Eine zärtlich angeschlagene Akustikgitarre, zwei Teenager im Gegenlicht einer tief stehenden Sonne. Pure Unbeschwertheit, gedankenlos und frech. Emily und David leben in einem Trailerpark in Norfolk, direkt an der Küste und eigentlich sind sie ganz glücklich.
The Scouting Book for Boys ist eine recht ungewöhnliche Wahl für das FFF, fehlen doch nicht nur Zombies, Vampire und Aliens, sondern sämtliche Axt schwingenden Maniacs dieser Erde. Was erwartet man stattdessen? Vielleicht gesellschaftliche Tabubrüche und transgressive Gewalteruptionen à la Dumont/Noé?! Auch hier: Fehlanzeige! Tom Harper und sein Team erfüllen derlei Ansprüche nicht, inszenieren die Geschichte mit viel Ruhe und einer gewissen Experimentierfreudigkeit (der Exposition folgt eine poppige Titelsequenz mit badenden Rentnern, Eis essenden Kindern, Splitscreen und roter 70er-Bahnhofskino-Schrift).
Im Mittelpunkt stehen die jungen Freunde, die in einem White-Trash-Umfeld britischer Prägung einen mutig wie unüberlegten Plan verwirklichen wollen. Emily versteckt sich nach einem Streit mit ihrer Mutter in einer Höhle am Meer, während David den aufgebrachten Erwachsenen ins Gesicht lügt und seine Freundin mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt. Die Lage spitzt sich zu, Suchaktionen werden gestartet, ein Wohnwagen aus Frustration angezündet, es wird gebrüllt und gedroht. David bleibt seiner Linie treu, muss aber erfahren, dass Emily von ihrem heimlichen Freund Steve geschwängert wurde und sich eigentlich versteckt, um die Zeit zu überstehen, bis eine Abtreibung gegen das Gesetz verstoßen würde.
Holliday Grainger, vom Gesicht her an Julianne Moore erinnernd, spielt dabei ebenso engagiert wie Thomas Turgoose und so tragen die beiden Jungdarsteller den Film in beträchtlichem Maße. Einzig der spezielle Slang machte es schwierig, die Dialoge beim ersten Sehen in ihrer Gänze zu verstehen.
Der Rest ist Indie-Kamera (die Passagen in Detailaufnahme sind ebenso intensiv wie schön) und Indie-Popballaden von Noah and the Whale.
Das Publikum in Frankfurt war wohl teilweise nicht so begeistert (wenn schon weg nicken, dann doch bitte ohne Schnarchen!). Ein niederschmetterndes Ende reicht anscheinend doch nicht aus, um den Mangel an Nihilismus und Gedärmen der vorangegangenen Minuten zu entschuldigen...
The Scouting Book for Boys ist ein wenig vergleichbar mit zwei anderen Filmen von der Insel: The War Zone von Tim Roth (ohne dessen durchgehende Düsternis zu teilen) und Ratcatcher von Lynne Ramsay (sehr empfehlenswerter Film mit grandiosen Bildern!).
Geschmackssache, sicher. Wie so vieles.
Aber einen Blick wert.
Bis jetzt hat sich wohl noch kein deutscher Verleih gefunden.
The Scouting Book for Boys
R: Tom Harper
D: Steven Mackintosh, Susan Lynch, Thomas Turgoose, Rafe Spall, Holliday Grainger
Großbritannien, 2009, 93 min.
Pathé International








