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Until The Light Takes Us

von Dennis Vetter, am 13.8.10



Wer bin ich? Die Frage nach Identität stellt die Bevölkerung einer globalisierten, mediendominierten Welt vor immer größere Herausforderungen, sehen sich die Menschen doch mit einem ständig zunehmenden Bombardement von Bedeutungsebenen und dem Verschwinden verlässlicher Orientierungspunkte konfrontiert. Um sich zu dieser immer komplexeren Welt in Beziehung setzen zu können, schaffen sich viele Individuen vereinfachende Hilfskonstruktionen. Insbesondere trifft dies auf Jugendliche und adoleszente Teile der Bevölkerung zu. Eine dieser Hilfskonstruktionen sind zweifellos die heute nach wie vor populären und in verschiedenen Generationen immer wieder neu und variierend auftretenden Subkulturen bzw Fankulturen. Fast wie im Kontext einer religiösen Gemeinschaft bieten sie ihren Anhängern klar strukturierte Lebensentwürfe sowie ästhetische und habituelle Codes an. Nachdem sie in der Regel Ursprünge in politischen oder künstlerischen, insbesondere musikalischen Konzepten finden, hat sich die Dauer, bis ihre Versatzstücke in Werbeclips oder Kleidergeschäften zu finden sind jedoch mittlerweile radikal verkürzt.

Aufgrund ihrer ständigen Aktualisierung, Transformation und Positionierung im wachsenden Geflecht des kulturellen Mainstreams sind Subkulturen heute noch immer ein überaus relevantes Thema. Eines der provokantesten subkulturellen Phänomene, das ganz besonders stark mit Vorurteilen behaftet ist, ist zweifelsohne der Black Metal. Seit seiner Entstehung in Norwegen Anfang der 90er Jahre waren es vor allem gewalttätige Ausschreitungen, Rechtsradikalismus und Satanismus, die in Zusammenhang mit der Fangemeinde und ihren musikalischen Vorbildern gesetzt wurden. So konnte sich die Black Metal Szene recht erfolgreich einer breit angelegten Popularisierung entziehen und besteht noch immer als schief bzw. spöttisch beäugte Randerscheinung der Gesellschaft. Durch die Ausgrenzung des Phänomens aus dem öffentlichen Interesse festigten sich bestehende Vorurteile allerdings recht drastisch und sind nun praktisch alles, was die Wahrnehmung von Black Metal kennzeichnet.



Für ihre Dokumentation Until The Light Takes Us recherchierten Aaron Aites und Audrey Ewell jahrelang und unternahmen den längst überfälligen Versuch, die Entwicklung dieses besonders stark stigmatisierten Musikgenres sowie dessen Anhängerschaft möglichst wertungsfrei nachzuzeichnen. Während zahlreiche Archivbilder und Musikauszüge den Zeitkontext der Ursprungsbewegung vermitteln, funktioniert Until The Light Takes Us vor allem durch seine authentischen Interviews mit einigen der zentralen Akteure des Genres. Gylve „Fenriz“ Nagell, Kopf der Band Darkthrone und Mitbegründer des Musikstils, sowie der verurteilte Mörder Varg „Count Grishnackh“ Vikernes, der unter anderem durch Burzum eine wegbereitende Funktion hatte, stehen im Zentrum des Films und schildern die Geschichte des Black Metal anhand ihrer persönlichen Lebenswege. Was dabei zu Tage tritt, ist teils sehr verstörend, teils beängstigend plausibel. Insbesondere Varg Vikernes überrascht als sehr geistreicher, charismatischer Redner, der die Ereignisse und die Stimmung im Norwegen der 90er Jahre sehr glaubhaft Revue passieren lässt und so sehr viel Licht ins Dunkel der Szene bringt. Neben den Akteuren selbst kommt ergänzend vor allem der Künstler Bjarne Melgaard zur Sprache, der sich über längere Zeit hinweg mit der visuellen Ästhetik bzw. dem Performance-Charakter des Black Metal beschäftigte und seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Bewegung in multimedialen Ausstellungen präsentierte.

Dem Film gelingt es sehr gekonnt, alle relevanten Aspekte des Black Metal zu einem verständlichen Gesamtbild zusammenzufassen. Hierbei nutzt er so wohl inhaltliche als auch inszenatorische Strategien, um nicht nur alle wesentlichen Fakten aufzulisten, sondern auch den Zuschauer in verschiedene Rezeptionssituationen zu versetzen. Die Interviews des Films vermitteln, wie menschliche, religiöse, politische und musikalische Motive von Musikern und deren Fans immer wieder miteinander kollidierten, was letztlich zu einer extrem aufreibenden Situation für einige Beteiligte wurde und neben Kirchenbränden in einem brutalen Mord gipfelte. Als gelungene Erweiterung hierzu fungieren die Zwischenpassagen des Films – etwa musikalisch begleitete Fotostrecken, eindrucksvolle Schlüsselbilder oder alltägliche Momente der Protagonisten – die Zeit geben und erzwingen, beschriebene Vorfälle zu reflektieren und so eine sehr bedrückende Wirkung entfalten. Aites und Ewell machen inhaltlich verständlich und ästhetisch erfahrbar, was Menschen wie Varg Vikernes, den ermordeten Øystein Aarseth oder Gylve Nagell in einem spezifischen Kontext dazu antrieb und zum Teil bis heute antreibt, sich den bittersten Seiten ihres Wesens zuzuwenden und darin völlig aufzugehen. Mit ihrer Dokumentation liefern sie – soweit es über die Statements der Akteure möglich ist – authentische Einblicke. Einblicke, die letztlich vor allem dazu dienen können und sollten, sich von der Frage abzuwenden, wie Black Metal im Nachhinein zu werten ist, sondern sich mit der wesentlicheren Frage zu beschäftigen: Wieviel musste in unserer modernen Gesellschaft zunächst falsch laufen, um ein derartiges Phänomen überhaupt erst zu provozieren?


Until The Light Takes Us
R: Aaron Aites, Audrey Ewell
Mitwirkende: Gylve „Fenriz“ Nagell, Varg „Count Grishnackh“ Vikernes, Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg, Kjetil „Frost“ Haraldstad, Olve „Abbath“ Eikemo, Harald „Demonaz“ Næ, Harmony Korine, Bjarne Melgaard, Kristoffer “Garm” Rygg, Bård “Faust” Eithuns
USA 2009, 93 Min.
Copyright: Rapid Eye Movies (Al!ve)
Kinostart: 12.08.2010


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