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DVD: Die Fremde

von Ciprian David, am 28.8.10


Ein Film von akuter Brisanz verspricht Die Fremde zu sein, in der Regie von Feo Aladag. Ausgehend von ihrer in Interviews sowie auf den Extras der DVD betonten Recherchearbeit um die seit einigen Jahre in den Medien thematisierten Ehrenmorde und gerahmt von ihrer Arbeit an einigen Werbekampagnen von Amnesty International, schrieb die Regisseurin das Drehbuch um Umay, die Heldin des Films.

Für die Hauptrolle wurde Sibel Kekilli gewonnen, eins der hervorragenden jungen deutschen Schauspieltalente, die nach dem Skandal, der von der Bild-Zeitung während des Starts von Gegen die Wand um ihre Person provoziert wurde, auf den deutschen Leinwänden vermisst wurde. Entsprechend energisch wirkt ihre Rückkehr in Die Fremde, wo sie, Settar Tanriögen als Vater Kader und Derya Alabora als Mutter Halime an der Seite, dem Zuschauer eine Tour de Force durch ihre Personifikation des Leidens der jungen Mutter Umay bietet.

Zusammen mit ihrem Sohn verlässt diese ein durch suggestive Bildkonstruktionen beschriebenes Istanbul, wo sie unglücklich ihrem Mann ausgesetzt war. Zurück in Berlin, ihrer Heimatstadt, wird Umay von ihrer Familie nach wenigen Tagen als Ehrenschänderin etikettiert und ausgestoßen. Zwischen Arbeit, Schule, ihrem kleinen Sohn und, dank der Brutalität ihres großen Bruders, sämtlichen Verwicklungen mit den Autoritäten, sucht sie unermüdlich nach der Liebe ihrer Familie, dem gesellschaftlichen Druck trotzend.

Mit Ausnahme weniger Szenen, die einer typischen deutschen Fernsehproduktion zuzuordnen wären, gelingt Feo Aladag mit ihrem Regiedebut großes Kino, das den Schauspielern die Möglichkeit gönnt, zur Geltung zu kommen und ein spannendes Drama zu schöpfen. Die meisten Charaktere entfalten sich dem Zuschauer als innerlich zerrissene Menschen, aufgrund des Zwangs, zwischen ihren Gefühlen, ihrer Vernunft und ihrer kulturellen Prägung wählen zu müssen. Die wenig bewegte, mit einem Gespür für Bildkomposition geführte Kamera unterstreicht das Gezeigte, auch wenn hier und da die Tonspur sich in unnötige stilistische Übertreibungen begibt.

Natürlich wird die Rezeption des Films Größtenteils von der geschilderten Thematik bedingt, vor allem im Kontext ihrer politischen Bedeutung. Dadurch wird er ein perfekter Kandidat für die Festivallandschaft. Aber genau an diesem Punkt ließen sich Kritikansätze anbringen, zum einem zur porträtierten Familie, die als Stand der Dinge und ohne Vergleichs- oder Gegenbeispiel vorgestellt wird, zum anderen durch die Konzentration des Drehbuchs auf das persönliche Drama der Charakteren, was in einem Film natürlich nicht mehr genügend Raum für die Deutung der kulturellen Hintergründe um das Phänomen der Ehrenmorde erlaubt. Zwar wird in einem Satz darauf aufmerksam gemacht, dass Gott mit der Sache nichts zu tun hätte, und das bittere Ende als Konsequenz einer Reise des Vaters in seinen türkischen Heimatort vorgestellt (sehr stimmungsvoll und suggestiv inszeniert), jedoch halten diese Momente nicht gegen die etlichen, in der Rezeption als mögliche Andeutungen auf eine Assoziation der Ehrenmorde mit dem Islam als Religion anstatt mit Zwängen der Gemeinschaft wahrgenommenen Momente des Films. Folglich ist zu erwarten, dass der Film oft auf eine nicht intendierte Wahrnehmung seitens des Zuschauers stoßen wird.





Die Fremde
R: Feo Aladag
D: Sibel Kekilli, Settar Tanriögen, Deria Alabora
Deutschland, 2010, 119 Min.
Copyright: Majestic Home Entertainment

Veröffentlichung: 27. August 2010
Bild: 2,35:1 (16:9)
Sprache:Deutsch mti türkischen Dialogteilen DD 5.1
Untertitel: Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Featurette Deutscher Filmpreis 2010, Interviews mit Sibel Kekilli und Feo Aladag, entfallenen Szenen, Fotogalerie, Kinotrailer
FSK: 12


2 Kommentare zu "DVD: Die Fremde"

Candide hat gesagt…

Der liegt bei mir auch noch auf dem Stapel der demnächst gesichtet wird. Klingt jedenfalls schon mal vielvesprechend!

Elisabeth Maurer hat gesagt…

Trotz der beeindruckend Schauspielerleistungen war ich doch irgendwie unzufrieden mit der Darstellung der Familie. Und zwar aus dem Grund, den Du auch andeutest. Der Film konzentriert sich so sehr auf die Familienmitglieder, daß der äußere Druck nicht wirklich präsent ist. Gut, der Vater wird mal bei der Arbeit schräg angeschaut und die Brüder mal kurz auf ihre Schwester angesprochen, aber das wars schon und wirkt nicht wie der komplette Gesichtsverlust für die gesamte Familie. Es ist klar, daß vor allem die Mechanismen zwischen den einzelnen Figuren im Vordergrund standen. Doch da der Druck von außen praktisch nicht vorkommt, erscheint Umays Familie von Anfang an als sehr herzlos und kalt. Denn niemand hört auf die Hintergründe des Verlassens von ihrem Ehemann und ohne Nachfrage wird ihr Verhalten verurteilt. Fatalerweise wird das Wissen um die Wichtigkeit von Familienehre und vor allem um die damit verbundenen, offenbar sehr starken sozialen Zwänge beim Zuschauer vorrausgesetzt. Ohne den Recherchehintergrund, den die Regisseurin hatte, kann das aber dazu führen, daß sich die Meinung festsetzt, die Familie würden ohne wirklichen Grund das Wohl ihrer Tochter niedriger schätzen als ihr Ansehen.

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