1989. Im Persien des 6. Jahrhunderts zieht ein kleiner, namenloser Pixelabenteurer in den Kampf, um seine angebetete Prinzessin aus den Klauen eines machtgierigen Vesirs zu retten. Denn dieser hat sie entführt und droht mit der Ermordung des zarten Geschöpfs. Die Reise führt ihn vorbei an Skeletten, Fallen, Banditen sowie an seinem eigenen, bösartigen Spiegelbild – und sie soll nach 60 Minuten enden, denn so lange gibt ihm sein Feind Zeit, bevor er seine Drohung wahr macht. Rettet er das Mädchen, winkt ihm die Heirat mit ihr und ein Adelstitel: Prince of Persia. Der Held hätte damals wohl niemals gedacht, dass ihn seine Kletterkünste nicht nur aus dem Labyrinth sondern auch in die dritte Dimension und schließlich auf die Kinoleinwand führen würden und dass seine Reise sich schließlich über mehr als 20 Jahre erstrecken könnte. Aber unterwegs vergeht die Zeit eben wie im Flug.
2010 kann der einst namenlose Abenteurer auf zahlreiche, sehr erfolgreiche Videospielauftritte zurückblicken, die schließlich sogar Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer (Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl) überzeugen konnten, dem Kind einen Namen zu geben und es ins Kino zu holen. Der Prince of Persia heißt nun Dastan und hat zum Namen direkt ein Gesicht bekommen: Jake Gyllenhaal verkörpert den akrobatischen Draufgänger und macht sich auf, seine Legende in einem neuen Medium fortzuführen. Ähnlich wie im ursprünglichen Spiel ist Dastan zunächst kein Prinz. Er wird als armer Waise vom persischen König Sharaman (Ronald Pickup) adoptiert und wächst als dritter Sohn in dessen adliger Familie auf. Aus dem flinken Jungen entwickelt sich ein gestandener und dennoch gutmütiger Krieger mit großem Mundwerk, der seinen Brüdern im Kampf in nichts nachsteht, aber ihnen moralisch deutlich überlegen scheint. Als die stürmischen Königssöhne Tus (Richard Coyle) und Garsiv (Toby Kebbell) aufgrund eines Verdachts zum Krieg gegen die heiligeStadt Alamuth aufrufen, gelangt Dastan in den Besitz des Dolchs der Zeit, ein sagenumwobener Gegenstand mit der Fähigkeit, den Fluss der Geschichte anzuhalten und zurückzudrehen. Das Erscheinen des Artefakts lenkt das Schicksal des Protagonisten schnell in chaotische Bahnen. Zwischen Verrat und Vatermord wird er in einen Strudel aus Gefahren gezogen, die er nur dank der schlagkräftigen Begleitung von Prinzessin Tamina (Gemma Arterton) überstehen kann. Verfolgt von rachsüchtigen, intriganten Familienmitgliedern, übernatürlichen Meuchelmördern und gierigen Steuerhinterziehern (als großartiger Choleriker: Alfred Molina) versucht das Duo zusammen Persien und die gesamte Welt vor dem Untergang zu bewahren.
