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The American: Kamera - Blick - Waffe

von Ciprian David, am 14.9.10


Mit einem ausgefeilten Plakatdesign stellt sich The American vor, eine Hommage an den Agentenfilm der 60er und 70er unter einem ikonischen Titel. „George Clooney in The American“ steht auf dem Plakat, ganz im Stil der goldenen Zeit der Stars des Classical Hollywoods. Die Augen einer Frau konfrontieren den Zuschauer vom Hintergrund aus, während besagter Protagonist ganz dezidiert sein vermeintliches Ziel verfolgt.

Hinter dem Film steht Anton Corbijn, mittlerweile ebenso als Regisseur wie als Fotograf bekannt. Doch das statische Bild war zunächst 35 Jahre lang sein Beruf: Sein Umgang mit Kamerabewegungen trifft dementsprechend auf alle damit verbundenen Erwartungen, aber nur um die dahinter liegenden Vorurteile zu zerstreuen. The American ist in dieser Hinsicht ein durch und durch anachronistischer Film. In Zeiten, in welchen Filmkameras ihre Dynamik sogar aus dem fiktiven Register der digitalen Möglichkeiten schöpfen, lässt Corbijn seine immer auf den ausgesuchten Einstellungen ruhen. Sie ist ein Fixpunkt, den Bildkader aus der Wirklichkeit heraus sondernd, um ihn zu einem festen Teil einer filmischen Welt zu machen. Immer statisch, immer da, und dadurch ewig, tragen die Aufnahmen im Kontext von The American dazu bei, dass das Geschehen im Bild wirklich zum Geschehen wird. Ob es sich um ein Auto handelt, das auf einer Landstraße fährt, oder um einen Mann, der eine Treppe erklimmt, jede Bilderfolge wird zu einer philosophischen Frage über die Beziehung der Bildelemente und über ihre Existenz. Die Dinge werden verewigt, das Leben als flüchtig erklärt.

Das Leben ist in erster Linie von niemand anderem als George Clooney vertreten. Zwischen Danny Ocean (Die Ocean Trilogie) und Ryan Bingham (Up in the Air) wurde Clooney zu einer der wichtigsten Hollywood-Ikonen derzeit, zum Symbol des unerschütterlichen Amerikaners, mit leuchtenden Augen und unwiderstehlichem Charme. So war es vermutlich für das Publikum keine überraschende Aufgabe, George Clooney und einen Film namens The American in Verbindung zu bringen. Doch nicht nur Anton Corbijns Name als Regisseur sprengt diese vermutete Verbindung, sondern überhaupt alles, was George Clooney im Film leistet und auf der selbstreflexiven Ebene des Wechselspiels zwischen seinem Charakter Jack und seiner davor gefestigten Identität als Filmstar eingebunden ist. Genau dieser Aspekt macht den Anfang des Films aus: George Clooney, der Star, erscheint als erstes Bild des Films. An seiner Schulter ein Frauengesicht. Die Einstellung nach dem ersten Schnitt bietet durch die verschobene Kameraperspektive ein Surrogat von Establishing-Shots: Der Charmeur sitzt auf dem Boden, am Bett angelehnt, die Frau liegt nackt im Bett: Eine Affäre mit Stil, in einer Hütte irgendwo in den Bergen, wie maßgeschneidert für einen typischen Clooney-Charakter. In weniger als drei Minuten ist die Frau tot, Jack verliert sein Image als Gentleman und übernimmt die Rolle eines anonymen Auftragskillers. Auf einer Nahaufnahme Jacks während einer Tunnelfahrt werden gleich danach die Eröffnungscredits eingeblendet – die letzte Einstellung im gesamten Film bis zum Schluss, in welcher Jack, George Clooney, und der Mensch allgemein, den unbewegten, stetigen Gegenstand in der Bildkomposition abgibt. Eine weiße Blende löst alles auf und lädt in Anton Corbijns The American ein.

