Alice, who the fuck is Alice?!
Nicht nur Smokie stellen sich in ihrem Song diese Frage, sondern auch der Zuschauer, der sich in die Fänge von The Disappearance of Alice Creed begibt. Und sie ist nur eine von vielen. Denn nicht nur die Persönlichkeit der ansehnlichen Protagonistin (Gemma Arterton) ist hier ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Auch die beiden Halunken, welche Alice Creed entführen, um von ihrem reichen Vater Lösegeld zu erpressen, erwecken immer wieder Zweifel an ihrer Rolle für den Verlauf des Films.
Doch zunächst zum Grundszenario: Der etwas unsicher wirkende Danny (Martin Compston) und der perfektionistische, grobe Vic (überragend: Eddie Marsan) haben kein Detail übersehen. Mit makelloser Vorbereitung wappnen sie sich für die lange geplante Entführung von Alice. Schnell soll alles gehen. Eine reibungslose Geiselnahme ohne Spuren, ohne Patzer, ohne Zeugen. Der Beginn des Films zeigt einen bis ins kleinste Detail durchorganisierten Marathon von Vorbereitungen. Vorbereitungen, die schnell und gezielt ablaufen, Erwartungen an ein Folterszenario hervorrufen, aber irgendwie auch an einen sorgsam geplanten Streich erinnern. Und dann ist es endlich so weit. Zuschlagen, überwachen, inszenieren, durchhalten, konzentrieren, vereinbaren – alles wäre perfekt, wenn da nicht Menschen beteiligt wären. in diesem Fall zwei drollige Kriminelle, die eigentlich ganz und gar nicht bedrohlich wirken und die immer wieder ihre Unsicherheit an den Tag legen. Und natürlich Alice, deren erotische Ausstrahlung nun wirklich nicht zu verachten ist und die so ein Kidnapping schon mal ein wenig durcheinanderbringen kann – Männer sind schließlich auch nur Menschen.
The Disappearance of Alice Creed kann zweifellos als einer der Highlights des diesjährigen Fantasy Filmfests betrachtet werden. Wer in J Blakesons hervorragend inszeniertem Debüt letztlich welche Rolle einnimmt, wer hier Opfer und Täter ist und was hinter den Masken der Charaktere für Pläne lauern, dies alles verschwimmt bis hin zum unerwarteten Ende mehrfach inneinander und wechselt immer wieder unerwartet – ein schräger, humorvoller oder düsterer Plot-Twist jagt den nächsten. Zu keiner Sekunde lassen die urkomischen und latent doch teils sehr bösartigen Figuren Langeweile aufkommen. Running Gags, Schocks und falsche Fährten sorgen für ein ungemein kurzweiliges Kinoerlebnis, bei dem erstaunlicherweise nie klar ist, wann aus Spaß bitterer Ernst wird, in dem dabei aber beide Aspekte gelungen durchgespielt werden. Trotz alledem wirkt das Geschehen nie unplausibel. Letztlich entfaltet sich zwischen den drei charismatischen Darstellern ein intensives Kammerspiel um sexuelle und persönliche Macht, Identiät, Liebe, Vertrauen und Verrat, das fesselnder kaum sein könnte.
Alle, die den Film verpassen, dürfen hoffen: Der Film hat einen deutschen Rechteinhaber gefunden, somit ist ein DVD- oder Kinorelease angesichts seiner Qualität wahrscheinlich.
The Disappearance Of Alice Creed
R: J Blakeson
D: Gemma Arterton, Martin Compston, Eddie Marsan
USA 2009, 96 Min.
Copyright: Ascott Elite Home Entertainment







1 Kommentare zu "FFF 2010: The Disappearance of Alice Creed"
Habe ihn auch beim FFF gesehen und der Film zählt ebenfalls zu meinen Festival-Highlights. Trotzdem finde ich die Kritik doch etwas zu euphorisch. Für ein Debüt sicherlich herausragend, im generellen Vergleich würde ich die Gesamtnote "gut" vergeben.
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