DVD: Eine Perle Ewigkeit



Eine rohe Welt entfaltet sich unter dem Blick der Regisseurin Claudia Llosa. Eine Welt, in der die Charaktere zwischen zwei Ebenen haften. Einerseits vollzieht sich ihr trister Alltag in der armen Gegenwart Perus, andererseits schwebt über ihnen das mythische Universum des Glaubens und der Sagen.

Ebenso roh wie diese Welt ist die Haltung des filmischen Blicks gegenüber dem Inhalt. Ständig begleitend, dicht an der Protagonistin, weigert sich Llosa zunächst eine kommentierende Position gegenüber dem Geschehen einzunehmen. Durch die Lösung am Ende wird der Zuschauer aus seiner zuvor frei urteilenden Position gerissen und somit selbst in der Lage gebracht, seine Beziehung zum Film im Nachhinein neu zu definieren.

Im Mittelpunkt der Bilder steht die zwanzigjährige Fausta (mit großer Finesse von Magaly Solier verkörpert). Der Tod ihrer Mutter eröffnet den Film. Doch die letzten Worte ihrer Mutter weisen sich als Essenz unzähliger ähnlicher Existenzen aus: sie besingen die Leiden, die sie als junge Frau erlitten hat. Das Singen wird zum Programm, das Elend bekommt dadurch ein eigenes Verarbeitungsregister. Das wiederholte Singen des Elends, vor allem auf der Schwelle des Todes, zeugt aber davon, dass die Methode nicht funktioniert, dass dieses Elend zum kulturellen Erbe wird, das von einer Generation auf die nächste übertragen wird.

So steht nun Fausta da, im Alltag der Armenviertel Limas, mit einer toten Mutter, für deren Bestattung ihr das Geld fehlt, und mit einem mythischen Zufluchtsort dessen Kardinalpunkte Elend und sein Besingen konstituieren. Die starke Bindung zu ihrer Mutter und zur kulturellen Vergangenheit, die von der Mutter exponentiell verkörpert wird, zeigt sich nicht nur an ihrem Bedürfnis nach Nähe zu dem toten Körper, sondern auch an ihrer Lebenseinstellung, welche direkt vom Inhalt der Lieder der Mutter beeinflusst wird. Die Misshandlung der Mutter als Hochschwangere während des Bürgerkriegs im Peru des vergangenen Jahrhunderts wird zum Motor von Faustas Lebensprinzip. Dem Ekel Männern gegenüber wird Ekel entgegen gesetzt, und die konkrete Methode bringt gravierende gesundheitliche Probleme für Fausta mit sich. So wird die Wahl Faustas die sein zwischen der Anhängerschaft dieser Verteidigungsmethode verbunden mit dem impliziten Tod (als Stellvertreter für die Wahl der Vergangenheit, der mythischen Welt der Lieder) und der Annahme des Lebens, der Gegenwart, der Entwicklung, so wie der Alltag sie schildert.

Das traurige Porträt von Faustas Welt wird in Eine Perle Ewigkeit durch die Nebencharaktere ergänzt, die ihre Umwelt skizzieren. So wird die Mauer zwischen den sozialen Klassen Perus nicht nur durch die Abschottung des Hauses von Faustas Arbeitsgeberin markiert, sondern auch von der Dramaturgie, die sich in der Beziehung zwischen den zwei Frauen abspielt und die Ausbeutung der Armen durch die Reichen bebildert. Oder, in die Welt der Armen blickend, illustriert Llosa die Diskrepanz zwischen der Idee eines zukunftsorientierten Fortschritts und den Unternehmungen der Familie von Faustas Onkel, die eine groteske, stark an die Umstände angepasste Art von glamourösen Hochzeiten organisiert. Diese gelten als Höhepunkt des Lebens, als Symbol einer Welt, in welcher die Emotionen durch Traditionen ersetzt werden, als Bezugspunkte für das Innenleben der Charaktere.

So wird der Gärtner von Faustas Arbeitsgeberin zum rettenden Charakter im Film. Einerseits zeigt er, durch seine Herkunft (wie Fausta ein Quechua), das starke Bündnis unter den ehemaligen Einheimischen, aber gleichzeitig wird er als Symbol für die sonst im Film fehlenden Emotionen eingeführt. Sein Kulturerbe ist die Bindung zur Natur, illustriert durch sein Verstehen und seiner Liebe für Pflanzen. Damit schlägt das Filmende die Alternative zur Ödnis der Gegenwart vor, und richtet einen Zeigefinger auf die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit der Gefahr der Verfremdung des mythischen Kulturerbes.

Der Berlinale Gewinner von 2009 wurde in Deutschland von Neue Visionen unter dem Label good! movies veröffentlicht, und beinhaltet als Bonusmaterial ein kurzes Making of, das durch seine durchaus heitere Stimmung verglichen mit dem Film beinah wie ein Schock wirkt, eine beeindruckend fotografierte entfallene Szene, und den Audiokommentar der Regisseurin, letzterer leider nicht auf deutsch untertitelt.

Eine Perle Ewigkeit / La teta asustada
R: Claudia Llosa
D: Magaly Solier, Susi Sanchez, Efrain Solis, Delci Heredia, Maria Del Pilar Guerrero
Peru, Spanien, 2009 (2010), 94 Min.
Neue Visionen

Veröffentlichung: 28.5.2010
Tonformat: Dolby Digital 5.1 in Spanisch, Dolby Digital 2.0 (Stereo) in Spanisch
Format: Widescreen (1.85:1 – anamorph), PAL
FSK 12
Extras:
-Making of
-Deleted Scenes
-Trailer
-Audiokommentar (Spanisch ohne Untertitel)

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