-->

.

DVD: Nuntă Mută / Stille Hochzeit - Zum Teufel mit Stalin

von Ciprian David, am 17.6.10


Horațiu Mǎlǎele ist einer der prominentesten Schauspieler und Theaterregisseure Rumäniens. Mǎlǎeles Begabung begrenzt sich aber nicht nur auf die Theaterbranche, er ist auch ein geschätzter Karikaturist. Mit Nuntă Mută hat er nun auch sein Debut als Filmregisseur hinter sich.

Als Hintergrund der Entstehung dieses Films ist der rumänische Drehbuchwettbewerb des Jahres 2006 zu nennen, der als Anlass für die Verteilung der Filmsubventionen des CNC (Centrul National al Cinematografiei) dient. Eine interessante Welle nahm im Rahmen dieses Wettbewerbs Form an, eine Welle, die einen Wunsch nach Diversität im rumänischen Kino erahnen lässt: entgegengesetzt zur Neuen Rumänischen Welle bekamen vier Theaterregisseure die Gelegenheit, je ein Film zu drehen. Für Alexa Visarion, hauptsächlich um 1980 und wieder Anfang der 1990er tätig (vor allem durch Literaturverfilmung bekannter rumänischer Titel), dessen Luna Verde (engl.: Green Moon) im April in den rumänischen Kinos startete, ergaben sich inzwischen sogar schon zwei solche Gelegenheiten. Ein bisschen anders sieht es mit den anderen zwei dazugehörigen Regisseuren aus, Alexandru Darie und Silviu Purcărete, die nach inzwischen vier Jahren seit Erhalt der Subventionen dem rumänischen Publikum keine Aussichten auf einen neuen heimischen Film bieten – eine traurige Tatsache für ein Land, dessen Filmindustrie sich am Anfang des Aufbaus befindet.



Doch zurück zu Horațiu Mǎlǎele und zu Nuntă Mută. Dass der Regisseur vom Theater kommt, wird zunächst nach fünf Minuten Film auf sympathische Art angedeutet: ein Verrückter auf einem Hochrad radelt unbesorgt neben dem Geschehen. Ein Zwerg als Nebencharakter unterstützt das Geschehen zusätzlich in seiner Jahrmarktsstimmung. Doch das Theatralische nimmt unvermutete Züge im Film an: Die Charaktere sind sehr überspitzt gezeichnet und lassen sich in archetypische oder exzentrische Gruppen einteilen, wie etwa die Anhänger der kommunistischen Partei, die dauernd durch das kleine Dorf als kurioses Pack marschieren um plumpe, nutzlose Propaganda zu machen.

Somit landet man gleich beim Humor des Films. Doch zuvor soll man es nicht unerwähnt lassen, dass sich dieser in Deutschland als typisch bunte osteuropäische Komödie im Stil von Kusturica (was Mǎlǎele eigentlich auch versucht nachzuahmen) verkauft, unter dem bezeichnenden Titel Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin. Die ersten Minuten des Films wirken genau aus dieser Perspektive eher grotesk. Obwohl als Mystery-Thriller inszeniert, und dennoch mit einem unübersehbar plumpen Humor versehen, der aus einem generellen Lachanfall der Protagonisten beim kleinsten Anzeichen von schlechten Witzen besteht, funktioniert der Filmanfang. Nicht als Filmmoment, sondern vielmehr als Überraschung. Und zwar genau durch diesen Schockeffekt, durch das Spiel mit der Erwartung des Zuschauers, der anstatt von einer Komödie eine groteske Mischung filmischer Mittel zu sehen bekommt, die jede Minute in Horror umzukippen droht.

Doch schnell ist der Rahmen vergessen, die eigentliche Erzählung beginnt im Rückblick. Als Erzähler: Gogonea (Alexandru Bindea, nur einer der vielen berühmten heimischen Stars), zurzeit Bürgermeister wie damals sein Vater. Rumänien 1953 porträtiert durch das Beispiel eines kleinen Dorfes, der Erzählerblick dem Kind Gogonea gehörend. Ein Paar möchte heiraten: keine Liebesgeschichte, kein traditioneller Rahmen, nicht mal die Auswirkungen des Auslebens der Sexualität bleiben als Gründe für die Hochzeit bestehen. Die zwei begehren sich, so platt und so poetisch es klingen mag. Doch weniger von der Poesie, der Junge hat sich bereits in Sachen Frauen einen Name gemacht. Natürlich ist das ganze Dorf von vornherein mit in das Geschehen verwickelt. Gezeigt bekommt man gleich alle wichtigen Orte: die Familie, das Büro des Bürgermeisters, die Kneipe, die Vorbereitungen. Sogar ein Film soll noch von der kommunistischen Partei vorgeführt werden und ein Zirkus in das Dorf kommen. Und dies alles geschieht auch. Und zusätzlich stirbt Stalin. Feste, Feiern, Versammlungen bekommen eine Woche Verbot. Doch die Hochzeitsgemeinde steht da, die Tiere bereits geschlachtet, die Vorbereitungen getroffen, alles droht in einer Woche zu verderben. Die Hochzeit wird also gefeiert, aber in der Scheune. Und in absoluter Stille.




Was macht eigentlich der Film? Zunächst versorgt er den Zuschauer über die ganze Länge mit Humor. Dass dieser nicht so gut funktioniert, ist kein Problem, denn die ausstellungsreife Starbesetzung lacht immer mit und sorgt beispielhaft dafür, dass jeder versteht: nun ist Lachen angesagt. Und wenn mal der Witz auch tiefgehender sein sollte, dann wird er erklärt, und nochmal erklärt, mit Grüßen an Slow Joe. Oder in die Länge gezogen. Wie oft darf man sonst einen zig Sekunden langen Furz auf der Leinwand genießen.

Ist für Humor gesorgt, so kann man sich der Filmwelt widmen. So entfaltet Mǎlǎele ein Sammelsurium von Motiven auf der Leinwand, ebenso verfährt er mit filmischen Zitaten. Es gibt genügend von allem, so dass der Film gleichzeitig als Märchen, Drama, Liebesgeschichte, Parodie, Elegie, Vaudeville, politischer Film, Mediensatire auftreten kann. Alles mit allem stimmungsvoll zu vereinen, erweist sich jedoch für den Regisseur als unmöglich, trotz der einigen inszenatorischen Einfällen, trotz des Ideenreichtums.

Zurück in der Gegenwart schließt der Film am Ende die Rahmenhandlung. Das Rumänien während der Anfänge des Kommunismus stellt sich der tristen, vom Mangel an Verständnis gezeichneten Gegenwart gegenüber. Was also dem Film gelingt, ist Genuss für die Massen anzubieten, für jene Kategorie des Publikums, deren Genugtuung bei der Beschimpfung des Kommunismus aufhört, und bei denen, die diese nochmal mit einer platten Bestandsaufnahme der Gegenwart versalzen. So bleibt er höchstens ein Spätreiter einer Welle, ein Geheimtipp für diejenigen Europäer, die gerne das bunte, schön fotografierte, jedoch meistens platt projizierte Balkan-Flair kosten wollen.





Stille Hochzeit - Zum Teufel mit Stalin / Nuntă Mută
R: Horațiu Mǎlǎele
D: Luminița Gheorghiu, Alexandru Potocean, Victor Rebengiuc, Tamara Buciuceanu Botez
Rumänien, 2008 (2010), 83 Min.
Sunfilm Entertainment, Tiberius Film
Veröffentlichung: 04.06.2010
Sprache: Rumänisch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch
Format: Dolby, PAL, Widescreen
FSK: 12


blog comments powered by Disqus
 

NEGATIV Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in