-->

.

Mother

von Ciprian David, am 27.7.10


Mit der Frage „Wer ist das Monster?“ als Werbeslogan verkauft sich der neueste Film des koreanischen Auteurs Bong Joon-ho in Deutschland. Kontrastierend dazu steht auf dem Plakat der Filmtitel: Mother (Madeo). Soll nun diese Mutter das Monster sein, oder soll der Zuschauer an den vorherigen Film des Regisseurs erinnert werden, den erfolgreichsten koreanischen Film aller Zeiten – The Host(Gwoemul), dessen Handlung von der Erscheinung eines mutierten Raubtiers ausgelöst wurde? Das Monster aus dem Fluss Han bekam wenig Aufmerksamkeit, vor allem was seine Identität betrifft.

Stattdessen portraitierte The Host eine Gesellschaft, die, unter dem Druck einer totalitären, militaristischen Regierung ihr Wesen aus den Augen verlor. Stellenweise von einer kafkaesken Stimmung ähnlich wie bei Terry Gilliams Brazil gekennzeichnet, konzentrierte sich diese Gesellschaft ausschließlich auf politisch-bürokratische Ziele. Aus der Konfrontation zwischen dem mutierten Monster (selber ein Produkt bürokratischer Vorgehensweisen) und dem Monstrum Gesellschaft kommen natürlich die einzelnen Individuen als Verlierer heraus. Bong Joon-ho gruppierte die Protagonisten zu einer Familie, die als Beispielobjekt das Hervortreten eines zweiten Themas ermöglichte, und gleichzeitig die Funktionalität dieses Systems im gegebenen Rahmen untersuchte.

Vereinigt und erprobt wird diese Familie durch die Entführung ihres jüngsten Mitglieds, Hyun Seo. Während sich die Vertreter des Militärs in totalitaristischen Verschwörungsthesen vis-à-vis des Monsters üben und die Rettung des Mädchens immer unmöglicher erscheint, beschließt ihre Familie, es auf eigene Faust mit dem Monster aufzunehmen. So wird im Film, der Reihe nach, jedes Mitglied dieser Familie in der Rettungsaktion einen wichtigen Beitrag leisten, im Mittelpunkt der geistig behinderte Vater des Mädchens, Gang-du (Kang-ho Song, der Protagonist aus Chan-wook Parks Lady Vengeance und Thirst). Und obwohl das Mädchen nicht lebendig aus der Macht des Monsters wiedergewonnen werden kann, und obwohl die Regierung ohne Rücksicht auf die Bevölkerung eine biologische Waffe zur Vernichtung des Monsters einsetzt, konfrontieren die drei am Ende noch lebenden Geschwister das Ungeheuer und besiegen es, mitten in der sie alle vernichtenden Staubwolke der biologischen Waffe.

Obwohl von einer dramaturgischen Linie à la Hollywood gekennzeichnet, vollbringt es der Film, diese Dramaturgie effektiv im eigenen Kulturkreis einzubauen. Das typische Hollywood-Pathos wird durch eine kritische Haltung ersetzt, die, mit einer meisterhaften Eleganz gestaltet, jeden Zuschauer erreicht. So steht im Showdown das Ungeheuer nicht vor den drei Geschwistern wegen seiner eigenen Identität da, sondern weil es ein Produkt und Teil der Regierung dieses Landes ist, dass man mit Bogen und Molotow-Cocktails bekämpft wie jedes andere Teil dieser Regierung, und das sich durch seine Körperlichkeit als angreifbarer und besiegbarer Feind präsentiert.

Der Blick des Films auf die Menschen wird mit Mother noch konzentrierter. Die Familie, in The Host noch eine Gruppe von Individuen, wird nun zu einer kleinen Welt, aus Mutter und Sohn bestehend, im Vordergrund aber die Beziehung der zwei zueinander. Die aus der Perspektive der Familie gesehene Außenwelt rückt auch ein Stück näher: der Raum der Handlung ist ein kleiner Ort, die meisten Personen, mit denen Mutter und Sohn interagieren, sind oder waren nahe Bekannte.

