FILMFEST MÜNCHEN: Nachlese (3) Das Paradies war gestern oder: Geschichten vom Erwachsenwerden
Erwachsenwerden ist nicht einfach. Das zeigt schon eine der berühmtesten Coming-of-Age-Geschichten überhaupt: Adam und Eva, die das Erwachen der eigenen Sexualität und die Emanzipation vom Vater mit dem Verlust der Unschuld und der Vertreibung aus dem Paradies bezahlen. Dass sich an dieser archaischen Grundkonstellation nicht viel verändert hat, zeigt sich etwa in Redland von Asiel Norton, einer von vielen Coming-of-Age-Gechichten, die in diesem Jahr auf dem Münchner Filmfest erzählt wurden. Der Film spielt in den tiefen Wäldern von Kalifornien, und damit tatsächlich in einer Art paradiesischen Urlandschaft, in der eine fünfköpfige Familie weitgehend abgeschlossen von der Außenwelt und im Einklang mit der Natur lebt, und sich von der Viehzucht und der Jagd ernährt. Als diese Landschaft plötzlich blutbefleckt wird – die Tochter der Familie liegt schreiend auf dem Boden, Blut zwischen ihren Beinen – weiß man instinktiv sofort: hier wird noch weiteres Blut fließen. Wobei erst später klar wird, dass sie offenbar versucht, das Kind in ihrem Leib zu töten. Ihr Vater findet sie, aber denkt gar nicht daran, ihr aufzuhelfen, sondern ist von dem Moment an nur noch von dem Gedanken besessen: wer hat das getan? Ein Verdächtiger ist auch schon bald gefunden: ein junger Mann und Freund der Familie, der ein paar Tage später zu Besuch kommt, um mit dem Vater und dem ältesten Sohn gemeinsam auf die Jagd zu gehen.
Regisseur Asiel Norton hat sein Spielfilmdebüt in der Zeit der Great Depression angesiedelt, das alttestamentarische Setting lässt seine Geschichte, in der auch der Elektra-Mythos anklingt, aber völlig zeitlos wirken. Könnte sie doch genauso gut im Mittelalter oder gar in prähistorischen Zeiten spielen. Dass er es auch genau darauf angelegt hat, legt das Motto nahe, das dem Film zugrunde liegt: „There is no beginning and there is no end.“ Und genauso ist es dann auch: das dramatische Ende, auf das der Film immer mehr zuläuft, ist in Wirklichkeit kein Ende, sondern Teil eines fortwährenden Zyklus‘, der sich wie das Spinnrad der Mutter einfach immer weiter dreht – das Leben geht weiter, wenn auch mit verteilten Rollen. Mehr als diese einfache Geschichte ist es denn auch die Unerbittlichkeit, mit der Norton sie erzählt, was an Redland beeindruckt. Und die Bilder die er dafür findet: auf klassischem 35mm-Material und unter Einsatz von Filtern und Spezialoptiken gedreht und teilweise im Labor noch chemisch nachbearbeitetet, wirken diese teilweise porös und grobkörnig, dann aber auch in ihrer Farbigkeit ungeheuer faszinierend. Die Art wie dabei Naturaufnahmen mit Reflexionen seiner weiblichen Hauptfigur zusammenfinden, erinnert ein Stück weit an Terrence Malick, mit dessen Filmen Redland tatsächlich oft verglichen wird; und dessen Debütfilm Badlands vielleicht nicht ganz zufällig phonetisch anklingt. Dessen Qualität der Film dann doch nicht ganz erreicht, aber: ein vielversprechendes Debüt.
