goEast: The Seventh Circle
Wie bereits in meiner Kritik zu Border erwähnt, zwei Filme haben mich auf dem goEast-Festival in besonderer Weise gefordert, verwundet und nachhaltig beeindruckt: Khachatryans Border und The Seventh Circle von Árpád Sopsits, der ähnlich wie der wunderbare The Famous and the Dead von Esmir Filho (welcher auf der Berlinale in der Sektion „Generation 14plus“ gezeigt wurde) sich der Auseinandersetzung mit den Schwellenbereichen des Heranwachsens annimmt: Die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit, der Suche nach Liebe und Sexualität und der Frage nach Identität und Glauben. Wo Filhos Film innerhalb der Erzählung in einer Sphäre der Trauer und Verletzung auf einen Freitod zurückblickt und von diesem aus die Figuren in ihrem Alltag und ihren Sehnsüchten verortet, konfrontiert uns The Seventh Circle in der Exposition zwar mit dem Schmerz der Hinterbliebenen, lässt aber die Geschichte in einer „Wie es dazu kam“-Struktur Revue passieren.
Die zentrale Gruppe Jugendlicher üben sich nach dem Auftauchen des mysteriösen Sebestyén im ländlichen Ungarn in der Auslotung von Grenzen, der Wahrnehmung des eigenen Körpers und dem Umgang mit der Angst. Unter ihnen entsteht eine Faszination für den sonderbaren, rothaarigen Jungen, der immer wieder einfach so verschwindet, der tote Tauben wiederbelebt und die Heiligkeit des Lebens, wie es (zumindest für den Menschen), die christliche Kirche nach außen propagiert, infrage stellt.
Alles mutet etwas metaphysisch, mystisch an. Die Dialoge und inneren Monologe drehen sich vor allem um Gott, Existenz und Tod. Die Kamera erforscht die Weiten der Landschaft ebenso wie die des Mikrokosmos. Die Aneinanderreihung einzelner Szenen verläuft nicht selten unvermittelt und abrupt, einem Leben gleich, das ein jähes, gewaltsames Ende findet.
Der religiöse Mentor der Kinder, ein junger Priester, der zu einsamen Tanzeinlagen in der Kirche neigt, bekommt schließlich mit, wie seine Schäfchen Gottes Gebote hinterfragen und begibt sich auf die Suche nach dem rätselhaften Sebestyén.
Hier stört ein wenig der betont dramatisierende Musikeinsatz, ansonsten ist der Film ein kleines poetisches Juwel, bis zum Bersten mit Symbolik und unterschwelliger Bedeutung angereichert. Irritationsmomente kommen und gehen, ein wirklich abgeschlossener Block mit einer eindeutigen Stilistik lässt sich hier schwer ausmachen. Das kompromisslose Ende, dessen wir uns ja schon mehr oder weniger seit den Anfangsminuten bewusst sind, erschreckt mit einer intensiven Sequenz, die nur schwer zu ertragen ist.
Kreativ und metaphorisch zertrümmert The Seventh Circle unsere romantischen Vorstellungen. Die Hand, die wir dem Gesehenen reichen wollen, um uns mit ihm auszusöhnen, schlägt der Film aus. Er bringt uns die Verletzung bei, der es bedarf, um Anteil und nicht alles bloß hin zu nehmen.
A hetedik kör / The Seventh Circle / Der Siebte Kreis
R: Árpád Sopsits
D: Benett Vilmányi, Tamás Eröss, Anna Vicsotka, László Krikkay
Ungarn, 2009, 107 Min.