Der Film erzählt eine sehr einfache Geschichte: Ein Killer bekommt einen letzten Auftrag. Er soll eine Waffe für einen anderen Killer herstellen. Und genau dies wird über mehrere episodische Stationen passieren. Doch eine über dem Geschehen schwebende Todesgefahr für den Protagonisten verleiht dem Film eine fast ununterbrochen spürbare Spannung. Nicht wenig spielt die schauspielerische Leistung George Clooneys dabei eine Rolle. Wie der Kamerablick eine bedeutende Rolle in der Konstruktion des Films spielt, verhält es sich mit dem Blick von Jack. Über kleine Gesten und minimale Bewegungen, aber auch durch eine sehr effektive Reduktion der Dialoge, verändert sich in The American die Bedeutung der funkelnden, smarten und charismatischen Augen des Schauspielers: Sie werden zum Werkzeug eines Berufs, alle Orte vor dem Betreten nach möglichen gefahrsignalisierenden Details durchstreifend. Immer systematisch, immer gleich konzentriert, erfüllt Jack Stück für Stück seinen letzten Auftrag. Selbst die bösen Überraschungen werden ebenso routiniert beseitigt.

Nach derselben Methode wie in Jim Jarmuschs The Limits of Control wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers über die Routine der Handlung und den undurchsichtigen Hauptcharakter auf die kleinen Unterschiede zwischen den Episoden gelenkt, auf die getroffenen Charaktere, und damit auch die Reflexion des Genrefilms auf der diegetischen Ebene transportiert. Bloß das Barocke und Schrille an den Details in Jarmuschs Film wird hier ebenso minimiert wie Jacks Bewegungen, wie die Welt um ihn herum. Und während die Handlungen Jacks meist sein Können als professioneller Killer beschreiben, wird es den anderen Charakteren überlassen, ihn dem Publikum näher zu bringen.

Jacks letzter Auftrag erfolgt, und das, daraus bezieht der Film seine Kraft, in einer auf das Nötigste reduzierten und, vor allem, archetypisierten Welt, in welche er sich immer mehr einfügt. Zurückgezogen in einer kleinen, isolierten Stadt in den Gebirgen Italiens, entzieht er sich zunächst der Kommunikation. Sein Mobiltelefon ersetzt er durch eine Telefonzelle. Zwischen Auftraggeber (Johan Leysen) und Kunde (Thekla Reuten), zwischen Anfang und Ende des Films, vollzieht sich der funktionale Weg des anonymen Jack, des Amerikaners, des Mr. Butterfly zur Schlusskonfrontation. Doch, wie in The Limits of Control, wird dieser Weg für ihn, und gleichzeitig Jack für den Zuschauer, nach und nach in den Vordergrund des zu erfüllenden Auftrags treten.

Die Urteile über Jacks Charakter werden von einem Pfarrer gefällt (Paolo Bonacelli). Vom ersten Treffen der beiden an wird in sehr schlichten Dialogen zwischen ihnen Jacks Charakter enthüllt. Ein Bild von einem Mann der Funktionalität, der Täuschungen entsteht so hinter der Oberfläche des Amerikaners; ein Mann, der angibt, sich mit Maschinen nicht auszukennen, während diese der einzige Bereich seines Lebens sind, in welchem er funktioniert. Mehr noch, aufgrund seiner Erfahrungen sucht Jack immer die ihm für seine Zwecke am funktionalsten erscheinenden Menschen. Nicht ohne Ironie wird seine Identität sogar vom Radio kommentiert, durch Renato Carosones Lied Tu Vuò Fa' L'Americano, und seine Zukunft durch einen Filmausschnitt (Spiel mir das Lied vom Tod) vom Fernseher vorausgesagt.

Mit demselben Anspruch auf Funktionalität tritt er einmal mehr, über die Prostituierte Clara (Violante Placido), in die Welt der Gefühle ein, und findet sich genötigt, sein Leben neudenken zu müssen. Und wieder einmal muss auf die Brillanz der Dialoge aufmerksam gemacht werden, die es schaffen, in einigen Satzfragmenten, gefallen beim Antreffen eines Blumenverkäufers, zwei Menschen unabhängig voneinander und als Paar zu charakterisieren.

Alles, was man braucht, um einen Film zu machen, ist ein Mädchen und eine Pistole. Genau die Funktionalität der Verbindung zwischen Film, Mädchen und Pistole untersucht Corbijn an Clooneys Charakter in The American.



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The American
R: Anton Corbijn
D: George Clooney, Thekla Reuten, Violante Placido
USA, 2010, 105 Min.
Copyright: Tobis
Kinostart: 16. September 2010


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