Der Film, so wie er mal war, liegt im Sterben - sagt Emir Kusturica und seine Filme sind eine Spritze, die das Weiterleben des Mediums sichert. Schon mit seinen ersten Filmen erlangte er internationale Aufmerksamkeit - spätestens die Oscar-Nominierung für Papa ist auf Dienstreise machte ihn zu einer Weltgröße. Seit Time of the Gypsies zählt Kusturica sogar zu den Regisseuren, die den Preis für die beste Regie in Cannes überreicht bekommen haben.
Die Konstanten, die sich im Werk des Regisseurs aus Sarajewo immer wieder finden lassen, etablierten Kusturica als einen der repräsentativsten Regisseure Osteuropas. Die von ihm erschaffenen filmischen Welten sind immer ein Kollisionspunkt zwischen einem hartem Realismus, einer phantastischen Welt von Mythen, Legenden und Glauben, und einem oft bis ins Groteske getriebenen Humor. Seine Protagonisten sind meistens Roma, und somit immer Außenseiter. Die von Kusturica porträtierten Roma-Gemeinden lassen sich am besten als Hybriden zwischen Kulturen beschreiben. Oft mehrere Sprachen sprechend, weisen die Protagonisten der Filme eine ausgeprägte Flexibilität in Sachen Kultur und Mentalität auf.
So folgt man in Time of the Gypsies dem jungen Perhan auf eine Reise des Erwachsenwerdens. Eine in auffällig minutiös konstruierten und fotografierten Szenerien erzählte Reise, die, ausgehend von einem kleinen Zigeunerdorf, bis nach Italien geht, durch die harte Realität der Zigeunergemeinden sowie durch mystische Traumwelten. Der inzwischen verstorbene Davor Dujmovic verkörpert in Perhan einen Weisen, der bei seiner Oma (Ljubica Adzovic) aufwächst. Sein Erbe ist ein Teil der magischen Kräfte seiner Großmutter – er kann Metallobjekte telekinetisch steuern, aber mit seinen Eltern verbindet ihn lediglich die Sehnsucht nach dem schönen Bild von der Mutter. Sein Weggefährte ist zunächst ein Truthahn, der ihm auf Schritt und Tritt folgt, und mit dem er imstande ist zu kommunizieren. Auch wenn das Tier im Kochtopf landet, bleibt er bei Perhan in dessen Träume.
Nicht nur Symbole und Träume prägen die Welt, in der Perhan reist, sondern auch die stark konturierten Nebencharaktere. Von seinem Onkel (Husnija Hasimovic), der in der armen Realität als Verlierer haftet und dessen Träume ihren Höhepunkt in der verklärten Vorstellung vom Deutschland der Gastarbeiter erreichen, bis hin zu Ahmed (Bora Todorovic), der Anführer einer Gruppe von Zigeunern, die in Mailand durch Betteln, Diebstahl, Prostitution und Kinderhandel ihr Geld verdienen. Perhan findet in Ahmet einen Vater, dieser in dem Jungen den ersehnten Sohn. Während der Junge durch die Vaterfigur die Welt der Unehrlichkeit kennenlernt, eine Welt, vor der ihn seine Oma früher schützen konnte und gegen welche sich in der Gegenwart des Mannwerdens nur noch Träume aufrichten, lernt Ahmet durch Perhan Ehrlichkeit kennenlernen. Eine Ehrlichkeit, die es aber in der Welt der Zigeuner, in der Welt der Anpassung an die Umwelt, nicht geben kann. So entsteht zwischen den beiden der größte Konflikt ihres Lebens. Dass aber ein Universum bei zwei Charakteren nicht aufhört, beweist die Natur dieses Konflikts: alle Charaktere sind mehr oder weniger Teil davon und beeinflussen die Wendungen in seiner Entwicklung.
Und nach demselben Prinzip schafft es Kusturica anhand von der Geschichte eines Jungen eine ganze Gesellschaft mit seinem Time of the Gypsies zu porträtieren. Eine Gesellschaft, die zwischen zwei Welten haftet, eine, mit der Gott nichts anfangen konnte und sich daher von ihr abgewendet hat, eine, die sich je nach Situation anpasst und modellieren lässt, nur um weiter zu bestehen. Eine Welt der Verlierer, der zusammengebastelten und improvisierten Realitäten und Träumen, der Änderungen und Unstetigkeit ist die Wirklichkeit der Zigeuner bei Kusturica.
Mit der Veröffentlichung dieses Films auf DVD setzt Winkler Film seine engagierte Arbeit fort, die beträchtlich zur Aufbewahrung des filmisch-kulturellen Gedächtnisses in Deutschland beiträgt. Zur Veröffentlichung gehört als Bonusmaterial ein exklusives und ausführliches Interview mit Emir Kusturica, in dem der Regisseur seine Position in der Welt der Filmemacher, seine Ansichten über Filmdreh, Filmsprache, Schauspieler, aber auch seinen Bezug zur Roma-Gemeinschaft und zu einigen seiner Filme erklärt.
Time of the Gypsies / Dom za vesanje
R: Emir Kusturica
D: Davor Dujmovic, Ljubica Adzovic, Bora Todorovic, Husnija Hasimovic
Großbritannien, Italien, Jugoslawien, 1988 (2010), 137 Min.
