
Bei Kammermusik gleitet ein Körper durch das von Wasser gefüllte Bild. Es könnte das Sinnbild einer endlosen Einsamkeit sein, genauso gut aber ein Werbespot. Eine Schneelandschaft folgt, tadellos fotografiert. Durch den in Zeitlupe fallenden Schnee gleitet ein exquisit bekleideter Körper durch das Bild, auf einen Unfallort zugehend. Ein Mann liegt auf dem Boden, tot. Der sich annähernde Mann legt sich daneben hin und küsst den Toten. Der Protagonist wacht auf, es war nur ein Traum. Die bisher herrschende Bildästhetik begleitet das Geschehen weiter. Ein schwarzer Tintenfleck auf dem Betttuch beschäftigt das Auge während George (
Colin Firth) erzählt, wie schwer es ist, jeden neuen Tag zu ertragen. Willkommen im ersten Film von Modedesigner und Fotograf
Tom Ford.
Verfilmt wird der letzte Tag im Leben von Universitätsprofessor George Falconer, der, an dem dieser Selbstmord begehen will, nachdem der Tod seines Partners Jim (
Matthew Goode) ihn zum Opfer einer unerträglichen Einsamkeit gemacht hat.
Die visuelle Ebene ist in
A Single Man am prominentesten. Durchgehend in Glamour und Sterilität, in der Konsistenz des Dekors, der Kostüme und der Requisite wie ein Werbespot für ein Produkt der Extraklasse aussehend, bietet der Film einen optischen Reiz wie sonst selten in der Filmgeschichte zu sehen, welcher vom noch relativ unbekannten Kameramann
Eduard Grau (der diesen Herbst in
Buried auf eine etwas andere Art beeindrucken wird) eingefangen wurde. Durch die Prägnanz der ausgefeilten Optik entsteht auch die Subtilität des Films. Erstens als ironische Geste gegenüber den Vorurteilen der Zuschauer dem Film eines Modemachers begegnend, die zunächst bestätigt werden, um im Laufe des Films dekonstruiert zu werden. Zweitens, weil
A Single Man ein Film über Wahrnehmung ist: der Glamour des Visuellen ist einem Konzept unterworfen. Er verleiht zunächst Georges Welt eine scheinbare Sicherheit und Konsistenz, eine Schale, die seine innere Zerrissenheit kaschiert und die sich als Kommentar ebenso im Charakter von Charley (
Julianne Moore) wiederspiegelt, eine Frau in der Midlife-Crisis und Georges beste Freundin. Die Filmbilder sorgen aber auch dafür, dass der letzte Tag in Georges Leben als solcher beim Zuschauer auf Verständnis trifft. Denn dieser Tag ist der Tag, an welchem George die Schönheit der Welt um sich herum seit langer Zeit wieder sehen kann. Seien es Augen, Haare, Lippen von den Menschen, denen er begegnet, sei es eine Blume, ein Parfum, oder einfach die Farbigkeit der Welt, das Gezeigte beeindruckt zugleich George und Zuschauer und lässt somit eine Dramaturgie über die Bilder entstehen.
Weil aber sonst der Film über eine relativ konventionelle Erzählung funktioniert, liegt es an den Schauspielern, diesen Tag stimmig zu ergänzen. In dieser Hinsicht ist
Colin Firths Oscar-Nominierung nur nachvollziehbar. Es gelingt ihm, in die oben beschriebene harte Schale mit einer Nonchalance zu schlüpfen, die einen
Marcello Mastroianni in Erinnerung ruft, und gleichzeitig über eine beeindruckend minimalistische Mimik seine Trauer und Einsamkeit, aber auch alle anderen Motive des Films, wie die Problematik der Homosexualität in den Sechzigern, Ausdruck zu verleihen. Auf gleichem Niveau zeigt sich
Julianne Moore während der Szene ihres kurzen Treffs am Abend. In wenigen Minuten erzählen sie gemeinsam die Geschichte ihrer Leben bis dato, ohne beim Zuschauer Fragen offen zu lassen. Oder Kenny, einer seiner Studenten, gespielt von
Nicholas Hoult (der kleine Junge aus
About a Boy - Der Tag der Toten Ente), dessen Annäherungen an George zur Abrundung der Persönlichkeit des Professors dienen.
Als Fazit darf man behalten, dass
A Single Man ein Film ist, der durch seine visuelle Ebene nicht nur ästhetisch überzeugt, sondern vor allem diese, in einem Maß wie sonst wenig auf der Leinwand zu sehen, als wichtigster Kanal der filmischen Erzählung ausarbeitet. Die bei Senator Home Entertainment erscheinende DVD bietet außer dem Hauptfilm ein Making of und einige mehr oder weniger relevante Interviews mit dem Regisseur und den Schauspielern. Aber der Film alleine soll Grund genug für die Aneignung sein.
Wenn, dann unbedingt in OV anschauen!
A Single Man
R: Tom Ford
D: Colin Firth, Julianne Moore, Michael Goode
USA, 2009 (2010), 95 Min.