Zwischen Feinfühligkeit und Ironie bewegt sich Regisseur Bong Joon-ho in der Schilderung der Beziehung von Sohn und Mutter. Der Sohn symbolisiert durch seine geistige Behinderung eine Verstümmelung der Gesellschaft, so wie Gang-du in The Host. Während Gang-du unter den Eskapaden seines Vaters zu leiden hatte und laut dessen Erklärung daher nicht genügend Proteine als Kind bekommen hatte, wird die Krankheit von Doon-jo (gespielt von dem in Deutschland durch Brotherhood bekannt gewordenem Bin Won) auf die sehr enge Beziehung zu seiner Mutter zurückgeführt. So eng, dass sie (verkörpert vom langjähriger Fernsehstar Kim Hye-ja) diejenige ist, die nach seinem Unfall blutet. Dass sie ihm pflanzliche Medizin verabreicht während er uriniert, so dass er wie ein aufnahmeunfähiges Gefäß in der Kameraeinstellung dasteht. So eng, dass sie, in einer Lebenskrise zu der Zeit als er fünf Jahre alt war, zusammen mit ihm Selbstmord begehen wollte, sich aber aus finanziellen Gründen nur das billigste Giftmittel geleistet hat. Seither funktioniert Doon-jos Gedächtnis nicht mehr zuverlässig, entwickeln tut er sich auch nicht mehr wie die anderen.

Die Bindung zwischen den beiden wird räumlich gebrochen als Doon-jo wegen des Verdachts auf Mord an einem Schulmädchen eingesperrt wird. Ein Aufeinandertreffen seiner Gedächtnisprobleme mit den brutalen Befragungsmethoden der Polizei und Zeugenaussagen, die ihn als Verdächtiger erscheinen lassen, besiegeln seinen Aufenthalt im Gefängnis. Von nun an ist die Mutter ihres Status als solche beraubt: Sie kann ihren Sohn nicht mehr direkt beschützen und ist auf die Hilfe der anderen angewiesen, um diese Position wieder zu erlangen.

Mother führt nicht nur die Gesellschaftskritik aus The Host fort, durch subtile Ironie den Staat als Präger von politischen Ideen einer ideologielosen Bevölkerung gegenüberstellend, sondern geht weiter und untersucht die Entstehung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in diesem Zusammenspiel. Symptomatisch in dieser Hinsicht sind Doon-jos Gedächtnisprobleme, die mehr oder weniger in den Einstellungen und dem Schweigen aller Charakteren wiederspiegelt werden, so dass der Weg der Mutter zur Befreiung ihres Sohnes zu einer Detektivgeschichte wird. Die Gestaltung der Suche nach dem wahren Mörder wird so geschickt dramaturgisch inszeniert, dass der Zuschauer auf der Metaebene in diesem Spiel der verformbaren Realität miteinbezogen wird. Und während Indizien nach und nach verschiedene Charaktere des Films als vermeintliche Täter erscheinen lassen, webt der koreanische Regisseur um Mutter und Sohn ein feines Netz, das ihre Zugehörigkeit zueinander und die Gerechtigkeit ihrer Bemühungen gegen den Gesellschaftsapparat immer mehr zur Angelegenheit des Kinobesuchers selber werden lässt.

Wie unwichtig ist es doch am Ende des Films wer der wahre Mörder ist, wenn Mutter und Sohn im Bewusstsein eines gemeinsamen Gedächtnisses zueinander finden! Und wie schnell dieses Gedächtnis gleich danach demontiert wird. Wer das Monster ist, ist unwichtig, ob Mutter, Sohn, Gesellschaft oder der Zuschauer. Was übrigbleibt, ist der Tanz des Vergessens, gebadet im Licht des Sonnenuntergangs.



Mother/Madeo
R: Bong Joon-ho
D: Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Gu, Yoon Jae-Moon
Südkorea, 2009, 128 Min.
©MFA+


blog comments powered by Disqus
 

NEGATIV Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in