Winkler Film
Der Film, so wie er mal war, liegt im Sterben - sagt Emir Kusturica und seine Filme sind eine Spritze, die das Weiterleben des Mediums sichert. Schon mit seinen ersten Filmen erlangte er internationale Aufmerksamkeit - spätestens die Oscar-Nominierung für Papa ist auf Dienstreise machte ihn zu einer Weltgröße. Seit Time of the Gypsies zählt Kusturica sogar zu den Regisseuren, die den Preis für die beste Regie in Cannes überreicht bekommen haben.
Die Konstanten, die sich im Werk des Regisseurs aus Sarajewo immer wieder finden lassen, etablierten Kusturica als einen der repräsentativsten Regisseure Osteuropas. Die von ihm erschaffenen filmischen Welten sind immer ein Kollisionspunkt zwischen einem hartem Realismus, einer phantastischen Welt von Mythen, Legenden und Glauben, und einem oft bis ins Groteske getriebenen Humor. Seine Protagonisten sind meistens Roma, und somit immer Außenseiter. Die von Kusturica porträtierten Roma-Gemeinden lassen sich am besten als Hybriden zwischen Kulturen beschreiben. Oft mehrere Sprachen sprechend, weisen die Protagonisten der Filme eine ausgeprägte Flexibilität in Sachen Kultur und Mentalität auf.
So folgt man in Time of the Gypsies dem jungen Perhan auf eine Reise des Erwachsenwerdens. Eine in auffällig minutiös konstruierten und fotografierten Szenerien erzählte Reise, die, ausgehend von einem kleinen Zigeunerdorf, bis nach Italien geht, durch die harte Realität der Zigeunergemeinden sowie durch mystische Traumwelten. Der inzwischen verstorbene Davor Dujmovic verkörpert in Perhan einen Weisen, der bei seiner Oma (Ljubica Adzovic) aufwächst. Sein Erbe ist ein Teil der magischen Kräfte seiner Großmutter – er kann Metallobjekte telekinetisch steuern, aber mit seinen Eltern verbindet ihn lediglich die Sehnsucht nach dem schönen Bild von der Mutter. Sein Weggefährte ist zunächst ein Truthahn, der ihm auf Schritt und Tritt folgt, und mit dem er imstande ist zu kommunizieren. Auch wenn das Tier im Kochtopf landet, bleibt er bei Perhan in dessen Träume.
Nicht nur Symbole und Träume prägen die Welt, in der Perhan reist, sondern auch die stark konturierten Nebencharaktere. Von seinem Onkel (Husnija Hasimovic), der in der armen Realität als Verlierer haftet und dessen Träume ihren Höhepunkt in der verklärten Vorstellung vom Deutschland der Gastarbeiter erreichen, bis hin zu Ahmed (Bora Todorovic), der Anführer einer Gruppe von Zigeunern, die in Mailand durch Betteln, Diebstahl, Prostitution und Kinderhandel ihr Geld verdienen. Perhan findet in Ahmet einen Vater, dieser in dem Jungen den ersehnten Sohn. Während der Junge durch die Vaterfigur die Welt der Unehrlichkeit kennenlernt, eine Welt, vor der ihn seine Oma früher schützen konnte und gegen welche sich in der Gegenwart des Mannwerdens nur noch Träume aufrichten, lernt Ahmet durch Perhan Ehrlichkeit kennenlernen. Eine Ehrlichkeit, die es aber in der Welt der Zigeuner, in der Welt der Anpassung an die Umwelt, nicht geben kann. So entsteht zwischen den beiden der größte Konflikt ihres Lebens. Dass aber ein Universum bei zwei Charakteren nicht aufhört, beweist die Natur dieses Konflikts: alle Charaktere sind mehr oder weniger Teil davon und beeinflussen die Wendungen in seiner Entwicklung.
Und nach demselben Prinzip schafft es Kusturica anhand von der Geschichte eines Jungen eine ganze Gesellschaft mit seinem Time of the Gypsies zu porträtieren. Eine Gesellschaft, die zwischen zwei Welten haftet, eine, mit der Gott nichts anfangen konnte und sich daher von ihr abgewendet hat, eine, die sich je nach Situation anpasst und modellieren lässt, nur um weiter zu bestehen. Eine Welt der Verlierer, der zusammengebastelten und improvisierten Realitäten und Träumen, der Änderungen und Unstetigkeit ist die Wirklichkeit der Zigeuner bei Kusturica.
Mit der Veröffentlichung dieses Films auf DVD setzt Winkler Film seine engagierte Arbeit fort, die beträchtlich zur Aufbewahrung des filmisch-kulturellen Gedächtnisses in Deutschland beiträgt. Zur Veröffentlichung gehört als Bonusmaterial ein exklusives und ausführliches Interview mit Emir Kusturica, in dem der Regisseur seine Position in der Welt der Filmemacher, seine Ansichten über Filmdreh, Filmsprache, Schauspieler, aber auch seinen Bezug zur Roma-Gemeinschaft und zu einigen seiner Filme erklärt.
Time of the Gypsies / Dom za vesanje
R: Emir Kusturica
D: Davor Dujmovic, Ljubica Adzovic, Bora Todorovic, Husnija Hasimovic
Großbritannien, Italien, Jugoslawien, 1988 (2010), 137 Min.
Winkler Film