
Nach der Berlinale und dem
goEast in Deutschland, nach Cannes und viele anderen Festivals rund um die Erdkugel, darf dank dem Berliner Verleih
Arsenal e.V. Radu Judes Film auch auf die Leinwände der deutschen Programmkinos kommen. So sehr es (nach der Sichtung) überraschen mag, ist
The Happiest Girl in the World (Cea mai fericită fată din lume) Radu Judes erster Langfilm. Die bisherige Erfahrung des rumänischen Regisseurs besteht aus mehreren Kurzfilmen, aus der Regieassistenz bei
Der Tod des Herrn Lăzărescu (unter der Regie von
Cristi Puiu) und aus seiner Arbeit in der Werbebranche, in welcher er über hundert Produktionen nachweisen kann. Mit seinem Film beweist nun der Regisseur, dass er im Laufe seiner Karriere nur das Beste mitgenommen hat.
The Happiest Girl in the World ist, so täuschend der Titel sein mag, keine Teenager-Liebesgeschichte, auch kein Feelgood-Film, sondern eine bitterernste Tragikomödie. Im Mittelpunkt steht Delia Frățilă (
Andreea Boșneag), das glücklichste Mädchen der Welt. Sie hat Orangensaft getrunken, die Etiketten eingeschickt und ein Auto gewonnen. Nun soll sie dies in einem Werbespot des Saftherstellers mit aller Freude erzählen. Und möglichst viel Saft dazu trinken. Lächelnd. Für den Dreh und die Entgegennahme des Preises ist sie zusammen mit ihren Eltern (
Vasile Muraru und
Violeta Haret) in die Hauptstadt gereist. Nur diese haben schon längst eine Pyramide von Plänen um das aus dem Verkauf des Preises erlangte Geld errichtet. Das glücklichste Mädchen der Welt wird also alles andere als seinen Gewinn einfach ausgehändigt bekommen.
Drehbuch, Kamera und Schauspieler, alle als ausgezeichnet einzustufen, machen den Film aus. Denn sonst ist er nur das Making of des erwähnten Werbespots anzusehen. Doch dieses Making of entpuppt sich als so natürlich gestaltet, geschrieben, gespielt und verfilmt, dass er dem Zuschauer keine andere Wahl lässt, als Teil eines sich hautnah abspielenden Ereignisses zu werden, so einfach und schlicht wie 2004
Der Tod des Herrn Lăzărescu. Mit sehr feinem Gespür für die Nähe zur Realität geht
Jude in der Konstruktion der Konflikte Delias vor. Die Schilderung ihres Konflikts mit den Eltern, mit all den sich entwickelnden Wendungen, fesselt einfach den Zuschauer an das Geschehen. Die vielleicht von jedem schon erlebten Methoden der Eltern zur Erpressung der Kinder weist im Film ein beeindruckendes Repertoire an Absurditäten auf, von der Nutzung der elterlichen Fürsorge als bare Münze im Handeln um das Auto bis hin zur Einprägung der Idee, dass Eltern einfach Recht haben, weil sie Recht haben. Und wenn die Drehpausen vorbei sind und Delia nicht mehr ihren Preis gegen das ultrakapitalistische Vorhaben ihrer Eltern verteidigen muss, sorgt das Filmteam des Werbespots dafür, dass sie fast ununterbrochen gedemütigt wird. Mal sind es ihre Dorftrottel-Sandalen, mal ihre Kleidung, mal ihre Unsicherheiten beim Schauspielern, mal ihr Schnurbart... und doch hält sie Stand gegen die oft ungewollt bösen Bemerkungen der Teammitglieder.
Es liegt an den Demütigungen, denen Delia ausgesetzt wird, dass der Humor des Films so gut funktioniert. Sowohl die Witze des Films, als auch die Geschichte bieten nichts originelles, und doch wird der Zuschauer schnell zum Komplizen der Protagonistin, zunächst etwas, was man selber schon in den Schuljahren erlebt hat, beschmunzelnd, um irgendwann, wenn die in der Familie stattfindende Komik von den Situationen mit dem Filmteam komplementiert wird, herzlich zu lachen.
Ebenso zutreffend und diskret wie der Humor und die Dialoge werden auch die Charaktere konstruiert und gespielt. Keiner von ihnen bekommt unnötige Züge oder Zeilen, jeder wirkt wie ein natürlicher Teil des Geschehens und weist eigene Ambivalenzen auf. Nicht wenig ist dies dem Verdienst der Schauspieler hinter den Charakteren zuzuschreiben.
