Uwe Boll-Special Teil 1: Rampage (2009)
Regisseur Uwe Boll hat im Laufe seiner Karriere im Rahmen unterschiedlicher Genres gearbeitet. Von Antikriegsfilmen wie Tunnel Rats zu satirischen Komödien wie Postal bietet das Gesamtwerk eine erstaunliche Heterogenität an Themen und Motive. Eine immer wieder thematisierte Inspiration ist jedoch der Amoklauf in all seinen Facetten, sei es jetzt in Bezug auf Schulmassaker à la Littleton – wie der Film Heart of America veranschaulicht – oder als Einblick in die Seele eines Psychopathen – wie es der Erstling Amoklauf illustriert. Auch in seinem neuen Film Rampage geht es um die scheinbar sinnlose Zerstörungswut eines jungen Mannes, der sich entschließt eine Kleinstadt auszulöschen.
Über den Täter weiß der Zuschauer de facto sehr wenig, zumindest über sein Innenleben. Seine materiellen Bedürfnisse scheinen soweit gesichert: Bill (Brendan Fletcher) lebt noch bei seinen Eltern. Anstatt sich fürs College zu bewerben, verdient er seinen Lebensunterhalt lieber als Automechaniker. Ab und an trifft er sich mit seinem Kumpel Evan (Shaun Sipos), der seine pessimistische vision du monde via Internet-Videos kultiviert. Obwohl es für die Tat anscheinend keine spezifischen Auslöser gibt, vermitteln das Kleinstadt-Setting, die Austauschbarkeit der Fastfood-Restaurantketten und die Spießigkeit des Umfeldes eine unruhige und bedrückende Gesamtstimmung. Eine Art brodelnde Kraft hinter der porösen Fassade der Monotonie wartet darauf befreit zu werden. Und so kommt es, dass Bill eines Tages mit Kampfanzug und großkalibrigen Waffen die Stadt in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt – mit einem sorgsam überlegten Plan im Hinterkopf.
Im Gegensatz zu Falling Down entwickelt Rampage kein ausgearbeitetes Psychogramm des Täters, sondern hält sich mit möglichen Erklärungsansätzen überaus bedeckt. Einzig der permanente Druck, der vonseiten der Eltern und der Gesellschaft ausgeht, könnte als Anhaltspunkt dienen. Rampage lässt diese simplen Psychologisierungsversuche jedoch ins Leere laufen, um sich einen eher zeitdiagnostischen Kontext anzueignen. Im neuen tristen Jahrtausend der Finanzkrisen, der Überbevölkerung und der erstrebenswerten Mediokrität existieren nur wenige Möglichkeiten der Subversion. Der Amoklauf erscheint trotz seiner Missachtung des menschlichen Lebens als geeignete Alternative, dem bestehenden System einen Schlag zu verpassen – so die vordergründige Aussage des Films.
Aufgrund des exzessiven Gewaltpegels – der vor allem durch die wahllose Eliminierung unschuldiger Passanten in schwindelerregende Höhen getrieben wird – und des ungewöhnlichen Endes erhält der Film misanthropische und äußerst fragwürdige Anklänge, die jedoch durch gewisse Finessen Bolls ansatzweise entschärft werden können. Zum einen wäre die vollkommene Fiktionalität des Films anzuführen, da sich keine Mühe gegeben wird besonders realitätsnahe Bilder zu erzeugen. Durch die Fokussierung auf beeindruckende Actionszenen entzieht sich Rampage der nachvollziehbaren Darstellung eines Amoklaufs und mutiert zum düsteren Spektakel. Zum anderen unterstreichen einzelne humoristische Momente – wie Bills Aufenthalt in der lokalen Bingo-Spielhalle – den satirischen Ansatz des Films. Trotz der Unwahrscheinlichkeit der Ereignisse greift Uwe Boll auf das Stilmittel der Handkamera zurück, was ja oftmals mit einer realitätsnahen Herangehensweise assoziiert wird. Dies mag zwar intendiert und in Anbetracht des Erzählten durchaus gerechtfertigt erscheinen, ruft aber auf Dauer eher Frustration beim Zuschauer hervor. Ferner relativieren die zwei Schriftinserts vor den Schluss-Credits leider das gelungene und innovative Ende des Films.
Rampage präsentiert sich als äußerst sündhaftes Vergnügen, da die Thematik des Amoklaufs missbraucht wird, um ein Action-Feuerwerk mit hohem Gewaltgrad abzuliefern. Hinter der asozialen Oberfläche verbirgt sich dennoch ein äußerst pessimistischer Kommentar zu aktuellen Geschehnissen und der Conditio Humana im neuen Jahrtausend. In diesem Sinne ähnelt Rampage sogar ein wenig Darfur, obwohl letzterer natürlich auf ein reales Ereignis Bezug nimmt. Wer also nur die etwas glatten Videospielverfilmungen des Wermelskirchener Boxchamps kennt, wird seine persönlicheren Filme äußerst verdutzt wahrnehmen. Uwe Boll fehlen wohl nur noch ein paar Filme zum Meisterwerk.
Alle Artikel des Uwe Boll-Specials
Rampage
R: Uwe Boll
D: Brendan Fletcher, Shaun Sipos
Kanada/Deustchland 2009, ca. 77 Min.
Splendid film
Sprachen: Deutsch/Englisch
Audio: DD 5.1
Bildformat: 1,85:1
Specials: Audiokommentar, Making-Of
Anmerkung: Die dt. DVD von Splendid wird gekürzt erscheinen. Während die ungekürzte Fassung ca. 85 Minuten läuft, fehlen bei der Splendid-Fassung voraussichtlich ca. 7 Minuten. Als Vorlage dieser Rezension diente die ungeschnittene Kinofassung.