Copyright: Senator Home Entertainment / Universum Film
Veröffentlichung: 27. August 2010
Bildformat: 2,35:1 anamorph
Sprache: DD 5.1 Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Audiokommentar von Tom Ford, Interviews mit Julianne Moore, Colin Firth, Tom Ford, Nicholas Hoult und Matthew Goode
FSK: 12

Bei Kammermusik gleitet ein Körper durch das von Wasser gefüllte Bild. Es könnte das Sinnbild einer endlosen Einsamkeit sein, genauso gut aber ein Werbespot. Eine Schneelandschaft folgt, tadellos fotografiert. Durch den in Zeitlupe fallenden Schnee gleitet ein exquisit bekleideter Körper durch das Bild, auf einen Unfallort zugehend. Ein Mann liegt auf dem Boden, tot. Der sich annähernde Mann legt sich daneben hin und küsst den Toten. Der Protagonist wacht auf, es war nur ein Traum. Die bisher herrschende Bildästhetik begleitet das Geschehen weiter. Ein schwarzer Tintenfleck auf dem Betttuch beschäftigt das Auge während George (
Colin Firth) erzählt, wie schwer es ist, jeden neuen Tag zu ertragen. Willkommen im ersten Film von Modedesigner und Fotograf
Tom Ford.
Verfilmt wird der letzte Tag im Leben von Universitätsprofessor George Falconer, der, an dem dieser Selbstmord begehen will, nachdem der Tod seines Partners Jim (
Matthew Goode) ihn zum Opfer einer unerträglichen Einsamkeit gemacht hat.
Die visuelle Ebene ist in
A Single Man am prominentesten. Durchgehend in Glamour und Sterilität, in der Konsistenz des Dekors, der Kostüme und der Requisite wie ein Werbespot für ein Produkt der Extraklasse aussehend, bietet der Film einen optischen Reiz wie sonst selten in der Filmgeschichte zu sehen, welcher vom noch relativ unbekannten Kameramann
Eduard Grau (der diesen Herbst in
Buried auf eine etwas andere Art beeindrucken wird) eingefangen wurde. Durch die Prägnanz der ausgefeilten Optik entsteht auch die Subtilität des Films. Erstens als ironische Geste gegenüber den Vorurteilen der Zuschauer dem Film eines Modemachers begegnend, die zunächst bestätigt werden, um im Laufe des Films dekonstruiert zu werden. Zweitens, weil
A Single Man ein Film über Wahrnehmung ist: der Glamour des Visuellen ist einem Konzept unterworfen. Er verleiht zunächst Georges Welt eine scheinbare Sicherheit und Konsistenz, eine Schale, die seine innere Zerrissenheit kaschiert und die sich als Kommentar ebenso im Charakter von Charley (
Julianne Moore) wiederspiegelt, eine Frau in der Midlife-Crisis und Georges beste Freundin. Die Filmbilder sorgen aber auch dafür, dass der letzte Tag in Georges Leben als solcher beim Zuschauer auf Verständnis trifft. Denn dieser Tag ist der Tag, an welchem George die Schönheit der Welt um sich herum seit langer Zeit wieder sehen kann. Seien es Augen, Haare, Lippen von den Menschen, denen er begegnet, sei es eine Blume, ein Parfum, oder einfach die Farbigkeit der Welt, das Gezeigte beeindruckt zugleich George und Zuschauer und lässt somit eine Dramaturgie über die Bilder entstehen.
Weil aber sonst der Film über eine relativ konventionelle Erzählung funktioniert, liegt es an den Schauspielern, diesen Tag stimmig zu ergänzen. In dieser Hinsicht ist
Colin Firths Oscar-Nominierung nur nachvollziehbar. Es gelingt ihm, in die oben beschriebene harte Schale mit einer Nonchalance zu schlüpfen, die einen
Marcello Mastroianni in Erinnerung ruft, und gleichzeitig über eine beeindruckend minimalistische Mimik seine Trauer und Einsamkeit, aber auch alle anderen Motive des Films, wie die Problematik der Homosexualität in den Sechzigern, Ausdruck zu verleihen. Auf gleichem Niveau zeigt sich
Julianne Moore während der Szene ihres kurzen Treffs am Abend. In wenigen Minuten erzählen sie gemeinsam die Geschichte ihrer Leben bis dato, ohne beim Zuschauer Fragen offen zu lassen. Oder Kenny, einer seiner Studenten, gespielt von
Nicholas Hoult (der kleine Junge aus
About a Boy - Der Tag der Toten Ente), dessen Annäherungen an George zur Abrundung der Persönlichkeit des Professors dienen.
Als Fazit darf man behalten, dass
A Single Man ein Film ist, der durch seine visuelle Ebene nicht nur ästhetisch überzeugt, sondern vor allem diese, in einem Maß wie sonst wenig auf der Leinwand zu sehen, als wichtigster Kanal der filmischen Erzählung ausarbeitet. Die bei Senator Home Entertainment erscheinende DVD bietet außer dem Hauptfilm ein Making of und einige mehr oder weniger relevante Interviews mit dem Regisseur und den Schauspielern. Aber der Film alleine soll Grund genug für die Aneignung sein.
Wenn, dann unbedingt in OV anschauen!
A Single Man
R: Tom Ford
D: Colin Firth, Julianne Moore, Michael Goode
USA, 2009 (2010), 95 Min.
Copyright: Senator Home Entertainment / Universum Film
Veröffentlichung: 27. August 2010
Bildformat: 2,35:1 anamorph
Sprache: DD 5.1 Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Audiokommentar von Tom Ford, Interviews mit Julianne Moore, Colin Firth, Tom Ford, Nicholas Hoult und Matthew Goode
FSK: 12
DVD: A Single Man