
Ob
Özil seine Rolle interessant interpretiert, oder ob
Luis Fabiano in seiner Hauptszene gut spielt, das sind Fragen, die die meisten Fußballfans diese Tage kümmerten. Fragen, die davon zeugen, dass sich die Welt des Fußballs einer geborgten Sprache bedient, die allgemeinhin zur Beschreibung von Filmen benutzt wird. Wir möchten diese wiederum für uns beanspruchen, und stellen ein etwas besonderes Spiel vor.
Ein konventioneller Genrefilm sollte das Treffen zwischen Brasilien und Nordkorea im Rahmen der WM 2010 sein. Auf der einen Seite, das Equivalent der Crème de la Crème aus Hollywood: jeder Spieler ein Weltstar, die Mannschaft in ihrer Gesamtheit ein Traum, die besten elf Fußballer Brasiliens lassen sich mit der Besetzung von
Ocean’s Eleven vergleichen. Auf der anderen Seite – die Außenseiter, in Europa mit einer kleinen Ausnahme völlig unbekannt, dazu noch unterstütz von einer Truppe von Fans, die von vornherein „keine Mimik“, dafür aber die „gleiche Uniform“ tragen, um
Bela Rethys wörtliche Beschreibung für die Schilderung der dramaturgischen Ausgangssituation zu benutzen.
Doch von Anfang an wurde der aufmerksame Zuschauer mit einem Spiel mit diesen Konventionen konfrontiert: aus der Menge der „Gesichtslosen“ sprießt ein Pathos-Moment hervor. Passend auf der Audioebene durch die Nationalhymne unterlegt, gleitet Träne nach Träne auf dem Gesicht des nordkoreanischen Spielers
Tae Se Jong, die Sympathie des Publikums anlockend. Entsprechend ruht das Kameraauge in Nahaufnahme auf dem melodramatischen Helden, um den Moment festzuhalten.
Spätestens nach einigen Minuten werden auch die Hartgesottenen unter den Zuschauern vom sich langsam als sympathischer Antiheld konturierenden Tae Se Jong erobert, als dieser sich nach einer verpassten Torchance bei seinen Verbündeten nicht nur mit einer expressionistischen Mimik bedankt, sondern auch gleich entschuldigt, während die Kamera ihn als das bevorzugte Subjekt der Nahaufnahme erklärt.
Auf der anderen Seite lässt das rasante Spiel der Brasilianer auf sich warten. Anstelle der dynamischen Einstellungen aus
City of God wird der Zuschauer in der Person des Trainers
Carlos Dunga mit einem Ebenbild des martialischen Kapitäns Nascimento aus
Tropa de Elite konfrontiert. Seine Männer sollen auf die Ansprüche auf Individualität verzichten. Vom Torwart
Julio Cesar, „0-1“, bis
Robinho, „0-11“, sollen alle als Mannschaft und nicht als Individuen agieren. Dieses
BOPE System scheint jedoch vor dem Ballet der nordkoreanischen Verteidigung nicht zu wirken. Mit einer der feinsten Tradition der Samurai-Filme würdigen Geschwindigkeit gleitet die nordkoreanische Mannschaft zwischen Angriff und Abwehr über den grünen Rasen, Welle nach Welle von gescheiterten brasilianischen Versuchen an den Nullpunkt zurückschickend. Das harte Training der BOPE macht sich jedoch bezahlt. Körperkontakt wird vorübergehend als Methode der Brasilianer zum Erfolg eingesetzt. Die mittlerweile zum Publikumsliebling gewordenen Nordkoreaner halten trotz Goreelemente Stellung.
Die zweite Hälfte des Spiels versucht einen symmetrischen Aufbau abzuschließen. Etwas inkohärent wird die bisher auf dem Verbot des Profilzeigens bei den Brasilianern aufgebaute Dramaturgie gebrochen, und die Brasilianer schießen in einer unmotivierten Episode ein tadelloses Tor. Die Szene dient gleichzeitig zur Gelegenheit, die Nordkoreaner als sympathische Antihelden zu definieren. Ihr Kampfgeist wird durch die Ehre ergänzt, die sie, personifiziert durch den Torwart, einem würdigen Gegner erweisen. Ein schlecht geschriebenes Drehbuch räumt sogar Gelegenheit für ein zweites Tor der Brasilianer ein, das Spiel abrupt zu einem Hybriden zwischen Samurai-Film und Drama verwandelnd. Und weil es auf dieser Ebene des Filmemachens die Regel gibt, dass ein Film gut bei den Kritikern abschneidet, wenn das Finale kein Happy End ist, wird der Zuschauer nur positiv überrascht, wenn
Ji Yun-Nam an der vollkommen überraschten brasilianischen Abwehr vorbei den Ball ins Tor schießt.
Fazit: Das Spiel ist die exemplarische Ausarbeitung eines inhaltlich nichtzusammenhängenden Drehbuchs, das jedoch durch überraschende Wendungen für eine spannende Dramaturgie sorgt, und mit einer gelungenen und ikonoklastischen Charakterzeichnung überzeugt.

