
Gefängnisfilme ähneln sehr Kriegsfilmen in ihrer Konstruktion und ihrem Sinn. Der Mensch, reduziert auf wenige Eigenschaften, zeigt durch die Konfrontation und den Umgang mit Gewalt, wie dysfunktional das System um ihn herum ist. Mal wird die ungebändigte Freude am Leben durch Einprägung von kalkuliertem Denken gehemmt, wie in
Blood in Blood out – Verschworen auf Leben und Tod, mal wird ein normales Leben vernichtet, wie in
Cell 211, oder neu erschaffen, wie in
Ein Prophet.
Dog Pound, nach
Sheitan der zweite Film des französischen Regisseurs
Kim Shapiron, orientiert sich an dem Genre-Klassiker
Scum von
Alan Clarke und knöpft sich das Gefängnissystem als Mechanismus zur Verwüstung der Leben junger Männer vor. Drei Protagonisten, bestimmt von drei Verbrechen, jeder auf seine Art gewaltsam, werden als unsympathische Helden der Geschichte eingeführt. Zusammen werden sie von den Wächtern aufgenommen, zusammen werden sie von den anderen Insassen durch Prügeleien oder Demütigungen geschmiedet. Und nur zusammen gelingt es ihnen, sich an der Spitze der ausdrücklich auf Gewalt basierenden Hierarchie des Gefängnisses zu etablieren.
Gewalt ist das einzige, was beinah ununterbrochen die Grundstimmung definiert. Von Gesichtsausdrücken über Wortwahl bis hin zur Körperhaltung und unterstützt durch die karg gestalteten Räumen des Jugend-Gefängnisses, durch die dicht an den Charakteren aber stets unauffällig geführte Kamera und durch eine sehr minimalistisch gehaltene Audioebene, deren musikalische Ausbrüche die gewaltigen Höhepunkte des Films zu Explosionen machen, wird diese Stimmung erzeugt und übertragen, bis hin zum Vergessen der Tatsache, dass die Schauspieler alle noch Jugendliche sind.
Nicht wenig tragen zur Konsistenz des Films die Protagonisten bei. Vor allem
Adam Butcher, dessen expressiver Blick den Bildern mit eine an
Dear Wendy oder
Klass erinnernde Intensität verleiht. Durch die oberflächlich und entsprechend pointiert gestalteten Charaktere gelingt es dem Film ein stimmungsvolles, aber nicht vom Wesen seiner Grundthesen ablenkendes Milieu zu erschaffen: sein Hauptanliegen ist die Kritik am Gefängnissystem. Subtile dramaturgische Kniffe bringen den Zuschauer zunächst dazu, mit den drei Protagonisten (trotz ihrer Taten) als Gegenparts zu den anderen Insassen zu sympathisieren, weil sie eben gegen ein System der Gewalt rebellieren. Ist dieser Schritt erst einmal erreicht, verschmilzt der Großteil der Insassen zum Sympathieträger und ein weiterer Feind wird entblößt: Die Wächter, mit ihrer freundlichen, jedoch nicht genügend disziplinierten Herangehensweise und der Rest des Personals, der nur in wenigen Momente einen Zugang zu den Insassen findet und auf eine Wirkung ihrer Arbeit hoffen lässt. Der letzte Schritt, wenn auch eher metaphorisch: die Ausweglosigkeit des Systems als Ganzes, die eigentlich über den ganzen Film, trotz der verhältnismäßig überraschend vielen zärtlichen Momente im Hintergrund da war, wird nochmal in einer Gewaltorgie konkretisiert.
Dog Pound ist ein sehr kompaktes, stimmungsvolles Werk, das
Kim Shapiron unter den wichtigen jungen Regisseuren unserer Zeit etablieren. In Deutschland hat der Film in
alamode Film einen Verleih gefunden, bleibt nur zu hoffen, dass ihn der Weg zum Kino ermöglicht wird.
Dog Pound
R: Kim Chapiron
D: Adam Butcher, Shane Kippel, Mateo Morales
Frankreich, Kanada, Großbritannien, 2010, 88 Min.
