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Zwischen uns das Paradies / Na putu

von Ciprian David, am 28.8.10



Nach Esmas Geheimnis bleibt Regisseurin Jasmila Zbanic einem nationalen Thema treu, dem Umgang mit dem Krieg. Lediglich die Perspektive ist in ihrem neuen Film eine andere: für die Protagonisten aus Zwischen uns das Paradies ist der Krieg ein Teil der Vergangenheit, und zunächst ebenfalls die damit verbundenen Schmerzen und Traumata.

Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, und mit ihr Luna (Zrinka Cvitesic) und Amar (Leon Lucev). Sie arbeitet als Stewardess, er als Angestellter im Kontrollturm eines Flughafens, ein Team im Berufs- und im Privatleben. Gemeinsam verkörpern sie die Dynamik der modernen Welt, weg vom statischen, lokalen Zuhause und mitten in das Here and Now der globalisierten Weltkugel. Die Emanzipation von der Vergangenheit ist gelungen: der erfolgreiche Mix von Karriere und Liebe blickt nie über die Schulter, den beiden gehört die Zukunft.

Das Glück wird aber nicht lange halten. Amar wird von dem Kriegsveteran in ihm immer mehr eingeholt, und dieser verlangt nach Alkohol um die inneren Unruhen zu betäuben. Schnell gerät die Sucht außer Kontrolle und Amar wird aus seinem Kontrollturm verbannt. Somit ist das Gleichgewicht zerstört, die Funktionalität des Paares teilweise außer Kraft gesetzt. Von nun an werden Probleme aufgetischt: Mit der Arbeit verliert Amar seinen Rhythmus und seinen Blick in die Zukunft, die auch wenn nur illusorisch, als Puffer zwischen ihm und der Vergangenheit standen.

Darüber hinaus hat das Paar durch seinen Alkoholkonsum ernste Probleme, wenn es um Kinderkriegen geht. Und die eskapistischen Ausflüge mit dem Freundeskreis helfen auch nicht. Der Verlust eines Ziels für die Zukunft trifft das junge Paar in dem Kern seiner Identität.

Hier kommt Bahrija (Ermin Bravo) ins Spiel. Durch einen Autozusammenprall landet er wie ein Dorn im Leben des jungen Paares und beraubt Luna ihres Mannes. Bahrija, ein orthodoxer Muslim, bringt durch seinen Glauben die Möglichkeit einer Brücke zur Vergangenheitsbewältigung in Amars Leben. Und dieser stürzt sich blindlings auf die Gelegenheit. Durch die Trennung des Alltags nach Geschlecht befindet er sich wieder in seiner Kindheit, in den Kriegszeiten, in einer Gruppe von Männern, die ihn Geborgenheit anbieten, ihn aufnehmen und akzeptieren. Nach einem Monat ist er ein vollkommen anderer Mensch, der im ursprünglichen Setting des Films keinen Platz mehr finden kann. Religion wird die wichtigste Komponente in seinem Leben, und überrollt in ihrem Siegeszug nicht nur alle anderen ideologischen Begriffe, die einst Amar als Mann ausmachten, sondern auch das Gesetz und greift auch Lunas Persönlichkeit an.

Aus Lunas Perspektive wird die Wandlung ihres Partners erzählt. Die immer fester werdende Mauer zwischen den beiden wird somit mit Geschick zum dramaturgischen Motor gemacht, die Hindernisse bei Lunas wiederholten Versuchen, zu Amar zu finden und ihn aus seiner neuen, fremden Welt zurückzuholen, werden Schritt für Schritt intensiver und fangen die sich bisher als freier, leichter Geist bewegenden Protagonistin immer mehr in einer ungeheuren Welt ein. Über den Schmerz, den sie durch Amar erlebt findet sie auch zurück in die verdrängte Vergangenheit, und konfrontiert diese. Und spätestens an dieser Konfrontation werden Luna und Amar erneut anhand ihrer Methoden der Selbstheilung einander gegenüber gestellt, wird die Entität, die sie einmal waren, für gesprengt erklärt.


Mit Zwischen uns das Paradies befestigt Jasmila Zbanic ihre Position als große Regisseurin mit feinem Gespür für Inszenierung und für Details. Mithilfe von ausgezeichneten Schauspielern demonstriert sie, wie das Innenleben ihrer Protagonisten visuell umzusetzen sei. Nicht wenige Szenen zeigen wie der Blick des Zuschauers von dem von der Kamera aufgefangenem Menschen und dessen Umgebung auf eine Introspektion der gezeigten Person geführt werden kann.

Leider spielt in ihrem Film Religion, auch wenn nicht als wesentliches Konstrukt gedacht, eine zu große Rolle. Durch seine Struktur, die die moderne Welt der Exposition der streng islamischen gegenüberstellt, durch die extensive Darstellung dieser orthodoxen Welt, aber auch durch die vergleichende Vorstellung der zwei Welten als Methoden des Umgangs mit der Vergangenheit, bietet sich der Film als soziokultureller Diskurs an. Doch von diesem Anspruch lässt Jasmila Zbanic ab, und verwandelt somit die Religion vom Kernthema zu einem austauschbaren Mittel zum Zweck: Der Fokus auf dem dramaturgischen Aspekt findet zwar seine Berechtigung in der an Luna angelehnten erzählerischen Instanz, bringt aber eine Vereinfachung der Ideen mit sich, die den Film, nach seiner ersten Hälfte zu urteilen, zu einem hervorragendem Essay gemacht hätten. Die einseitigen Blicke auf die orthodoxe muslimische Gesellschaft zeigen diese nicht als mythische Größe, die sich dem modernen Fluss des Lebens der Protagonisten entgegensetzt und an die Wurzeln einer Kultur greift, um von dort aus ein festes emotionales Refugium anzubieten, sondern lediglich als ritualisiertes sektistisches und absurdes Getue. Es ist nicht zu übersehen, wie ein ideologischer Konflikt weggefegt wird, um Platz für einen viel kleineren zu schaffen, für den inneren Konflikt einer Frau, die ihren Mann bis an die Grenzen ihres Verstandes folgt, bevor sie sich von ihm loslösen kann.

Gepaart mit den der Dramaturgie-Erzeugung untergeordneten und nur grob skizzierten Dialogen vis-à-vis von religiösen Überzeugungen schwächen diese Aspekte auch Amars Charakter und den Konflikt des Paares in einem Maß, der den Film durch seine parteiische Haltung einer nötigen Offenheit beraubt und als Kompromiss zwischen Kunst und Marktwirtschaft erscheinen lässt.



Zwischen uns das Paradies / Na putu
R: Jasmila Zbanic
D: Zrinka Cvitesic, Len Lucev, Ermin Barvo
Bosnien-Herzegovina, Deutschland, Österreich, 2010, 100 Min.
Neue Visionen
Kinostart: 02.09.2010
Veröffentlichung: 13. Mai 2011
Bildformat: 16:9 - 2.35:1
Sprache: DD 5.1 / DD 2.0 Deutsch, Bosnisch
Untertitel: Deutsch
FSK: 6


 

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