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TV-Tipp: Little Children im ARD Sommerkino

von Elisabeth Maurer, am 23.6.10


Zwischen Funktionieren und Scheitern der menschlichen Gemeinschaft liegt ein schmaler Grat, so scheint es zumindest in dieser Analyse einer amerikanischen Vorstadtgemeinde. Daher werden schon die Kinder von klein auf einem strengen Regelwerk unterworfen und vor Einfluß von andersartigem geschützt. Verhaltensweisen, die minimal von den Gesetzen dieser Welt abweichen, wird immer mit panischer Furcht begegnet. Diese ist die Urangst, die im Grunde alle Charaktere des Films bestimmt. Es ist die im Kindesalter eingeimpfte Furcht davor, die Eltern durch falsches Verhalten zu erzürnen, womöglich sogar ihre Liebe zu verlieren. Im Laufe des Lebens wird die Angst nicht mehr so sehr auf die Eltern bezogen, mehr auf die Gesellschaft oder andere moralische Instanzen. Aber der Titel des Films deutet es an, alle Menschen tragen dieses Gefühl mit sich und alle fühlen sich in bestimmten Situationen wie kleine Kinder. So wird das sture Festhalten an den tradierten Regeln zum einzigen Weg, nicht in Ungnade zu fallen, gut zu bleiben und geliebt zu werden.

Was aber geschieht mit Personen, die sich in einem solchen Schema fester Gesetze unglücklich fühlen? Zentrale Hauptfigur ist Sarah (Kate Winslet), die sich zunächst durch einen höheren Bildungsstand von den anderen Vorstadtmüttern abhebt. Die Diskrepanz der Figuren verdeutlicht der Film dadurch, daß er die Vorzeigemütter auf dem Spielplatz zuerst alle in Großaufnahme präsentiert, die Umgebung in Unschärfe, während sie Belanglosigkeiten von sich geben. Als Sarah das erste Mal im Bild erscheint, ist sie in einer Halbnahen zu sehen. Hier wird klar, daß sie weltoffener ist als die anderen Frauen. Doch eigentlich liegt der wahre Grund für Sarahs Andersartigkeit darin begründet, daß sie Probleme hat, sich in ihre Mutterrolle einzufühlen. Ihre kleine Tochter bleibt ihr fremd und sie hat den Eindruck, daß das Kind sie nicht liebe. Eine absolut unmögliche Konstellation in dieser Welt des Spielplatzes. Ebenso aus dem Rahmen fällt Brad (Patrick Wilson), der als einziger Mann auf dem Spielplatz und Versager bei der Jura-Abschlußprüfung gegen sämtliche Regeln der Männlichkeit verstößt. Sein kleiner Sohn trägt den ganzen Tag über eine Narrenkappe und nimmt sie nur ab, wenn seine Mutter (Jennifer Connelly) abends nach Hause kommt. Anscheinend reagiert selbst das Kleinkind ablehnend auf die angeblich fehlende Männlichkeit seines Vaters.


Sarah und Brad begegnen einander auf dem Spielplatz und ihre Außenseiterrollen machen eine Affäre der beiden beinahe zu einer Zwangsläufigkeit. Beide treten auch gerne innerhalb der Vorstadtgemeinde zusammen auf, nicht als Liebespaar sondern als befreundete Eltern. Dies zeigt, daß es ihnen vor allem um ein Gefühl der Sicherheit und Gemeinsamkeit in der ihnen fremden Welt geht. Sie planen gegen Ende sogar den gemeinsamen Ausbruch, wollen ihre Ehepartner verlassen. Doch wird sich herausstellen, daß ihre Angst vor einem anderen, selbstverständlich von den anderen verachteten Leben zu groß ist.

