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Distanz

von Dennis Vetter, am 23.8.10



Daniel (Ken Duken) arbeitet im Botanischen Garten Berlin. Als Gärtner erfüllt er einfache Aufgaben, hört sich die einfach Provokationen seiner Kollegen an, fristet ein Dasein als Außenseiter. Er scheint sich keineswegs daran zu stören. Daniel ist apathisch, redet kaum. Zu Hause blickt er stumm auf den Fernseher. Distanz macht seinen Titel zum Programm und zeigt dem Zuschauer in einem ruhigen, überraschend emotionslosen Szenario seinen sonderbaren Protagonisten. Von Kennenlernen kann bei Distanz keine Rede sein, ebenso wenig wie von Verstehen oder Interpretieren. Distanz bleibt sich über seine ganze Länge hinweg überraschend treu. Ein Film, der Gefühle durch Ereignisse zeigt, aber dabei nicht nachfragt, seine Figuren nie entblößt. Als Daniel Jana (Franziska Weisz) begegnet, die immer wieder versucht, sich ihm anzunähern, wird nicht erläutert, warum er sich verschließt, warum er sie abweist und dann doch noch ihre Nähe sucht, warum er wie beiläufig beginnt, wahllos Jogger im Park zu erschießen. Selbst als Jana Verdacht schöpft, baut Distanz im positiven Sinne nur wenig Spannung auf.



Bereits 2009 war Distanz bei der Berlinale als Eröffnungsfilm der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ zu sehen und fand sowohl dort, als auch bei zahlreichen nachfolgenden Festivals rund um die Welt eine gute Resonanz. Ken Duken, der sich im deutschen Zuschauerkreis seit Jahren wachsender Beliebtheit erfreut und jüngst auch in internationalen Produktionen wie Inglorious Basterds oder Max Manus zu sehen war, produzierte den Film mit seiner selbst gegründeten Produktionsfirma Grand Hôtel Pictures und ermöglichte so Regisseur, Autor und Journalist Thomas Sieben mit seinem zweiten Langfilm das vorsichtige deutsche Kino mit einem provokativen Werk sehr zu bereichern. Das erst 2007 gegründete Vertriebsunternehmen AV Visionen zeigt nach seiner anfänglichen Beschränkung auf Manga- und Jugendtitel mit Distanz eine erfreuliche Entwicklung hin zu einem ernstzunehmenden Publisher für anspruchsvolles Programmkino. Insofern ist Distanz nicht bloß inhaltlich relevant, sondern repräsentiert einen ganzen Produktionskontext mit viel Potenzial.



Was bleibt zu sagen? Ein Film, der sich Genrekonventionen verschließt, ebenso wie sich sein schizoide persönlichkeitsgestörter Protagonist vor der Welt verschließt. Ein Film, der den Zuschauer zur Stellungnahme zwingt, weil er keine Stellungnahme oder Moralisierung aufzwingt, kein Fazit zieht, als Hilfe lediglich Facetten bzw. Oberflächlichen der Realität zeigt - in sehr präzisen, eindrucksvollen Bildern. Und somit ein Film, der nicht nur seine Zuschauer, sondern auch seine Protagonisten erfreulich ernst nimmt. Denn eine distanzierte Betrachtung kann auch von Respekt zeugen.



Distanz
R: Thomas Sieben
D: Ken Duken, Franziska Weisz, Josef Heynert
D 2009, 82 Min.
Copyright: AV Visionen
Kinostart: 19.08.2010


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