Ähnlich unerbittlich wird das Erwachsenwerden in einem weiteren Spielfilmdebüt erzählt: Ha'Mehotet - Der Wanderer vom israelischen Filmemacher Avishai Sivan, der bisher eher als Kurz- und Experimentalfilmer aufgefallen ist. Es geht um den 16-jährigen Isaac (Omri Fuhrer), der sich selbst „Isaac, der Wanderer“ nennt, und der als Sohn jüdisch-orthodoxer Eltern mit denn Wirrnissen der Pubertät kämpft. Dabei lässt es der Film relativ im Unklaren, welche Rolle die Religion und die Kultur hier beim Erwachsenwerden spielen; oder ob es nicht vielmehr die eigene Introvertiertheit und die eigenen Hormone sind, an denen der Protagonist am Ende scheitert – und er vor lauter Ausweglosigkeit vom Opfer zum Täter wird. So wollen ihn die Eltern zwar mit einem ihm völlig unbekannten Mädchen verheiraten, während er selbst offenbar ein anders Mädchen liebt. Aber es ist keineswegs so, dass er dazu gezwungen wird. Vielmehr, so legt es der Film zumindest nahe, dürfte es genau dieses Hin-und-hergerissen-Sein zwischen Religion, Familie und den eigenen Hormonen und Gefühlen sein, mit dem der Junge nicht klar kommt. Da es keine Geschwister und offenbar auch keine Freunde gibt, bleiben als fast einzige Kontaktpersonen die eigenen Eltern und ein Arzt, zu dem er immer wieder geht. Wobei es in deren Gesprächen fast immer nur um eine mysteriöse Harnwegerkrankung geht, an der Jacob leidet, und wegen der er – aufgefordert vom Arzt und von den Eltern – ständig Wasser trinken muss. Was einen – ob Zufall oder nicht – an die „Wassertrinker“ in den Filmen des Taiwanesen Tsai Ming-Liang erinnert und an die mysteriösen Krankheiten, die ebenfalls dort vorkommen und genauso wie hier für unterdrückte Triebe und Gefühle stehen; oder an die Filme eines Bruno Dumont: nicht nur wegen der sehr lethargischen, in sich gekehrten und damit auch sehr erratischen Hauptfigur, sondern auch, weil der Film, was genaue Ursachen und Folgen der am Ende überraschend einsetzenden Gewalt betrifft, offen bleibt – was man als seine Stärke, aber auch als seine Schwäche ansehen kann.
Dass der Übergang von der Jugend zum Erwachsensein zwar sehr turbulent sein kann, aber keineswegs immer so dramatisch ausfallen muss, zeigt Richard Linklater in seinem neuen Film Me and Orson Welles. Dramatisch geht es hier eher auf andere Weise zu, hat Linklater seine Geschichte, die nicht nur wegen ihres Swing- und Dixieland-Soundtracks sehr stark an Woody Allen erinnert, doch im Theatermilieu angesiedelt. Richard Samuels (Zac Efron), ein 17-jähriger Junge aus ärmlichen Verhältnissen, der sich für das Radio und vor allem für Hörspiele begeistert, landet im New York der 1930er Jahre zufällig vor dem Mercury Theatre; und vor den Füßen seines Leiters: keinem geringeren als Orson Welles, der kurz vor seinem Durchbruch steht. Welles, von dessen großer, selbstbewusster Klappe angetan, bietet dem jungen Mann eine kleine Theaterrolle an, wodurch dessen Leben über Nacht vollkommen umgekrempelt wird. Er taucht in die für ihn faszinierende neue Welt des Theaters ein, die zu einer Art neuem Zuhause wird, bis er eines Tages sein Herz an eine Theatermitarbeiterin verliert (Claire Danes) und in der Konsequenz auch alle Illusionen. Am Ende ist der Held zwar um ein paar Blessuren reicher, aber auch um ein paar wichtige Erfahrungen, etwa dass Liebe auch sehr weh tun kann, vor allem wenn es die erste ist; und dass Künstler auch nur Menschen sind, im Guten wie im Schlechten. Dem Zuschauer bleibt von dieser leichtfüßigen Komödie vor allem Christian McKay als Orson Welles in Erinnerung, der dem genialen Regisseur in Mimik, Gestik aber auch im Rededuktus zuweilen verblüffend nahe kommt; und ein Satz den Linklater, oder vielleicht auch Robert Kaplow, auf dessen Roman der Film beruht, Welles an einer Stelle in den Mund legt. Nämlich, dass man große Schauspieler (und das galt vielleicht auch für den vor kurzem verstorbenen Frank Giering) immer an ihrem Blick erkennt und der darin liegenden Sehnsucht, für ein paar Stunden oder auch Tage ein anderer zu sein – und sich in diesem fremden Selbst vollkommen zu verlieren.
