„Der Stil des Films ist der reine Kunstirrtum. (…) massive Angriffe gegen kleinbürgerliche Haltungen (…) in jeder Szene Angriffe gegen die DDR – wie sieht Iris Gusner eigentlich die DDR? (…) die Menschen alle in der Krise (…) das Arbeiterbild verzerrt. Iris Gusner hat der Arbeiterklasse ins Gesicht gespuckt!“
Es ist die Geschichte dreier Menschen, die durch ihre Beziehungen ein Portrait ihrer Gesellschaft wiedergeben. Linda (gespielt von
Heidemarie Wenzel,
Die Legende von Paul und Paula), eine selbstbewusste Frau, ist durch ihre Zuneigung für zwei Männer gespalten. Hans Böwe (
Günter Nauman), der ältere, ist ein selbstloser Bauarbeiter, der überall in der DDR herumgereist ist und, um den Preis seiner Familie, beim Errichten von Wohnungen mitgewirkt hat. Der junge Daniel (
Andreas Gripp) ist ein verträumter Student, dessen Gedanken der entfernten Zukunft gehören. Zusammen gehört das Dreieck aus räumlichen Gründen: Sie arbeiten alle auf derselben Baustelle.
Der Film beeindruckt durch seine Offenheit. Wie aus der Wirklichkeit gerissen wirken alle Szenen des Films, jede davon einen nicht gelösten Konflikt, eine offene These in sich bergend, die sich zunächst nicht zu einem dramaturgischen Faden aneinander reihen wollen. Erst als Gesamtwerk fügen sich die einzelnen Momente und Motive des Films zu einem beeindruckenden, offenen und durch die Grundstimmung der einzelnen Charaktere zustande gekommenen Bild zusammen. Eine Gesellschaft der Kontraste, der Ungereimtheiten umschlingt immer mehr die einzelnen, auf sich selber angewiesenen Charaktere. Ein Dasein als Individuum wird ihnen aberkannt, ebensowenig ist ihnen ein harmonisches Leben in Zweisamkeit gegönnt.
Nicht wegzudenken bei der Entstehung dieses außergewöhnlich nüchternen Werks ist das von
Iris Gusner und Regine Kühn geschriebene Drehbuch. Die Konstruktion der Szenen, zusammen mit den sehr präzise gestalteten Dialogen ist ohne Ausnahme gleichzeitig politisch, humorvoll und mitreißend. Oder die Leistung der Schauspieler, die ihren Charakteren starke, unvergessliche Konturen verleihen, aber sie immer mitten drin, als feste Bestandteile des Erzählten erscheinen lassen. Ebenso prägnant ist die sehr ausgefeilte Filmsprache, die nahtlos Poetisches und Realistisches verbindet - und zum kompakten, stimmungsvollen Filmerlebnis macht, „Die Taube“ mit einer selten übertroffenen Anzahl an sich im Gedächtnis des Zuschauers einprägenden Szenen bereichernd.
Die Taube auf dem Dach sollte
Iris Gusner Regiedebut werden, und das wurde der Film auch, aber zunächst nur für das Filmteam und für einige Funktionäre der SED. Trotz ausführlicher medialer Berichterstattung während des Drehs, wurde der Film knapp vor seiner Premiere 1973 verboten. Lediglich eine beschädigte Kopie des Films wurde 1990 vom Kameramann des Projekts,
Roland Gräf, wiedergefunden. Aus dem beschädigten Farbfilm wurde ein schwarzweißes Dup-Negativ, und der Film durfte fast 20 Jahre zu spät seine Premiere im Berliner Babylon feiern. Doch diese Version des Films ging auch verloren. Knapp 20 weitere Jahre später findet die
DEFA-Stiftung die Kopie wieder. Die technisch mögliche Rettung einer Farbkopie wird durch das Vorhandensein von lediglich der schwarzweiß-Kopie von 1990 unmöglich gemacht. Der Film wird jedoch digital ausgewertet und darf nun, 2010, aufgrund der abenteuerlichen Geschichte schwarzweiß und um einige Minuten kürzer, regulär in den deutschen Kinos mit einem manifesten FSK Kennzeichen „ohne Alterseinschränkung“ vorgeführt werden.
Die Taube auf dem Dach
R: Iris Gusner
D: Heidemarie Wenzel, Günter Naumann, Andreas Gripp
DDR, 1973, 82 Min.
