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Handys und Smartphones durchdringen unseren Alltag wie nie zuvor – sie sind allgegenwärtig geworden. Gerade in den letzten zehn Jahren wurden aus tragbaren Telefonen für den Außeneinsatz mobile Tausendsassa mit denen man Mails empfangen, Musik hören und zahllose Applikationen nutzen kann. Das Handy ist endgültig zum mobilen Medium geworden. Clara Völker begibt sich in ihrer Studie Mobile Medien auf Spurensuche nach den Ursprüngen desselben. Diese sind allerdings nicht nur auf technologischem Terrain zu finden, sonder vor allen Dingen auch in der Philosophie.
Völker stellt sich gegen die kulturellen Abwehrreflexe, die mit dem Auftreten neuer Kommunikationsmittel einhergehen. Durch die ständige Benutzung des mobilen Mediums wird die Virtualiät dessen zur alltäglich erfahrbaren Realität – das Mobiltelefon unterläuft scharfe Grenzziehungen wie virtuell – real. Um diese These zu untermauern unternimmt Völker einen Parforceritt durch die Geschichte der Virtualität. Beginnend mit Aristoteles, der das Sein in Akt und Potenz teilte, über Spinoza bis Gilles Deleuze, für den Realität und Virtualiät keine Dichotomie mehr war. Die Verknüpfung der Philosophie mit der Technologie gelingt Völker problemlos. Anstatt technische und philosophische Neuerungen getrennt voneinander zu behandeln, werden diese miteinander verwoben. Die jeweiligen Theorien des Virtuellen stehen immer im Kontext der zum Entstehungszeitpunkt vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten. Dabei bedingen technische Neuerungen nicht nur das Denken, sondern auch der Umkehrschluss stellt sich als richtig heraus: Erst durch neue Theorie im Denken sind Erfindungen wie das Mobiltelefon erst möglich. Denn es sind nicht, wie sooft angenommen, einzelne, geniale Geister, die die kommunikationstechnologische Revolution einleiten, sondern viel mehr eine Gesellschaft, der die Philosophie den Boden bereitet hat.
Völker widmet sich ausführlich den Unterschieden zwischen Mobiltelefon, also inzwischen mobilem Medium, und den übrigen Medien. Im Gegensatz zum stationären Telefon hat das Handy viele Väter. Auf technologischer Seite ähnelt es eher einem Zwei-Wege-Radio, denn einem Telefon. Ein Handy vereint Schreibmaschine, Notizzettel, MP3-Player, Adressbuch und Uhr und stützt sich somit auf mehrere Technologien. Gerade dieser Vielfalt ist der Erfolg im Alltag zu verdanken. Völker versucht allen Ursprungsfäden des Mobiltelefons nachzugehen und ordnet sie in ihren historischen Kontext ein.
Mobile Medien ist ein hochinteressanter und fundierter Einstieg in das Forschungsgebiet der Cell Phone Studies. Neben der exzellenten technologischen Recherche bietet das Buch einen tiefen Einblick in die Ideengeschichte der Virtualität. Diese ist nicht nur philosophisches Füllmaterial sondern einer der Hauptpfeiler des Buches. Philosophie und Technologie stehen im beständigen Austausch miteinander, auch wenn sie es nicht wissen. Clara Völkers Mobile Medien könnte diese Reflexion anstoßen.
Clara Völker
Mobile Medien.
Zur Genealogie des Mobilfunks und zur Ideengeschichte von Virtualität
transcript Verlag
378 S., 29,80 €
ISBN 978-3-8376-1372-8


