Eine Erneuerung in dem Schaffen von Michael Glawogger stellt sich dem Publikum mit seinem neuesten Film Das Vaterspiel vor. Der Regisseur bricht mit den fließenden inhaltlichen und dramaturgischen Konstruktionen und übt sich in kontrapunktischem Experimentieren mit Erzählebenen und unkonventioneller Musik.
Zwischen drei Zeitebenen wechseln die unterschiedlichen Handlungsstränge des Films. Zunächst um den Protagonisten Ratz (Helmut Köpping) zentriert, der in einem überspitzten ödipalen Verhältnis zu seinem Vater steht. Ein Egoshooter, dessen Inhalt der bis zum Unendlichen wiederholte Vatermord ausmacht, ist seine Antwort darauf, mit der er gleichzeitig unzähligen anderen Söhnen zu Hilfe kommen möchte, während er sich selbst damit auch finanziell sichert. Dazu steht der Antiheld in einem inzestuösen Verhältnis zu seiner Schwester. Nicht überraschend kommt hinzu seine Abhängigkeit von Mimi, der Femme Fatale des Films(Sabine Timoteo). Einen Keller soll er für sie renovieren. Dass dieser als Versteck für einen ehemaligen Naziverbrecher dienen soll, ist nur für kurze Zeit ein Problem, auch wenn sein Großvater eine Zeitlang in Dachau verbracht hat, denn Ratz ist wie erwähnt geübt in die Schaffung solcher Räume.
Parallel verläuft die Suche nach diesem Naziverbrecher, ebenso unfein durch die pathetischen Geständnisse des Mannes (Ulrich Tukur), der den Schuldigen für den Mord an seinem Vater bestrafen möchte.
Inhaltlich lässt sich der Film auf einen Vergleich von Generationen ein. Die Schilderung der engen familiären Gebundenheit in der Generation des Suchenden setzt sich der in ihrer Allgemeinheit tabubrechenden und auseinanderlaufenden Familie von Ratz entgegen. Zwischen den zwei Generationen steht Ratz Vater, der scheinbare Self Made Man, keinen Bezug zur Vergangenheit oder Zukunft findend, der Hauptcharakter des Computerspiels und welcher schließlich auch aus dem Film eliminiert wird. Er begeht Selbstmord. Andererseits wird der klassische, an eine Idee glaubende Naziverbrecher dem neuen Verbrechertypus entgegengesetzt, nämlich Ratz, der mit keiner Idee lange fraternisieren möchte und sich einer neuen Welt bedient um seine Morde zu begehen.
Der programmatische Motor der Dramaturgie ist jedoch die Femme Fatale, gekennzeichnet durch ihre Krankheit: sie hat keine Haare am Körper. So gleitet sie ungehindert zwischen Ebenen, Charakteren und Ideen genauso wie sie ihre unzähligen Perücken wechselt, und in derselben Art wie im Film mit Dramaturgie und Form gespielt wird. Die durch ihren Pathos und ihre Konkretheit groben, zueinander inhaltlich nicht passenden Episoden werden im Schnitt zusammengefügt. Das Reale und das Irreale werden brüchig nebeneinander gestellt. Die Musik begleitet nur kontrapunktisch. Selbst die Kameraaufnahmen wechseln hin und wieder zum Super8 nachahmendem Format. Die Stärke des Films liegt genau darin: Alles steht als Bild für die innere Zerrissenheit der jungen Generation, zu entwurzelt um Glauben zu vertreten, zu verstreut um auszuscheiden.
Das Vaterspiel wurde von Alamode Film auf DVD im üblichen schönen Schuber veröffentlicht, und bietet neben dem Film noch einen Einblick in skurrile und teils alberne entfallene Szenen, dazu ein begleitender Audiokommentar des Regisseurs, sowie den Trailer.
Außerdem von Michael Glawogger haben wir Contact High: The Good, the Bad and the Weird rezensiert
Das Vaterspiel
R: Michael Glawogger
D: Helmut Köpping, Sabine Timoteo, Ulrich Tukur, Christian Tramitz
Deustchland, Österreich, 2008 (2010), 113 Min.
Alamode Film
Veröffentlichung: 30.4.2010
Sprache: Dolby Digital 5.1 in Deutsch und Englisch, Dolby Digital 2.0 (Stereo) in Deutsch
Untertitel: Deutsch
Bildformat: Widescreen (1.85:1 – anamorph)
Besonderheiten: Zusätzliche Tonspur – Hörfilmfassung für Sehbehinderte
Extras:
1. deutscher und österreichischer Trailer
2. Deleted Scenes
3. Audiokommentar von Regisseur Michael Glawogger
4. Teamfilm
FSK 16