Copyright: DEFA-Spektrum
„Der Stil des Films ist der reine Kunstirrtum. (…) massive Angriffe gegen kleinbürgerliche Haltungen (…) in jeder Szene Angriffe gegen die DDR – wie sieht Iris Gusner eigentlich die DDR? (…) die Menschen alle in der Krise (…) das Arbeiterbild verzerrt. Iris Gusner hat der Arbeiterklasse ins Gesicht gespuckt!“
Es ist die Geschichte dreier Menschen, die durch ihre Beziehungen ein Portrait ihrer Gesellschaft wiedergeben. Linda (gespielt von
Heidemarie Wenzel,
Die Legende von Paul und Paula), eine selbstbewusste Frau, ist durch ihre Zuneigung für zwei Männer gespalten. Hans Böwe (
Günter Nauman), der ältere, ist ein selbstloser Bauarbeiter, der überall in der DDR herumgereist ist und, um den Preis seiner Familie, beim Errichten von Wohnungen mitgewirkt hat. Der junge Daniel (
Andreas Gripp) ist ein verträumter Student, dessen Gedanken der entfernten Zukunft gehören. Zusammen gehört das Dreieck aus räumlichen Gründen: Sie arbeiten alle auf derselben Baustelle.
Der Film beeindruckt durch seine Offenheit. Wie aus der Wirklichkeit gerissen wirken alle Szenen des Films, jede davon einen nicht gelösten Konflikt, eine offene These in sich bergend, die sich zunächst nicht zu einem dramaturgischen Faden aneinander reihen wollen. Erst als Gesamtwerk fügen sich die einzelnen Momente und Motive des Films zu einem beeindruckenden, offenen und durch die Grundstimmung der einzelnen Charaktere zustande gekommenen Bild zusammen. Eine Gesellschaft der Kontraste, der Ungereimtheiten umschlingt immer mehr die einzelnen, auf sich selber angewiesenen Charaktere. Ein Dasein als Individuum wird ihnen aberkannt, ebensowenig ist ihnen ein harmonisches Leben in Zweisamkeit gegönnt.
Nicht wegzudenken bei der Entstehung dieses außergewöhnlich nüchternen Werks ist das von
Iris Gusner und Regine Kühn geschriebene Drehbuch. Die Konstruktion der Szenen, zusammen mit den sehr präzise gestalteten Dialogen ist ohne Ausnahme gleichzeitig politisch, humorvoll und mitreißend. Oder die Leistung der Schauspieler, die ihren Charakteren starke, unvergessliche Konturen verleihen, aber sie immer mitten drin, als feste Bestandteile des Erzählten erscheinen lassen. Ebenso prägnant ist die sehr ausgefeilte Filmsprache, die nahtlos Poetisches und Realistisches verbindet - und zum kompakten, stimmungsvollen Filmerlebnis macht, „Die Taube“ mit einer selten übertroffenen Anzahl an sich im Gedächtnis des Zuschauers einprägenden Szenen bereichernd.
Die Taube auf dem Dach sollte
Iris Gusner Regiedebut werden, und das wurde der Film auch, aber zunächst nur für das Filmteam und für einige Funktionäre der SED. Trotz ausführlicher medialer Berichterstattung während des Drehs, wurde der Film knapp vor seiner Premiere 1973 verboten. Lediglich eine beschädigte Kopie des Films wurde 1990 vom Kameramann des Projekts,
Roland Gräf, wiedergefunden. Aus dem beschädigten Farbfilm wurde ein schwarzweißes Dup-Negativ, und der Film durfte fast 20 Jahre zu spät seine Premiere im Berliner Babylon feiern. Doch diese Version des Films ging auch verloren. Knapp 20 weitere Jahre später findet die
DEFA-Stiftung die Kopie wieder. Die technisch mögliche Rettung einer Farbkopie wird durch das Vorhandensein von lediglich der schwarzweiß-Kopie von 1990 unmöglich gemacht. Der Film wird jedoch digital ausgewertet und darf nun, 2010, aufgrund der abenteuerlichen Geschichte schwarzweiß und um einige Minuten kürzer, regulär in den deutschen Kinos mit einem manifesten FSK Kennzeichen „ohne Alterseinschränkung“ vorgeführt werden.
Die Taube auf dem Dach
R: Iris Gusner
D: Heidemarie Wenzel, Günter Naumann, Andreas Gripp
DDR, 1973, 82 Min.
Copyright: DEFA-Spektrum
Die Taube auf dem Dach - FSK: Ohne Alterseinschränkung