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FFF 2010: The Human Centipede

von Simon Frauendorfer, am 31.8.10


Wenn man sich die erfolgreichen Horrorfilme der letzten Dekade vor Augen hält, bemerkt man eine pausenlose Beschäftigung mit dem Motiv der Folter. Vor allem im Rahmen von Mainstream-Absonderungen wie Hostel und Saw bildet das langsame Malträtieren menschlicher Körper den Grundbaustein für die Erzeugung von Angst und Schrecken. The Human Centipede von Tom Six wählt hingegen den Weg des Körperhorrors, der unintendierten body-modification und knüpft dabei eher an Visionen von David Cronenberg oder Brian Yuzna an. Die einfache Schändung des Fleisches weicht dem Grauen einer völligen Entmenschlichung, das  tief in unserem Unterbewusstsein verankert ist. Die Angst, seine menschlichen Züge zu verlieren, sich in eine abartige Kreatur zu verwandeln und die damit einhergehende soziale Abschottung lassen uns zwar vor Ekel zusammenzucken, üben jedoch gleichzeitig eine nicht kaschierbare Faszinaton aus, als wären wir von der Neugierde getrieben, wie es sich wohl anfühlt, eines morgens als ungeheures Ungeziefer aus unruhigen Träumen zu erwachen.

Zwei junge US-Amerikanerinnen, die gerade durch Europa touren, klopfen nach einer ärgerlichen Autopanne in einem deutschen Wald an die Haustür des wahnsinnigen Chirurgen Doktor Heiter (Dieter Laser). Nachdem er Beide mithilfe von Substanzen im Wasserglas zu einem längeren Aufenthalt  „überreden“ konnte, offenbart er den harmlosen Touristinnen seinen perfiden Plan. Sie sind dazu auserwählt worden, ihren Körper für das Projekt des menschlichen Tausendfüßlers bereitzustellen. Heiter, ein Spezialist auf dem Gebiet der siamesichen Zwillinge, hält seine drei Opfer – neben den amerikanischen It-Girls noch ein Japaner – im Keller gefangen und bereitet die mehrstündige Operation vor, in der aus drei Subjekten ein einziges, groteskes Monstrum entstehen soll...

Trotz der klischeehaften Handlung und dem Rekurs auf die abgenutzte Figur des Mad Scientist erzeugt The Human Centipede eine morbide Grundstimmung, die vor allem der ruhigen Inszenierungsweise Six´ zu verdanken ist. In langen Einstellungen mit kalten, klinischen Farben lässt sich der Wahsinn des Chirurgen und das Leiden der Opfer äußerst detailliert nachvollziehen, was mitunter sehr zermürbend auf den labilen Zuschauer wirken kann. Vom Programmheft des FFF fälschlicherweise als „Trash-Perle“ – ein heutzutage recht inflationär verwendeter Begriff – etikettiert, wirkt der Film eher wie die visuelle Umsetzung eines schlechten Scherzes. Ungeachtet des makabren Humors, beruhend  vor allem auf der skurrilen Grundidee des menschlichen Tausendfüßlers, wird die Grenze zur Lächerlichkeit jedoch nie überschritten, so dass sich zu keinem Zeitpunkt eine sichere Distanz zwischen Zuschauer und Gezeigtem aufbaut, zu stark wirkt The Human Centipede auf menschliche Urängste. Den Spagat zwischen aufwühlenden Schreckensszenarien und humoristischen Einlagen vollzieht der Regisseur auf anschauliche Art und Weise, was der ohnehin brechreizerregenden Gesamtstimmung eine noch perversere Ausrichtung verleiht.    


The Human Centipede ist auf den ersten Blick beileibe kein innovativer Horrorfilm, vermag es aber trotzdem, einige Genreprämissen geschickt umzudeuten. Wie der Rezensent für The Village Voice treffend bemerkt, erhält die Idee des Final Girl eine absurde Neuinterpretation, da die junge Hauptprotagonistin sich nicht am Ende, sondern in der Mitte des menschlichen Tausenfüßlers einfinden muss, ein schlimmes Schicksal, wie sich herausstellen wird. Durch immer neue Wendungen und eine unleugbare morbide Anziehungskraft wird ein sadistischer, alptraumhafter Grundgedanke auf Spielfilmlänge ausgeweitet, was erstaunlicherweise gut gelingt. Die darstellerische Überzeugung, allen voran Dieter Laser in der Rolle des Dr. Heiter trägt unweigerlich zur gleichzeitig gebeutelten wie faszinierten Empfindung des Zuschauers bei, ein Gemütszustand, der sich bis zur letzten Minute durchzieht und durch das grausige Ende nochmals verstärkt wird.