Der Film behandelt sein Thema neben diesen beiden Figuren, die gegen die typischen Männer- beziehungsweise Frauenbilder verstoßen, noch an zwei weitern Hauptcharakteren. Der ehemalige Polizist Larry hat einmal versehentlich im Einsatz einen Jungen erschossen. Obschon es keine Absicht war, ist dies natürlich das Schlimmste, was ein Mensch tun kann. Die gesamte Gemeinschaft hat vor allem in Sinn ihre Kinder zu schützen, um ein Fortbestehen ihrer Werte zu sichern. Als Reaktion auf seine Schuld tritt Larry als Moralapostel, der es sich zum Ziel macht die Gemeinde mit drastischen Mittel zu bewahren. Seine Wut richtet sich hauptsächlich gegen Ronnie. Dieser nun steht am weitesten abseits der Gesellschaft, denn er ist ein entlassener Verbrecher, noch dazu war er für die Entblößung vor Kindern im Gefängnis. Selbstverständlich sind seine Taten zu verurteilen, doch die Reaktion der Gemeinde auf seine sexuelle Störung geschieht nicht über Kommunikation oder Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie dringen gar nicht in die psychischen Dimensionen der Perversion vor, die Vorstadtmütter und Bürgerwehrmitglieder betonen mehrfach, daß doch ein Abschneiden des Penis schon für ein Ende von Ronnies abartigen Verhalten führen würde. Sie offenbaren wirklich Züge von kindlichem Denken, wenn sie ihre Furcht auf das Geschlecht richten, gleichermaßen ein Symbol für das Erwachsensein als auch für die Sexualität an sich. Auch den Kindern wird nicht erklärt, warum sie sich gegen Ronnie wenden. Als er einmal unerlaubter Weise im Schwimmbad auftaucht, holen alle panisch ihre Kinder aus dem Wasser. Doch nachdem die Polizei ihn abgeführt hat, springen alle wieder fröhlich ins Becken.

Die Urangst der Gemeinde richtet sich also vor allem auf die Sexualität, die völlig aus dem Leben gedrängt wird, als Ursprung des Übels angesehen wird, durch Regeln zu bezwingen versucht wird.


Little Children erweist sich als höchstkomplexe und tiefgehende Analyse von menschlichen Gemeinden und die Rolle von Außenseitern innerhalb dieser Systeme. Formal schafft er es durch einen satirischen Ton, der jedoch nie ins zu Überzeichnete abdriftet, sein Thema fesselnd zu erzählen. Auffällig sind die an einigen Stellen eingesetzten Kommentare eines allwissenden Erzählers. Die Stimme beschreibt im Allgemeinen nur die Gefühle der Menschen, die eigentlich durch Schauspiel, Montage und Bildkomposition schon deutlich werden. Hier werden die Zuschauer gleichgesetzt mit Kindern beziehungsweise mit Erwachsenen in der Kinderrolle, die die Gefühle anderer nicht ergründen können. Somit hält der Film uns als Publikum den Spiegel vor. Gegen Ende hin wird der Erzähler sogar ironisch, als er behauptet, es könne ja alles in der Zukunft anders werden. Der Kommentar biegt das dramatische Geschehen zu einem Happy End. Da offensichtlich ist, daß dieses nicht existiert, entblößt der Film hier auch die Meinungsprägung der Menschen durch Erzählungen. So wie es zum Beispiel Märchen tun, die erzieherischen Zwecken dienen. Alle diese Methoden können die Menschen aber erst beeinflussen, weil sie in ständiger Angst leben, der Moral der Eltern, der der Gesellschaft nicht zu genügen und somit einen Ausschluß aus der Gemeinschaft befürchten müssen, gleichzusetzen mit Liebesentzug. Little Children setzt sich also für mehr Selbstbestimmtheit ein, für Freiheit von dieser Urangst. Ob dies allerdings wirklich möglich ist - dieser Frage steht er skeptisch gegenüber.

Die ARD zeigt den Film im Rahmen ihres Sommerkinos am Donnerstag, dem 24. Juni um 22:45 Uhr.

Little Children
R: Todd Field
D: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly
USA 2006, 137 Min.


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