Wie schon der Titel Prince of Persia: Der Sand der Zeit andeutet und wie es im Filmabspann auch betont wird, bezieht sich das Leinwanddebüt des Stoffs auf das gleichnamige Videospiel von 2003. Ubisoft gelang es damals zusammen mit Jordan Mechner, dem Schöpfer der Figur, dem in die Jahre gekommenen Klassiker von 1989 auf aktuellem technischem Stand neues Leben einzuhauchen. Die Stärken, welche hierbei das Spiel auszeichneten, sind auch im Film präsent. Prince of Persia: The Sands of Time begeisterte die Spieler vor allem durch die Möglichkeit, die Zeit für kurze Abschnitte beeinflussen oder zurückdrehen zu können. Dass ein derartiges Feauture im Kino interessante Plot-Twists ermöglicht, ist nicht erst seit der Back to Future-Trilogie bekannt, leider hat das Zeitmotiv jedoch in Prince of Persia: Der Sand der Zeit inhaltich keine tiefgreifende Berücksichtigung gefunden. Der Film konzentriert sich vor allem auf die Optik und auf die restlichen Stärken der Spiele: Spektakuläre Kämpfe und Akrobatikeinlagen, die in eine fantasievolle Geschichte eingebettet sind. Fans der Videospielvorlage werden zahlreiche Schauplätze und Figuren wiedererkennen, die sich in identischer oder ähnlicher Form auch in einem der neueren Titel finden. Generell fallen die starken Bezüge des Films zur Videospielästhetik sehr auf. Gesten und Standardsituationen wurden nicht nur mit viel Sorgfalt aus der direkten Vorlage adaptiert, sondern erinnern auch an andere Actionspiele, wie beispielsweise Assassin’s Creed, und werden so bei manchem Kenner immer wieder kleine Freudenmomente wecken. Regisseur Mike Newell (Harry Potter und der Feuerkelch) erzählt dieses Märchen aus 1001 Nacht souverän und temporeich. Dabei hüllt er das Abenteuer in eine wohlige Fantasy-Atmosphäre, die im Kontext des Films erfreulicherweise nie aufgesetzt wirkt. So wird das erstmalige Erscheinen des Dolchs der Zeit zunächst angenehm unspektakulär inszeniert und der Gegenstand entfaltet seine Bedeutung nach und nach geschickt im Lauf des Films. Letztlich wissen nicht nur die verständlich und übersichtlich vermittelten Geschehnisse in Prince of Persia: Der Sand der Zeit ohne Durchhänger zu überzeugen, sondern auch seine Protagonisten und sympathischen Nebenfiguren. Der Film sorgt somit für ein zwar etwas geradliniges und vorhersehbares, aber dafür sehr kurzweiliges, dynamisches und humorvolles Kinoerlebnis.
Während in den letzten Jahren einige gelungene Comicadaptionen auf großen Zuspruch beim Publikum stießen, hatten es Umsetzungen von Videospielen meist nicht sonderlich leicht. Häufig lag dies sicherlich an der Wahl des Spiels selbst. Denn nicht jedes Videospielkonzept lässt sich adäquat in ein passives Kinospektakel übersetzen. Mit der Sands of Time-Trilogie liegt nun ein bereits an sich sehr filmisch angehauchtes Spiel vor. Die Spieleserie ist nicht bloß inhaltlich sondern auch ästhetisch recht ausgereift. So durchlief die Figur des Prinzen in den letzten Jahren eine plausibel ausgearbeitete Entwicklung vom gutherzigen Halunken hin zum gebrochenen und brutalen Einzelgänger, der in einer endlosen Odyssee gegen sein bitteres Schicksal und innere Dämonen ankämpfte – die Episoden Warrior Within und The Two Thrones begleiten den Titelhelden bei dieses Entwicklung und verdeutlichen diese in Form einer immer epischeren Storyline und vor allem durch eine sich kontinuierlich ins düstere und fantastische verändernde Grundstimmung und Spielwelt.
Nicht zuletzt dadurch, dass Jerry Bruckheimer seine Pirates of the Caribbean Serie 2011 ein weiteres Mal fortsetzt, besteht wohl mittlerweile kein Zweifel mehr an seiner Neigung zu Sequels. Es bleibt also zu hoffen, dass seine Prince of Persia-Marke in weiteren Teilen dem Reichtum der Vorlagen gerecht werden kann. Ein gelungener Grundstein ist in jedem Fall gesetzt und lädt bis dahin bereits zu einer unterhaltsamen Abenteurreise nach Persien ein.
Hört auch mal in unseren Prince of Persia-Podcast rein!
Prince of Persia: Der Sand der Zeit / Prince of Persia: The Sands of Time
R: Mike Newell
D: Jake Gyllenhaal, Gemma Arterton, Ben Kingsley, Alfred Molina, Richard Coyle, Ronald Pickup, Steve Toussaint
USA 2010, 116 Min.
Copyright: Walt Disney Pictures
Kinostart: 20.05.2010





