage fällt auf, dass Gialli  vor allem von genrekundigen Kultisten und Paracinephilen rezipiert werden.

Hitchcock-Veteran Farley Granger auf der Suche nach dem Killer

Erwähnenswert erscheint noch das recht eindrucksvolle Star-Ensemble des Films. Emsige Italo-Enthusiasten werden viele ihrer heißgeliebten Genregrößen wiederfinden: Sylva Koscina, Silvano Tranquilli, Femi Benussi, Nieves Navarro alias Susan Scott, Ivano Staccioli und der unvergleichbare Luciano Rossi in der Rolle eines nekrophilen Leichenbalsamierers, auf den prompt der erste Verdacht fällt. Eine solch erlesene Reihe bekannter Mimen versüßt dann auch die etwas hilflosen Versuche, den Film dank einiger Füllszenen auf eine annehmbare Länge zu bringen. Aber was soll diese „Moniererei“? Die nicht einwandfreie Moral ist ein ausreichender Grund, den Film versierten Genreenthusiasten ans Herz zu legen. „Einsteiger“ sollten sich hingegen anderweitig umsehen. 

Die neue DVD von Camera Obscura überzeugt durch ihre edle Verpackung, ein restauriertes Bild, ein kleines Booklet, eine Featurette mit Giorgio Gaslini und einen zugleich informativen wie amüsanten Audiokommentar von den beiden Kennern Christian Kessler und Marcus Stiglegger. Eine rundum gelungene Veröffentlichung ist diesem unterstützungswürdigen Label erneut gelungen. Auf das viele verlorene Italo-Perlen folgen werden!

Schön, nackt und liebestoll (DT)/Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile (OT)/So Sweet, So dead (Alt.)/Penetration (Alt.)
R: Roberto Bianchi Montero
D: Farley Granger, Sylva Koscina, Silvano Tranquilli, Femi Benussi, Nieves Navarro, Chris Avram, Luciano Rossi
Italien 1972, 95 Min.


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