Andreea Boșneag wirkt in ihrer ersten Rolle so natürlich, dass sich niemand vorstellen kann, dass sie eine Laiendarstellerin ist, die kurz vor dem Dreh in einer zehnten Klasse irgendwo in der rumänischen Provinz saß.
The Happiest Girl in the World wird auch für
Vasile Muraru zur Gelegenheit, seine Klasse als Schauspieler noch einmal zu beweisen und sich damit einige Türen aus der Welt der komödiantischen Fernsehbühnen heraus zu öffnen.
The Happiest Girl in the World ist ein Film, der
Radu Judes Affinität für das Alltägliche, für die einfachen Menschen beweist, der ihn an die Seite von
Cristian Mungiu, von
Corneliu Porumboiu, aber vor allem von
Cristi Puiu als Teil der Neuen Rumänischen Welle und Kind des italienischen Neorealismus situiert. Denn ebenso konsequent wie der Neorealismus und wie die Filme von
Puiu und
Mungiu interessiert sich auch
Radu Judes Film vor allem für die Ausbeutung der Menschen durch Menschen, für das Animalische, dass die Gesellschaft in den Menschen hervorbringt. Jeder der Charaktere wird zum Beispiel für die Reduktion des Menschen auf ein ausschließlich an die eigene Selbstverwirklichung denkendes, wenn auch gutgesinntes, dennoch die um sich herum verletzendes Wesen, sei er Teil der Großstadtdynamik oder ein sich als weise ausgebender Provinzieller. Alleine gegenüber dieser Welt der Erwachsenen, noch nicht die Lektionen des Lebens im Pragmatismus erlernt und gerade deswegen von allen um sich herum verletzt, an ihrem wohlverdienten Preis hängend und idyllische Träume damit verbindend, steht das glücklichste Mädchen der Welt.
The Happiest Girl in the World / Cea mai fericită fată din lume
R: Radu Jude
D: Andreea Boșneag, Vasile Muraru, Violeta Haret
Rumänien,Niederlande, 2009, 100 Min.
Arsenal e.V.

Nach der Berlinale und dem
goEast in Deutschland, nach Cannes und viele anderen Festivals rund um die Erdkugel, darf dank dem Berliner Verleih
Arsenal e.V. Radu Judes Film auch auf die Leinwände der deutschen Programmkinos kommen. So sehr es (nach der Sichtung) überraschen mag, ist
The Happiest Girl in the World (Cea mai fericită fată din lume) Radu Judes erster Langfilm. Die bisherige Erfahrung des rumänischen Regisseurs besteht aus mehreren Kurzfilmen, aus der Regieassistenz bei
Der Tod des Herrn Lăzărescu (unter der Regie von
Cristi Puiu) und aus seiner Arbeit in der Werbebranche, in welcher er über hundert Produktionen nachweisen kann. Mit seinem Film beweist nun der Regisseur, dass er im Laufe seiner Karriere nur das Beste mitgenommen hat.
The Happiest Girl in the World ist, so täuschend der Titel sein mag, keine Teenager-Liebesgeschichte, auch kein Feelgood-Film, sondern eine bitterernste Tragikomödie. Im Mittelpunkt steht Delia Frățilă (
Andreea Boșneag), das glücklichste Mädchen der Welt. Sie hat Orangensaft getrunken, die Etiketten eingeschickt und ein Auto gewonnen. Nun soll sie dies in einem Werbespot des Saftherstellers mit aller Freude erzählen. Und möglichst viel Saft dazu trinken. Lächelnd. Für den Dreh und die Entgegennahme des Preises ist sie zusammen mit ihren Eltern (
Vasile Muraru und
Violeta Haret) in die Hauptstadt gereist. Nur diese haben schon längst eine Pyramide von Plänen um das aus dem Verkauf des Preises erlangte Geld errichtet. Das glücklichste Mädchen der Welt wird also alles andere als seinen Gewinn einfach ausgehändigt bekommen.