Alamode Film

Gefängnisfilme ähneln sehr Kriegsfilmen in ihrer Konstruktion und ihrem Sinn. Der Mensch, reduziert auf wenige Eigenschaften, zeigt durch die Konfrontation und den Umgang mit Gewalt, wie dysfunktional das System um ihn herum ist. Mal wird die ungebändigte Freude am Leben durch Einprägung von kalkuliertem Denken gehemmt, wie in
Blood in Blood out – Verschworen auf Leben und Tod, mal wird ein normales Leben vernichtet, wie in
Cell 211, oder neu erschaffen, wie in
Ein Prophet.
Dog Pound, nach
Sheitan der zweite Film des französischen Regisseurs
Kim Shapiron, orientiert sich an dem Genre-Klassiker
Scum von
Alan Clarke und knöpft sich das Gefängnissystem als Mechanismus zur Verwüstung der Leben junger Männer vor. Drei Protagonisten, bestimmt von drei Verbrechen, jeder auf seine Art gewaltsam, werden als unsympathische Helden der Geschichte eingeführt. Zusammen werden sie von den Wächtern aufgenommen, zusammen werden sie von den anderen Insassen durch Prügeleien oder Demütigungen geschmiedet. Und nur zusammen gelingt es ihnen, sich an der Spitze der ausdrücklich auf Gewalt basierenden Hierarchie des Gefängnisses zu etablieren.
Gewalt ist das einzige, was beinah ununterbrochen die Grundstimmung definiert. Von Gesichtsausdrücken über Wortwahl bis hin zur Körperhaltung und unterstützt durch die karg gestalteten Räumen des Jugend-Gefängnisses, durch die dicht an den Charakteren aber stets unauffällig geführte Kamera und durch eine sehr minimalistisch gehaltene Audioebene, deren musikalische Ausbrüche die gewaltigen Höhepunkte des Films zu Explosionen machen, wird diese Stimmung erzeugt und übertragen, bis hin zum Vergessen der Tatsache, dass die Schauspieler alle noch Jugendliche sind.
Nicht wenig tragen zur Konsistenz des Films die Protagonisten bei. Vor allem
Adam Butcher, dessen expressiver Blick den Bildern mit eine an
Dear Wendy oder
Klass erinnernde Intensität verleiht. Durch die oberflächlich und entsprechend pointiert gestalteten Charaktere gelingt es dem Film ein stimmungsvolles, aber nicht vom Wesen seiner Grundthesen ablenkendes Milieu zu erschaffen: sein Hauptanliegen ist die Kritik am Gefängnissystem. Subtile dramaturgische Kniffe bringen den Zuschauer zunächst dazu, mit den drei Protagonisten (trotz ihrer Taten) als Gegenparts zu den anderen Insassen zu sympathisieren, weil sie eben gegen ein System der Gewalt rebellieren. Ist dieser Schritt erst einmal erreicht, verschmilzt der Großteil der Insassen zum Sympathieträger und ein weiterer Feind wird entblößt: Die Wächter, mit ihrer freundlichen, jedoch nicht genügend disziplinierten Herangehensweise und der Rest des Personals, der nur in wenigen Momente einen Zugang zu den Insassen findet und auf eine Wirkung ihrer Arbeit hoffen lässt. Der letzte Schritt, wenn auch eher metaphorisch: die Ausweglosigkeit des Systems als Ganzes, die eigentlich über den ganzen Film, trotz der verhältnismäßig überraschend vielen zärtlichen Momente im Hintergrund da war, wird nochmal in einer Gewaltorgie konkretisiert.
Dog Pound ist ein sehr kompaktes, stimmungsvolles Werk, das
Kim Shapiron unter den wichtigen jungen Regisseuren unserer Zeit etablieren. In Deutschland hat der Film in
alamode Film einen Verleih gefunden, bleibt nur zu hoffen, dass ihn der Weg zum Kino ermöglicht wird.
Dog Pound
R: Kim Chapiron
D: Adam Butcher, Shane Kippel, Mateo Morales
Frankreich, Kanada, Großbritannien, 2010, 88 Min.
Alamode Film
FFF 2010: Dog Pound