Ganz harte Kost für ein vorgewarntes Publikum, das perfide Einfälle sinnentleerten Blutfontänen vorzieht. Ohne das nötige Verständnis für den rabenschwarzen Humor bewirkt The Human Centipede wohl nur uneingeschränkte Ablehnung. Auf den Festivals dieser Welt wurde er als  krankhafter Schocker vorgestellt – ein Ruf, dem er durchaus gerecht wird.




The Human Centipede (First Sequence)
R: Tom Six
D: Dieter Laser, Ashley C. Williams, Ashlynn Yennie, Akihiro Kitamura
Niederlande/GB 2009, 90 Min.


7 Kommentare zu "FFF 2010: The Human Centipede"

Anonym hat gesagt…

Fand ihn nicht schlecht aber die Bezeichnung "Trash" passt hier mMn sehr wohl. Ist in meinen Augen auch keine Abwertung.
Sowohl der Ausgangsplot (zwei eher oberflächlich wirkende US-Touristinnen - nach einer Autopanne auf dem Weg zur Party alleine im dunklen dt. Wald - begegnen einem irren Chirurgen namens Dr. Heiter [sic!]) als auch die recht billige Optik des Films lassen da für mich keine andere Kategorie zu.

Simon Frauendorfer hat gesagt…

Ich möchte auch gar nicht widersprechen, dass der Plot unglaublich trivial und klischeehaft ist, was ich auch in meiner Rezension betont habe. Dennoch geht mir der Begriff des "Trash" entschieden zu weit, da ich damit immer einen gewissen Dilettantismus assoziiere, der bei Human Centipede nicht vorliegt. Vor allem was die Kameraführung angeht, finde ich den Film doch sehr "arthausig" obwohl offensichtlich nicht auf 35m gedreht wurde.

Ich glaube es geht um die persönliche Definition von "Trash", die von Filmfan zu Filmfan sehr unterschiedlich sein kann. Für mich hatte Human Centipede einfach genug Qualität, um die Dummheit der Story hinter sich zu lassen.

Anonym hat gesagt…

Dieter Laser ist neben der Grundidee das einzige was man erwähnen kann in diesem Film.Sein Ausdruck macht einem richtig Angst und er versteht es SEHR gut diesen Horrorchirugen zu verkörpern(richtig richtig böse und verdammt gut)

Was mich persönlich gestört hat waren diese 2 blöden Mädels die man durch besseres hätte ersetzen können,dadurch wirkte der Film ziehmlich billig und eben zu typisch wie jeder 08/15 Schocker aus der Videothek.......

(P.S : In der Szene wo das MONSTER trainiert wird im Garten mit der Peitsche(?) konnte ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen :-)
Und genau solche blöden Momente unfreiwilligem
Humors sollte man sich sparen für einen echten guten SCHOCKER.......Genau wie die 2 Paris Hiltons :-)) Die Darsteller hatten bestimmt viel Spass beim Dreh :-)))))))))))))))))

Anonym hat gesagt…

Menschen ohne großen Intellekt kann man mit allem schockieren. Darum gibt es in einigen Bananenstaaten wie der BRD Zensur, damit die total grensdebilen Präkariaten nicht das Gesehene nachspielen. Schon der Trailer ist eine Farce, und ich konnte mich vor Lachen nicht halten. Trash, und keine guter, und ein Vergleich mit Cronenberg ist eh eine Beleidigung. Zielgruppe dieses Schmarrns: Betrunkene und Allesschlucker.

Anonym hat gesagt…

Leute, ganz im Ernst - das ist kein "Trash", das ist schlichter Müll. Wenn man diesem kompletten, prätentiös gedrehtem, unglaublich schlecht gespieltem (incl. Herr Laser) Unsinn Inhalt zuweisen möchte, dann sehe ich nach unten keine Grenze mehr. Nicht mal lustig. Nur doof.

Anonym hat gesagt…

Spitzen-Kritik, die den Nagel nur so auf den Kopf hämmert.

Katschusa hat gesagt…

Ich fand den film eigentlich ganz gut ö.ö' es ist halt irgendwie ein Film, der eine andere Kultur vorraussetzt. Deshalb ist es für mich kein Wunder, dass es den film auch auf Japanisch gibt. Er reiht sich ganz gut bei japanischen horrorfilmen ein. Wenn man diese Art Horrorfilm nicht versteht, kann man den Film auch nicht gut finden.
Wenn man sonst nur so Ami-kram guckt, ist man für sowas nicht offen.

Ja, es gab ein paar Lücken. Und ein paar Handlungen, die etwas unusgeklügelt waren aber wie gesagt das reiht sich bei J-Horror SEHR gut ein.
Man hätte nur etwas mehr draus machen können.

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