Drehbuch, Kamera und Schauspieler, alle als ausgezeichnet einzustufen, machen den Film aus. Denn sonst ist er nur das Making of des erwähnten Werbespots anzusehen. Doch dieses Making of entpuppt sich als so natürlich gestaltet, geschrieben, gespielt und verfilmt, dass er dem Zuschauer keine andere Wahl lässt, als Teil eines sich hautnah abspielenden Ereignisses zu werden, so einfach und schlicht wie 2004
Der Tod des Herrn Lăzărescu. Mit sehr feinem Gespür für die Nähe zur Realität geht
Jude in der Konstruktion der Konflikte Delias vor. Die Schilderung ihres Konflikts mit den Eltern, mit all den sich entwickelnden Wendungen, fesselt einfach den Zuschauer an das Geschehen. Die vielleicht von jedem schon erlebten Methoden der Eltern zur Erpressung der Kinder weist im Film ein beeindruckendes Repertoire an Absurditäten auf, von der Nutzung der elterlichen Fürsorge als bare Münze im Handeln um das Auto bis hin zur Einprägung der Idee, dass Eltern einfach Recht haben, weil sie Recht haben. Und wenn die Drehpausen vorbei sind und Delia nicht mehr ihren Preis gegen das ultrakapitalistische Vorhaben ihrer Eltern verteidigen muss, sorgt das Filmteam des Werbespots dafür, dass sie fast ununterbrochen gedemütigt wird. Mal sind es ihre Dorftrottel-Sandalen, mal ihre Kleidung, mal ihre Unsicherheiten beim Schauspielern, mal ihr Schnurbart... und doch hält sie Stand gegen die oft ungewollt bösen Bemerkungen der Teammitglieder.
Es liegt an den Demütigungen, denen Delia ausgesetzt wird, dass der Humor des Films so gut funktioniert. Sowohl die Witze des Films, als auch die Geschichte bieten nichts originelles, und doch wird der Zuschauer schnell zum Komplizen der Protagonistin, zunächst etwas, was man selber schon in den Schuljahren erlebt hat, beschmunzelnd, um irgendwann, wenn die in der Familie stattfindende Komik von den Situationen mit dem Filmteam komplementiert wird, herzlich zu lachen.
Ebenso zutreffend und diskret wie der Humor und die Dialoge werden auch die Charaktere konstruiert und gespielt. Keiner von ihnen bekommt unnötige Züge oder Zeilen, jeder wirkt wie ein natürlicher Teil des Geschehens und weist eigene Ambivalenzen auf. Nicht wenig ist dies dem Verdienst der Schauspieler hinter den Charakteren zuzuschreiben.
Andreea Boșneag wirkt in ihrer ersten Rolle so natürlich, dass sich niemand vorstellen kann, dass sie eine Laiendarstellerin ist, die kurz vor dem Dreh in einer zehnten Klasse irgendwo in der rumänischen Provinz saß.
The Happiest Girl in the World wird auch für
Vasile Muraru zur Gelegenheit, seine Klasse als Schauspieler noch einmal zu beweisen und sich damit einige Türen aus der Welt der komödiantischen Fernsehbühnen heraus zu öffnen.
The Happiest Girl in the World ist ein Film, der
Radu Judes Affinität für das Alltägliche, für die einfachen Menschen beweist, der ihn an die Seite von
Cristian Mungiu, von
Corneliu Porumboiu, aber vor allem von
Cristi Puiu als Teil der Neuen Rumänischen Welle und Kind des italienischen Neorealismus situiert. Denn ebenso konsequent wie der Neorealismus und wie die Filme von
Puiu und
Mungiu interessiert sich auch
Radu Judes Film vor allem für die Ausbeutung der Menschen durch Menschen, für das Animalische, dass die Gesellschaft in den Menschen hervorbringt. Jeder der Charaktere wird zum Beispiel für die Reduktion des Menschen auf ein ausschließlich an die eigene Selbstverwirklichung denkendes, wenn auch gutgesinntes, dennoch die um sich herum verletzendes Wesen, sei er Teil der Großstadtdynamik oder ein sich als weise ausgebender Provinzieller. Alleine gegenüber dieser Welt der Erwachsenen, noch nicht die Lektionen des Lebens im Pragmatismus erlernt und gerade deswegen von allen um sich herum verletzt, an ihrem wohlverdienten Preis hängend und idyllische Träume damit verbindend, steht das glücklichste Mädchen der Welt.
The Happiest Girl in the World / Cea mai fericită fată din lume
R: Radu Jude
D: Andreea Boșneag, Vasile Muraru, Violeta Haret
Rumänien,Niederlande, 2009, 100 Min.
Arsenal e.V.
The Happiest Girl in the World / Cea mai fericită fată din lume