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Mammut (Mammoth)

von Elisabeth Maurer, am 7.6.10


Mutter, Vater, Kind. Von diesem Bild ist Mammut eingerahmt. Eine kleine glückliche Familie, doch was zwischen den beiden Szenen liegt, ist voll Unglück und Schmerz. Und es ist nicht so, daß sich das Unheil langsam steigert, eigentlich ist es schon in der Eröffnungssequenz präsent. Die Bedrohung kann zudem schwer mit einem Begriff belegt werden, sie besteht vielmehr in der allgemeinen Unsicherheit des Lebens, des modernen Lebens im Besonderen.

Denn Modernität spielt eine große Rolle. Dies wird auch am Anfang überdeutlich: Die junge Familie befindet sich in einer geräumigen Wohnung, die bestückt ist mit teuren, aber trotzdem aktuellen Gegenständen, dazu einige ausgewählte Antiquitäten. Dies alles schreit sehr nach dem Leben junger Erwachsener im New York, doch wirkt die Wohnung auch irgendwie zusammengestückelt, ohne klares Konzept.

Die Mutter Ellen (Michelle Williams) ist Ärztin in einem Krankenhaus, muß viel arbeiten und wenn sie zu Hause ist, eigentlich schlafen, doch leidet sie an Schlaflosigkeit. Ihr Ehemann Leo (Gael Garcia Bernal) ist durch seine Computerspiel-Internetseite reich geworden und ständig auf Geschäftsreise mit seinem Partner. Die siebenjährige Jackie wird während der Abwesenheit der Eltern durch das philippinische Kindermädchen Gloria betreut. Diese hat ihre zwei kleinen Söhne in ihrer Heimat bei deren Großmutter zurückgelassen, um Geld für einen Hausbau und die Ausbildung der Kinder zu verdienen. Der Film zeigt auch das Leben dieser Jungen, die ihre Mutter schmerzlich vermissen. So springt die Handlung ständig zwischen den Philippinnen, New York und Thailand, wo Leo auf eine Vertragsunterzeichnung wartet, hin und her.


Hier wird die Zersplitterung des modernen Lebens deutlich. Grundlegendes Thema ist Entfremdung, sie ist Essenz jeder einzelnen Szene des Films. Immer wenn die Menschen miteinander reden, sei es übers Telefon oder auch direkt, sind sie innerlich weit voneinander entfernt. Nie können sie erkennen, was in den anderen gerade vorgeht. Woher sollen sie dies auch, keiner hat einen richtigen Einblick in das Leben der anderen. Nur dem Zuschauer wird dieser Überblick gewährt und er kann die Situation der Figuren erkennen. Und die Entfremdung geht wesentlich weiter. Keiner kann eine Beziehung zu dem Ort aufbauen, an dem er sich befindet. Ellen wandert durch ihre Wohnung wie ein gefangenes Tier und ist so unruhig, daß sie nicht schlafen kann. Leo steht in seinem Hotelzimmer in Bangkok und blickt auf das Stadtpanorama in eine Kultur, die er ebensowenig verstehen kann wie seine eigene. Denn im Grunde haben alle sich von sich selbst entfremdet, funktionieren in ihrem abgesteckten System, doch haben keinen Plan und kein Ziel vor Augen. Es ist sogar noch schlimmer, sie können keinen Sinn in ihrem Tun finden, nichts wonach sie sich richten könnten. Gloria glaubt an Gott, doch auch Beten hilft keinem der Beteiligten.

Allen geschieht sehr schreckliches, an dem sie fast verzweifeln. Doch können sie nicht klagen „hätt ich doch“, „wäre doch“, „wenn nur“. Die Betrachtung der Unglücke liefert diese Konjunktive nicht, nichts wurde wirklich falsch gemacht, die Dinge passierten, alles hängt irgendwie zusammen, doch an keiner Stelle wird die Möglichkeit für eine glückliche Lösung gegeben. Klar könnten die Reichen weniger arbeiten, dadurch weniger Geld verdienen und so mehr für ihr Kind und einander da sein. Dann hätten sie kein ausländisches Kindermädchen und Gloria könnte bei ihren Söhnen bleiben. Doch was würde dann aus ihnen? Es gibt keinen Ausweg. Es gibt kein Glück. Es gibt keine Lösung.


Wo den Zuschauern in anderen Filmen ein Hoffnungsschimmer angeboten wird oder gar eine Alternative, bleibt er hier zurück mit dieser traurigen Bestandsaufnahme der Probleme des modernen Lebens, wohl des menschlichen Daseins im Allgemeinen.

Teilweise sind die Dialoge etwas zu bedeutungsschwanger und diese Lebensentwürfe sind natürlich schon verschieden von dem, was wir tagtäglich erleben. Dennoch sind die Entfremdung und die Sinnlosigkeit Teil unserer Erfahrung und vielleicht ist es gerade die Art, wie der Film uns daran erinnert, der Grund dafür, daß man ihn mit Unbehagen ansieht.

Der Film lief 2009 auf der Berlinale und ist ab dem 10. Juni im Kino zu sehen. Hier die Filmwebsite.



Mammut / Mammoth
R: Lukas Moodysson
D: Michelle Williams, Gael Garcia Bernal, Marife Necesito
Schweden, Dänemark, Deutschland 2009, 125 Min.
Copyright: MFA+ Filmdistribution


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