FFF 2010: Brotherhood



Die Party steigt im Haus der Sigma Zeta Chi Studentenverbindung. Während die meisten am Feiern sind, werden die Erstsemester der Aufnahmeprüfung ausgesetzt. Harmlos, irrwitzig, unverschämt oder einfach albern sind die Aufgaben, die dabei erledigt werden sollen. Ein Missverständnis in der Planung sorgt jedoch dafür, dass der Abend für alle Mitglieder der Verbindung eine harte Probe ihrer Menschlichkeit wird.

Und damit begibt sich Regisseur Will Canon in eine Verhaltensstudie, die Individuen und Gruppenmentalität untersucht. „Alles für das Team“ ist das selbstverständliche Motto der meisten aus Sigma Beta Chi, angeführt von Jon Foster (Pandorum), doch inwiefern gilt das, wenn einer von ihnen (Lou Taylor Pucci, The Informers), eine Kugel in der Schulter, auszubluten droht? Eine Nacht voller Ängste, daraus entspringenden Aggressionen und ungeahnte, sich immer weiter über die Grenzen der Würde und des Mitgefühls ausbreitende Wendungen macht aus der ursprünglichen Party einen Alptraum, aus der Studentenverbindung eine gespaltene Gruppe.

In hervorragenden dramaturgischen Episoden und mit einer wirr wackelnden dokumentarischen Kamera aufgenommen, zeigt der Film, wie sich die Persönlichkeit von Individuen unter Druck und Angstbedingungen auf immer weniger Komponenten einschränkt, bis zum Ablegen des Individuellen und des Annehmens der Identität als Teil einer Gruppe. Und was wäre ein besseres und doch metaphorisches Beispiel für die nötige Martialität, für das Charisma eines Anführers einer Gruppe, als eine Studentenverbindung? Durch Gewaltausbrüche und Zerstörung fegen die einzelnen Protagonisten die bedrückende Angst vor der gesellschaftlichen Ordnung genau durch das Überschreiten ihrer Regeln hinweg, denn so, ganz im Sinne Batailles, kann ein Moment des Entzugs aus den definitorischen Zwängen der Gesellschaft entstehen. Doch der Situationsdruck hat auch weitere Folgen: Ausreißende wie Trevor Morgans Charakter, einer der Anführer der Verbindung, werden ebenso wenig als solche geduldet wie der unschuldige, erpresste und geprügelte Mike (Arlen Escarpeta), der gleichzeitig Gelegenheit zur Darstellung von Xenophobie und Rassismus bietet.

Sehr kompakt gestaltet, findet der Film trotz seiner Kürze genügend Momente, um die vorgestellten Ideen zu unterstreichen und zu kommentieren. Und auch wenn es in diesem Kontext unglaublich scheint, wird der Film dramaturgisch dermaßen durch Situationscomic ausbalanciert, dass die Rezeption trotz der dominierenden Spannung beinahe unbeschwert ist.

Mit Brotherhood stellt Regisseur Will Canon seinen ersten Langfilm vor und räumt gleichzeitig mit allen Vorurteilen auf, die man in Verbindung mit dem Wort Regiedebut haben könnte. Fern von stilistischen Unsicherheiten und dramaturgischen Lücken packt sein Film den Zuschauer vom ersten Moment und bietet ihm 80 Minuten hochklassige und unterhaltende Spannung. Brotherhood hat durch Ascot Elite auch in Deutschland den Weg zum Markt gefunden.

Brotherhood
R: Will Canon
D: Jon Foster, Trevor Morgan, Arlen Escarpeta, Lou Taylor Pucci
USA, 2010, 80 Min
Ascot Elite