Ein Wunschtraum, den auch Tetro hat. Auch er hat sich in eine andere Existenz geflüchtet, in eine neue Rolle, die er aber nicht auf der Theaterbühne spielt, sondern in Buenos Aires. Dorthin hat sich Tetro in Francis Ford Coppolas neuem, gleichnamigem Film vor seiner Familie und vor allem vor dem herrschsüchtigen Vater geflüchtet, um unter falschem Namen ein neues Leben zu führen. „Mein Name ist Tetro“, muss der von Vincent Gallo gespielte Titelheld seinem plötzlich aufgetauchten Bruder Bennie (Alden Ehrenreich) auch immer wieder einbläuen; und dass sein großer Bruder nicht mehr lebt. Bennie ist als Schiffsmatrose in Buenos Aires gelandet, um seinen Bruder nach langer Zeit wieder zusehen. Und um Antworten zu finden: warum er weggegangen ist, nie zurückgekehrt ist und sich auch nie bei ihm gemeldet hat. Stück für Stück werden in dem fast komplett in Schwarzweiß gedrehten Film Familiengeheimnisse aufgeblättert, mit dem Vater Carlo Tetrocini (Klaus Maria Brandauer in einer Doppelrolle) als dunklem Zentrum; einem berühmten Dirigenten, der seinen Erfolg vor allem der Tatsache zu verdanken hat, dass er seinen Bruder, einen Komponisten, übergangen hat. Eine Bruder-Rivalität, die sich auf gewisse Art zu wiederholen scheint als Bennie in einem Koffer ein unfertiges, autobiographisches Theaterstück entdeckt, in dem Tetro mit seinem Vater abrechnet; und das er schließlich fertig schreibt und auf die Bühne bringt. Als zentrale und zuweilen etwas überdeutliche Metapher zieht sich dieses Spiegelmotiv durch den gesamten Film, etwa indem Tetro oder Bennie als tatsächliche Spiegelbilder oder auch als Schattenrisse in Szene gesetzt werden. Sogar Tetros Theaterstück ist in Spiegelschrift geschrieben. Eine weitere sich wiederholende Metapher ist das einer Motte, die von einer Lampe angezogen wird: genauso wie Carlo Tetrocini, der dem Scheinwerferlicht erlegen und die Kunst und die Familie dem Ruhm geopfert hat.
Wen diese Familienkonstellation an den Coppola-Clan erinnert – Francis Ford Coppolas Vater Carmine (Musiker und Komponist), seinen Onkel Anton (Dirigent und Komponist), den Bruder August (Literaturprofessor) – der liegt sicher nicht ganz falsch. „Nichts in dieser Geschichte hat sich zugetragen, aber alles ist wahr“, hat Coppola in Cannes denn auch mit einem ironischen Zwinkern über Tetro gesagt, zu dem er erstmal seit Der Dialog (1974) das Drehbuch selbst geschrieben hat. Und vielleicht hatte Coppola mit seiner Familie ja tatsächlich noch eine Rechnung mit diesem Film zu begleichen, der darüber hinaus auch eine deutliche Hommage an die die Musikfilme von Powell und Pressburger wie Hoffmanns Erzählungen oder Die roten Schuhe darstellt, deren Bilder er direkt oder indirekt zitiert. Dass Tetro, in dem Buenos Aires im Grunde nicht viel mehr als eine klischeebeladene Kulisse ist, über diese Abrechnung und Hommage hinaus auch eine Parabel über wahre und falsche Kunst (beziehungsweise Künstler), oder auch über das Verhältnis von Kunst und Kritik sein will, bricht ihm an Ende dann doch ein Stück weit das Genick. Zu konstruiert und zu „gekünstelt“ wirkt das Ganze, trotz Vincent Gallo und Alden Ehrenreich als überzeugendem Bruderpaar. Dabei hat Tetro mit Gallo ironischer Weise einen Hauptdarsteller, der sich in seinen eigenen Regie-Arbeiten an ganz ähnlichen Familien- und Coming-of-Age-Szenarien abarbeitet – das aber mit einer größeren Wildheit, Frische und auch Originalität.