Ob
Özil seine Rolle interessant interpretiert, oder ob
Luis Fabiano in seiner Hauptszene gut spielt, das sind Fragen, die die meisten Fußballfans diese Tage kümmerten. Fragen, die davon zeugen, dass sich die Welt des Fußballs einer geborgten Sprache bedient, die allgemeinhin zur Beschreibung von Filmen benutzt wird. Wir möchten diese wiederum für uns beanspruchen, und stellen ein etwas besonderes Spiel vor.
Ein konventioneller Genrefilm sollte das Treffen zwischen Brasilien und Nordkorea im Rahmen der WM 2010 sein. Auf der einen Seite, das Equivalent der Crème de la Crème aus Hollywood: jeder Spieler ein Weltstar, die Mannschaft in ihrer Gesamtheit ein Traum, die besten elf Fußballer Brasiliens lassen sich mit der Besetzung von
Ocean’s Eleven vergleichen. Auf der anderen Seite – die Außenseiter, in Europa mit einer kleinen Ausnahme völlig unbekannt, dazu noch unterstütz von einer Truppe von Fans, die von vornherein „keine Mimik“, dafür aber die „gleiche Uniform“ tragen, um
Bela Rethys wörtliche Beschreibung für die Schilderung der dramaturgischen Ausgangssituation zu benutzen.
Doch von Anfang an wurde der aufmerksame Zuschauer mit einem Spiel mit diesen Konventionen konfrontiert: aus der Menge der „Gesichtslosen“ sprießt ein Pathos-Moment hervor. Passend auf der Audioebene durch die Nationalhymne unterlegt, gleitet Träne nach Träne auf dem Gesicht des nordkoreanischen Spielers
Tae Se Jong, die Sympathie des Publikums anlockend. Entsprechend ruht das Kameraauge in Nahaufnahme auf dem melodramatischen Helden, um den Moment festzuhalten.
Spätestens nach einigen Minuten werden auch die Hartgesottenen unter den Zuschauern vom sich langsam als sympathischer Antiheld konturierenden Tae Se Jong erobert, als dieser sich nach einer verpassten Torchance bei seinen Verbündeten nicht nur mit einer expressionistischen Mimik bedankt, sondern auch gleich entschuldigt, während die Kamera ihn als das bevorzugte Subjekt der Nahaufnahme erklärt.
Auf der anderen Seite lässt das rasante Spiel der Brasilianer auf sich warten. Anstelle der dynamischen Einstellungen aus
City of God wird der Zuschauer in der Person des Trainers
Carlos Dunga mit einem Ebenbild des martialischen Kapitäns Nascimento aus
Tropa de Elite konfrontiert. Seine Männer sollen auf die Ansprüche auf Individualität verzichten. Vom Torwart
Julio Cesar, „0-1“, bis
Robinho, „0-11“, sollen alle als Mannschaft und nicht als Individuen agieren. Dieses
BOPE System scheint jedoch vor dem Ballet der nordkoreanischen Verteidigung nicht zu wirken. Mit einer der feinsten Tradition der Samurai-Filme würdigen Geschwindigkeit gleitet die nordkoreanische Mannschaft zwischen Angriff und Abwehr über den grünen Rasen, Welle nach Welle von gescheiterten brasilianischen Versuchen an den Nullpunkt zurückschickend. Das harte Training der BOPE macht sich jedoch bezahlt. Körperkontakt wird vorübergehend als Methode der Brasilianer zum Erfolg eingesetzt. Die mittlerweile zum Publikumsliebling gewordenen Nordkoreaner halten trotz Goreelemente Stellung.
Die zweite Hälfte des Spiels versucht einen symmetrischen Aufbau abzuschließen. Etwas inkohärent wird die bisher auf dem Verbot des Profilzeigens bei den Brasilianern aufgebaute Dramaturgie gebrochen, und die Brasilianer schießen in einer unmotivierten Episode ein tadelloses Tor. Die Szene dient gleichzeitig zur Gelegenheit, die Nordkoreaner als sympathische Antihelden zu definieren. Ihr Kampfgeist wird durch die Ehre ergänzt, die sie, personifiziert durch den Torwart, einem würdigen Gegner erweisen. Ein schlecht geschriebenes Drehbuch räumt sogar Gelegenheit für ein zweites Tor der Brasilianer ein, das Spiel abrupt zu einem Hybriden zwischen Samurai-Film und Drama verwandelnd. Und weil es auf dieser Ebene des Filmemachens die Regel gibt, dass ein Film gut bei den Kritikern abschneidet, wenn das Finale kein Happy End ist, wird der Zuschauer nur positiv überrascht, wenn
Ji Yun-Nam an der vollkommen überraschten brasilianischen Abwehr vorbei den Ball ins Tor schießt.
Fazit: Das Spiel ist die exemplarische Ausarbeitung eines inhaltlich nichtzusammenhängenden Drehbuchs, das jedoch durch überraschende Wendungen für eine spannende Dramaturgie sorgt, und mit einer gelungenen und ikonoklastischen Charakterzeichnung überzeugt.
Fußball und Film: Brasilien gegen Nordkorea