Das gilt ganz ähnlich auch für das Filmdebüt Eighteen des Südkoreaners JANG Kun-jae, das laut Selbstaussage des Regisseurs ebenfalls autobiographische Züge trägt. Nur dass die darin verhandelte Jugendzeit nicht wie bei Coppola eine ferne Erinnerung darstellt, sondern erst ein paar Jahre zurückliegt. Was möglicherweise auch erklärt, warum der Film viel frischer und direkter wirkt – und am Ende auch mehr überzeugt. Auch hier geht es wie in Redland um eine Liebe, die an der Gesellschaft und den darin zugewiesenen Rollen scheitert; und auch hier steht der Sündenfall bereits am Anfang. Tae-hoon und Mi-jung, zwei frisch verliebte Teenager, kehren von einem gemeinsamen Ausflug zurück, über den die Eltern zwar Bescheid wussten. Mit wem genau sie unterwegs waren, das wissen die Eltern dann aber doch nicht. Als Mi-jungs Vater es herausfindet, flippt er aus und als Folge wird bei einem einberufenen Familienrat entschieden, dass die beiden sich bis zum Studium nicht mehr sehen dürfen. Während Tae-hoon dagegen rebelliert und vorübergehend auch die Schule schmeißt, wird Mi-jung auf eine andere Schule versetzt und scheint sich recht schnell in ihr Schicksal zu ergeben. Und auch Tae-hoon bleibt am Ende offenbar nichts anderes übrig. So zeigt der Film, der in seiner Kritik an der Tradition und den gesellschaftlichen Zuständen überraschend deutlich ist – viel deutlicher als etwa Der Wanderer – Tae-hong am Schluss in die Schüler-Rolle zurückkehren, während Mi-jung gemeinsam mit anderen Schülern vom Sportlehrer auf die Rolle hin konditioniert wird, die sie als zukünftige Erwachsene in der koreanischen Gesellschaft zu spielen hat. Wobei das nicht ganz das Ende ist, bekommt der Zuschauer doch noch die Bilder nachgeliefert, die ihm der Film am Anfang verweigert hat: Bilder des Glücks, vom Strand, aus der Schule, lachende Gesichter, Küsse und Umarmungen, und der vermeintliche Sündenfall. Nur dass es gar nicht dazu kommt, weil sie ihn auf das nächste Mal vertröstet. Ein nächstes Mal, das es, wie man in dem Moment weiß, niemals geben wird.
Redland
R: Asiel Norton
D: Mark Aaron, Lucy Adden, Sean Thomas, u.a.
USA 2010, 104 Min.
Ha'Meshotot - Der Wanderer
R: Avishai Sivan
D: Omri Fuhrer, Ali Nassar, Ronit Peled, u.a.
Israel 2010, 86 Min.
Me and Orson Welles
R: Richard Linklater
D: Zac Efron, Claire Danes, Christian McKay, u.a.
GB/USA 2008, 114 Min.
Tetro
R: Francis Ford Coppola
D: Vincent Gallo, Klaus Maria Brandauer, Alden Ehrenreich, u.a.
USA/Italien/Spanien/Argentinien 2009, 127 Min.
Eighteeen (Hoe-ori Ba-ram)
R: JANG Kun-Jae
D: SEO Jun-yeong, LEE Min-ji, KWON Hyeok-pung, u.a.
Republik Korea 2009, 95 Min.













